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Gedenkstätte fühlt sich erneut brüskiert

Bus 824: Die Linie fährt im 20-Minuten-Takt von Hennigsdorf über Leegebruch zum Bahnhof. In einer Online-Petition wird die Verlängerung bis zur Gedenkstätte gefordert.
Bus 824: Die Linie fährt im 20-Minuten-Takt von Hennigsdorf über Leegebruch zum Bahnhof. In einer Online-Petition wird die Verlängerung bis zur Gedenkstätte gefordert. © Foto: Klaus D. Grote/OGA
Klaus D. Grote / 22.12.2016, 05:09 Uhr
Oranienburg (OGA) Der Landkreis und die Oberhavel Verkehrsgesellschaft (OVG) wollen keine Taktverdichtung auf der Buslinie zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Das einzige Angebot, das Kreis und OVG gegenüber Gedenkstättendirektor Günter Morsch in einem mehr als einstündigen Gespräch machten, war eine Erhebung der Fahrgastzahlen.

Gedenkstättendirektor Günter Morsch zeigte sich am Mittwoch enttäuscht. Nach den Beteuerungen des Landrats hatte er mehr von dem Gespräch mit dessen Stellvertreter Egmont Hamelow (CDU) und OVG-Chef Klaus-Peter Fischer erwartet. Landrat Ludger Weskamp (SPD) hatte zuletzt beteuert, dass er sich um eine Lösung im Bus-Streit bemühen wolle. Doch am Mittwoch bedauerte er das Gesprächsresultat. Denn es gab kein Ergebnis.

Dabei war das Treffen in der Verwaltung der Brandenburgischen Gedenkstätten auf Betreiben Weskamps zustande gekommen, nachdem Fischer die Gedenkstättenleitung brüskiert hatte. Als Morsch und der Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen Komitees am 29. November die Unterschriften von 14 127 Besuchern für eine bessere Busverbindung überreichen wollten, wurden sie von Fischer brüsk abgewiesen mit den Worten, "Ich freue mich nicht über ihren Besuch." Die vielfach geforderte Entschuldigung Fischers blieb auch am Dienstag aus. Stattdessen habe sich Fischer über die Konfrontation vom 29. November beklagt, sagte Morsch, der von einer insgesamt angespannten Gesprächsatmosphäre sprach.

Fischer und Hamelow hätten den Bedarf für eine bessere Busverbindung von Anfang an bezweifelt. Fotos vom Massenandrang an den Bushaltestellen und Zeitungsberichte zu überfüllten Bussen seien bezweifelt worden, so Morsch. "Ich empfand das als persönlichen Angriff." Landrat Weskamp wiederholte am Mittwoch die Aussagen der OVG. In diesem Jahr sei nur in drei Bussen eine "Überlastung der Kapazitäten" registriert worden. Dabei würden viele Besucher erst gar nicht auf den nur einmal stündlich fahrenden Bus warten oder auf einen Einstieg in übervolle Busse verzichten, sagte Gedenkstättensprecher Horst Seferens. Auch würden die Interessen vieler, vor allem älterer Oranienburger ignoriert, die sich wiederholt beschwert hätten, weil sie keinen Platz mehr in den Bussen der Linie 804 fänden.

Knackpunkt zusätzlicher Busse bleibt die Finanzierung. Klar ist, dass die allermeisten Fahrgäste, die zur Gedenkstätte wollen, ihre ABC-Tickets bereits in Berlin kaufen. Die OVG bekommt von dem Geld kaum etwas ab und müsste deshalb zusätzliche Ausgaben für die Busse einplanen. Deshalb verwiesen Fischer und Hamelow auf die Zuständigkeit der Stadt Oranienburg, sagte Morsch. Außerdem sei gesagt worden, dass die Infrastruktur für weitere Busse nicht ausreiche.

Neben den Kosten geht es auch um die Zuständigkeiten. Schon der frühere Landrat und jetzige Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) habe die Gedenkstätten bei jeder Anfrage darauf hingewiesen, dass für zusätzliche Busse die OVG zuständig sei. OVG-Chef Fischer wiederum habe erklärt, er mache das, was die Politik bestimme, so Morsch.

