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Ehemalige Autobahn-Zollstation
Dem Kalten Krieg folgen heiße Einsätze

Roland Becker / 06.11.2019, 04:00 Uhr - Aktualisiert 06.11.2019, 06:42
Hennigsdorf (MOZ) Hinter einer kleinen Tür verbergen sich acht Stufen. Bernd Bruckmoser nimmt die wenigen Stufen auf der Metalltreppe und führt seinen Gast in zwei Welten.

Die eine besteht aus "einem Abenteuerspielplatz für Große", wie der Mitarbeiter der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie das Gelände scherzhaft nennt. Die andere ist eine, die zurückführt in die Zeit des Kalten Kriegs. Es ist eine Welt, die den Autofahrern verborgen bleibt, die auf der Autobahn zwischen dem Kreuz Oranienburg und Tegel die doppelte S-Kurve passieren.

Auf den ersten Blick bestimmen Autowracks die Szenerie, um die sich Auszubildende der Berliner Feuerwehr gruppieren. Der Blick schweift weiter zu einem Flachbau mit dem architektonischen Charme der 1970er-Jahre. In dem Betonbau saßen ab 1982 Westberliner Zöllner, die den Transitverkehr kontrollierten. Eigentliche Grenzkontrollen gab es auf Westseite nicht. Das erledigte der Osten auf seine eigene, sehr gründliche Weise. "Ich habe mal meinen Skoda in Hennigsdorf schwarz für 100 DM reparieren lassen. Als ich zurückkam, wurde mein Auto auseinandergenommen. Die Sitze standen draußen", erinnert sich Bruckmoser. Der gelernte Maschinenschlosser stand wortwörtlich vor einem Problem: Was DDR-Grenzer ausgebaut hatten, sollte er wieder fachgerecht im Wagen verankern. Vielleicht, so vermutet er Jahrzehnte später, sei es ein Aufkleber der polnischer Gewerkschaft Solidarnosc gewesen, der die DDR-Grenzer zu dieser Tiefenkontrolle veranlasste.

Intershop-Ware im Blick

Auf Westseite gab es solche Schikanen nicht. "Eine der Aufgaben unserer Zöllner bestand darin, die Transitreisenden zu kontrollieren, die im Intershop eingekauft hatten", erinnert sich Michael Kulus. Der Pressesprecher des Hauptzollamts Berlin verweist darauf, dass an der Grenzkontrollstelle die Steuer eingezogen werden sollte, die in den DM-Shops der DDR für Tabak und Alkohol nicht kassiert wurde. Das System dürfte löchrig gewesen sein. Anzuhalten hatten auch die großen Laster, die von hier ab 1982 Skandinavien, ab 1987 auch Hamburg ansteuerten. Sie seien am Schulzendorfer Kontrollpunkt verplombt worden. Wie die Arbeit auf der Westberliner Seite dieses offiziellen Lochs in der Mauer im Detail aussah, ist schwer recherchierbar. "Wir wissen viel über die Grenze der DDR, aber nichts über den Westberliner Zoll", muss selbst Gerhard Sälter, Sprecher der Stiftung Berliner Mauer, passen. Zollsprecher Kulus umgeht dieses Geschichtsproblem pragmatisch: "Wir haben damals abgeschlossen. Damit war der Fall erledigt." Dieser Fall trat spätestens am 3. Oktober 1990 ein.

Den Schlüssel zur Geschichte hat der Mann von der Feuerwehrakademie. Bruckmoser schließt jene Tür auf, die wie ein Zeitensprung funktioniert. Die verschlissenen Holzmöbel, all der von der Decke gefallene Schutt, Unmengen an Schrott sowie ein Atlas "mit Kartenteil DDR" verraten: Hier hat sich seit der Wiedervereinigung nicht viel getan. Manchmal wabert Theaternebel durch die Gänge und erreicht die ehemaligen Kassenhäuschen. "Wir nehmen hier die Prüfungen für die Zugführer ab", erzählt Bruckmoser, der seit 34 Jahren bei der Berliner Feuerwehr arbeitet und nach der Wiedervereinigung nach Hohen Neuendorf zog. Der Prüfungsnebel soll einen Brand simulieren, aus dem Menschen zu retten sind. Manchmal dienen dafür Puppen, manchmal Kollegen.

Während der Mann von der Akademie über einen Feuerwehrfilm für Kinder plaudert, der jüngst "mit viel Pyrotechnik" in diesem Bau gedreht wurde ("Als ich mal groß war", Kinostart am 28. November), fällt sein Blick in einem der Kellerräume auf eine lange Reihe von Schutz­overalls. Mit Kennerblick weist er darauf hin, dass die schon seit Jahrzehnten aus der Feuerwehr-Mode gekommen seien. Irgendwie muss der Vorrat vergessen worden sein. Vielleicht dient er den Männern des SEK auch als Versteck, wenn das Landeskriminalamt für diese hier eine Übung ansetzt.

Bevor sich die Tür des alten Zollgebäudes wieder schließt, fällt ein letzter Blick an die Decke der Eingangshalle. "Ausführung Mayersche Hofkunstanstalt" ist in dem Glasgemälde zu lesen, das neben dem Funkturm und der Gold­else auch die Wappen von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zeigt. Hier war in den letzten Jahren des Kalten Krieges symbolisch vereint, was erst Jahre später wieder zusammenwachsen durfte.

Übungen, um Menschen zu retten

Mit einer Schlüsselumdrehung verschwindet dieses Kapitel deutsch-deutsch Teilungsgeschichte. Bernd Bruckmoser lenkt den Blick auf den eins­tigen Zoll-Parkplatz, über den gerade ein Lkw eines Oranienburger Schrotthändlers fährt. Dieser bringt Nachschub für die Feuerwehr-Azubis: Autowracks. Um ein solches schart sich gerade eine Gruppe junger Leute, die sich in technischer Hilfeleistung übt. Bruckmoser erklärt: "Jeder muss hier ein Auto zerschneiden. Wenn ein verletzter Mensch zu bergen ist, muss jeder Griff sitzen. Er muss wissen, wie sich das anfühlt." Wenige Meter weiter dient ein weiteres Schrottauto dazu, das Hochziehen einer Lenkradsäule zu üben, um eine eingeklemmte Person befreien zu können. "Vorher muss die Windschutzscheibe raus", weiß der Fachmann.

Über die anfangs erwähnten acht Stufen geht es zurück zum Abenteuerspielplatz, Teil eins. Auf den ersten Blick wirkt dieser wie ein Autofriedhof der BVG. An ausrangierten Trams, U-Bahnen und einem Bus wird jede Art von Katastrophenfall geübt. Ein verrußter Container dient dem Heißbrand-Training. "Die Lehrlinge müsse das Gefühl für Hitze kennenlernen", sagt Bruckmoser. Das Ende des Kalten Krieges hat der Berliner Feuerwehr ein Gelände hinterlassen, auf dem es Tag für Tag heiß hergeht. Um im Ernstfall Menschenleben zu retten.

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