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Krise für Kleinunternehmer
Wenn niemand mehr ein Foto braucht

Hat jetzt Zeit für Selfies: Ralf Nikolai
Hat jetzt Zeit für Selfies: Ralf Nikolai © Foto: Karsten Schirmer
Roland Becker / 25.03.2020, 06:00 Uhr - Aktualisiert 25.03.2020, 14:17
Hennigsdorf (MOZ) Was macht dieser Tage ein Selbstständiger, dessen Handwerksbetrieb offiziell geöffnet ist, der aber weder Kunden noch Aufträge hat? Nichts. Oder fast nichts. So wie Ralf Nikolai. Der in Nieder Neuendorf lebende Fotograf betreibt ein Geschäft in Hennigsdorf. Das durfte, da es unter die Rubrik Handwerksbetriebe fällt, zwar bis Ende vergangener Woche noch öffnen. Nur gebracht hat das so gut wie nichts. Die Kasse klingelte nicht. "Ich hatte drei bis vier Kunden am Tag", blickt Nikolai auf die erste Coronawoche zurück.

Wer sollte auch kommen? "Die Meldestellen in den Rathäusern haben geschlossen", weiß der Fotograf. Also benötigt niemand ein Bild für den neuen Personalausweis. Und Pässe, für die ebenfalls ein Foto benötigt wird, beantragt derzeit schon gar keiner. Wohin soll man mit dem neuen Dokument auch reisen?

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Doch auch das zweite Standbein hat die Pandemie dem Fotografen weggerissen: Partys, Feste, Jubiläen. In den nächsten Wochen hätten Jugendweihen Geld in die Kasse gespült. "Die fallen aus. Und die Schulabschlussfeiern wahrscheinlich auch", befürchtet Nikolai. Sofern Hochzeiten noch stattfinden, gibt es vor der Kamera keine Drängelei mehr. Das Brautpaar wird nur noch von wenigen Angehörigen zum Standesamt begleitet. Für Fotograf Nikolai heißt es: Vor der Tür bleiben! Der Fototermin muss draußen stattfinden, das Standesamt ist dafür tabu. "Das mache ich schon aus Selbstschutz", meint der Nieder Neuendorfer. Auch Firmenjubiläen und Kulturtermine fallen weg. Selbst die Werbefotografie, auf die sich Nikolai ebenfalls spezialisiert hat, "liegt erst mal auf Eis". Unternehmen haben jetzt andere Sorgen, als neue Produkte ins rechte Licht rücken zu lassen. "Die Firmen drehen jetzt den Geldhahn zu und machen da gar nichts", hat er feststellen müssen.

Ralf Nikolai will sich weder beklagen, noch die politischen Akteure in ein schlechtes Licht rücken. "Auf jeden Fall ist das schon mal eine erste Hilfe", lobt er das Hilfsprogramm der Bundesregierung. Kleinstfirmen wie die seinige mit höchstens fünf Mitarbeiter können für die nächsten drei Monate eine Beihilfe von insgesamt 9 000 Euro beantragen. Das decke aber nicht ansatzweise alle Kosten, hat er nachgerechnet. Selbstständige müssten ihren Lebensunterhalt, die Miete für die Firmenräume, Krankenkassen-Beiträge und laufende Kosten wie Versicherungen, Internet und Telefon bezahlen. "Dieses Notpflaster wird den meisten Selbstständigen nicht den ruhigen Schlaf zurückbringen", ist er sich sicher.

Nikolai betreibt ein etabliertes Geschäft. Das dürfte ihm manches erleichtern. Stammkunden werden sich, so darf er hoffen, nach der Krise an seine Dienste erinnern.  Der Kleinunternehmer denkt aber auch an andere, die darauf noch nicht bauen können: "Gerade Start-ups, die noch keine Rücklagen gebildet haben, müssen von der Kreis- und Landesebene besonders betrachtet werden", fordert Nikolai, der für die FDP im Hennigsdorfer Stadtparlament sitzt.

Selbst wenn er oder andere Leidtragende die staatliche Unterstützung bekommen; eins ist Nikolai klar: "An seine Reserven muss man sowieso ran." Kurzzeitig könne es manchem Handwerker helfen, die eine oder andere Rechnung zu schieben. Nur: Auch der, der sie ausgestellt hat, dürfte auf das pünktliche Bezahlen angewiesen sein. Ralf Nikolai hatte auch noch kein Glück, mit seinem Vermieter über eine Stundung der Miete reden zu können. Er erreicht ihn einfach nicht.

Irgendwann, so schwant es dem Fotografen, wird die Deadline erreicht sein. Er hat seine Möglichkeiten schon überschlagen. Wenn er die staatliche Hilfe für Kleinstunternehmer erhält, "dann halte ich bis Juli durch. Ab August wird es schwierig."

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