Im Kreistag am 7. Dezember wurde ein Antrag der Linken, zusätzliche Mittel für mehr Busse bereitzustellen, von der SPD-CDU-Koalition abgelehnt. Gleichzeitig wurde der Stadt vorgehalten, den Bedarf für ein erweitertes Angebot nicht im Nahverkehrsplan angemeldet zu haben. Die Stadt Oranienburg beklagte wiederum, dass sie an der Entwicklung des Plans nicht beteiligt gewesen sei. Der Landrat erklärte am Mittwoch, "ein attraktiver und leistungsfähiger öffentlicher Personennahverkehr ist unverzichtbarer Bestandteil der Mobilitäts- und Alltagskultur in Oberhavel". Zur Alltagskultur der Entscheidungsträger im Kreis gehört der ÖPNV offenbar nicht.

So geht das unwürdige Hin- und Hergeschiebe der Verantwortlichkeiten zum Ausbau des Busangebots weiter - auf Kosten der vielen Gedenkstättenbesucher aus dem In- und Ausland sowie vieler Oranienburger.

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Benno Koch 22.12.2016 - 14:34:58

Boykottiert der VBB die Gedenkstätten?

Die Gedenkstätte Ravensbrück hat ihre Besucherzahlen innerhalb von zehn Jahren von 95.000 (2005) auf 150.000 (2014) erhöht – also rund 60 Prozent Zuwachs. Jeden Tag besuchen also im Durchschnitt 410 Menschen Ravensbrück. Die Gedenkstätte Sachsenhausen zählt jeden Tag sogar durchschnittlich 1.918 Besucher. Normalerweise würde bei diesen Massen von tatsächlichen Fahrgästen ein Aufschrei vom Besteller Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) durch die Medien gehen. Zum Vergleich: Die Regionalbahn RB66 Berlin-Stettin nutzen pro Tag 890 Fahrgäste - http://www.vbb.de/de/article/ueber-uns/presse/10-euro-ticket-berlin-stettin-erfolgreiche-5-jahres-bilanz/193709.html Tatsächlich sieht die VBB-Anbindung Berlin-Ravensbrück mehr als traurig aus: Nach Ankunft des RE5 aus Berlin in Fürstenberg darf man dort bis zu 33 Minuten auf dem Bus 517, 839 oder 846, warten, um von der Zielhaltestelle Ravensbrück (Himmelpforter Weg oder Dorfstraße) laut VBB-App noch einmal bis zu 24 Minuten zur Gedenkstätte laufen zu müssen. Eine Bushaltestelle Gedenkstätte Ravensbrück gibt es nicht. Und wer zum Beispiel mit dem RE5 um 11:44 Uhr in Fürstenberg ankommt, der darf es sich auf dem zugigen Vorplatz erstmal 76 Minuten gemütlich machen – der nächste Bus kommt um 13:00 Uhr. Da beruhigt es doch ungemein, dass die Wegstrecke zu Fuß auf dreieinhalb Kilometern locker in 50 Minuten zu schaffen ist. Und wie steht es mit der Finanzierung der Busstrecken nach Ravensbrück und Sachsenhausen? Im Artikel wird behauptet: „Klar ist, dass die allermeisten Fahrgäste, die zur Gedenkstätte wollen, ihre ABC-Tickets bereits in Berlin kaufen. Die OVG bekommt von dem Geld kaum etwas ab und müsste deshalb zusätzliche Ausgaben für die Busse einplanen.“ Wäre hier nicht mal ein Grundkurs in ÖPNV-Finanzierung sinnvoll? In einer aktuellen Kleinen Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus heißt es dazu: „Der VBB-Einnahmenaufteilung liegen die Nachfragedaten (Personenkilometer und Unternehmensbeförderungsfälle) aus alle drei Jahre durchgeführten, verbundweiten Verkehrserhebungen zu Grunde (Verkehrserhebung 2010 für die Jahre 2010-2012, Verkehrserhebung 2013 für die Jahre 2013-2015).“ Mehr Fahrgäste bedeuten also mehr Einnahmen – egal wer die Tickets verkauft hat. Fachjournalisten wissen dies natürlich auch so. Wenn ein Geschäftsführer eines Busunternehmens oder ein stellvertretender Landrat dies nicht wissen, sollte man sich von diesen schnellstmöglich trennen. Was den VBB betrifft, so hat dieser bei der Anbindung der Gedenkstätten in unserem Land im besten Fall versagt. Gemessen an der internationalen Bedeutung von Ravensbrück und Sachsenhausen ist jetzt eigentlich die Landesregierung Brandenburg der richtige Ansprechpartner.

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