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Kulturministerin greift in Busstreit ein

Warten am Bussteig: Vier Minuten dauert es noch, bis die Linie 804 am Bahnhof Oranienburg hält und über die Gedenkstätte weiter nach Malz fährt.  Im Bus wird es anschließend  voll. Die meisten Fahrgäste müssen stehen.
Warten am Bussteig: Vier Minuten dauert es noch, bis die Linie 804 am Bahnhof Oranienburg hält und über die Gedenkstätte weiter nach Malz fährt. Im Bus wird es anschließend voll. Die meisten Fahrgäste müssen stehen. © Foto: OGA/Klaus D. Grote
Klaus D. Grote / 21.02.2017, 21:21 Uhr
Oranienburg (OGA) Nach der Fahrgastzählung in der Buslinie 804 wirft Gedenkstättendirektor Günter Morsch dem Landkreis Ignoranz und eine "Irreführung der Öffentlichkeit" vor. "Die Zählung geht bereits vom methodischen Ansatz her am Kern des Problems vorbei", sagte Morsch.

1 012 Fahrgäste benutzen täglich zwischen montags und freitags den Bus der Linie 804, die zwischen Rewestraße in Oranienburg und Malz unterwegs ist. Pro Fahrt sitzen 56 Leute im Bus. Auf dem Abschnitt zwischen Bahnhof und Gedenkstätte sind es durchschnittlich 17 Fahrgäste. Die Zählung per Sensor fand zwischen 4. und 29. Januar statt statt und umfasst alle Fahrten. Insgesamt wurden 21 638 Fahrgäste gezählt. Der erste Bus der Linie startet wochentags morgens um 4.04 Uhr, der letzte um 20.59 Uhr. Die Nutzerzahlen sind also Durchschnittswerte. Am stärksten ausgelastet sind die Busse laut Zählung zwischen 10 und 16.30 Uhr.

Klaus-Peter Fischer, Geschäftsführer der Oberhavel-Verkehrsgesellschaft, stellte die Ergebnisse der Fahrgastzählung am Montag im Wirtschaftsausschuss des Kreistages vor. Das Busangebot auf der Linie 804 sei im Januar ausreichend gewesen. "Unsere Busse können bis zu 150 Fahrgäste gleichzeitig transportieren. Ab 120 Personen sehen wir aufgrund des tatsächlich verfügbaren Platzangebotes einen Handlungsbedarf. Während des gesamten Zeitraums haben wir uns bis auf eine Ausnahme unterhalb dieser Grenze bewegt", sagte Fischer.

106 Fahrgäste seien am 4. Januar um 12.23 Uhr im Bus in Richtung Gedenkstätte gezählt worden. 110 Personen waren es im Bus der Gegenrichtung am 10. Januar um 15.17 Uhr. Am 22. Januar um 15.17 Uhr seien elf Fahrgäste an der Gedenkstätte nicht in den Bus gestiegen. Zu der Zeit hätten sich 102 Personen im Fahrzeug befunden. Es sei also noch ausreichend Platz gewesen. Häufig würden Fahrgäste trotz der Aufforderung der Fahrer jedoch nicht aufrücken, erklärte Fischer.

Hohes Fahrgastaufkommen habe es auch in einzelnen Bussen am 27. und 28. Januar gegeben. Fischer führte dies auf eine "VIP-Veranstaltung" in der Gedenkstätte zurück. "Unsere Recherchen haben das nicht im Detail in Erfahrung bringen können", sagte der Geschäftsführer. Am 27. Januar fand anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages eine Gedenkveranstaltung im früheren Konzentrationslager statt, zu der auch viele Schüler anreisten. Neben Botschaftsgesandten, Ministern, Kreis- und Landtagsabgeordneten, Bürgermeistern und Parteivertretern aus Brandenburg und Berlin legten an diesem Tag auch Innenminister Karl-Heinz Schröter und Landrat Ludger Weskamp (beide SPD) Kränze in der Station Z der Gedenkstätte ab.

Fischer, sagte zum Fazit der Zählung, es habe keine Überfüllung in den auf der Linie eingesetzten Gelenkbussen gegeben. Er wolle aber gerne weiterzählen.Der Abgeordnete Ralf Wunderlich (Linke) kritisierte, die Zählung sei keine Bedarfsanalyse. Er habe im vergangenen Sommer an der Kreisgeschäftsstelle seiner Partei, die sich in der Bernauer Straße befindet, die Personen der Gruppen gezählt, die in Richtung Gedenkstätte unterwegs waren. "1 000 Leute laufen täglich bei uns vorbei", sagte Wunderlich. "Aus einer Fahrgastzählung kann man keine Analyse zum Bedarf machen", kritisierte der Ausschussvorsitzende Peter Ligner (Linke). "Ich sehe nicht, dass wir dadurch wirklich weitergekommen sind." Die Bedeutung der Gedenkstätte, die im vergangenen Jahr mehr als 700 000 internationale Besucher begrüßte, müsse bei der Entscheidung zum Bus-Angebot eine Rolle spielen. "Das ist eine politische Frage", sagte Ligner.

Kulturministerin Martina Münch (SPD) sagte am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa, sie sorge sich um das Ansehen Brandenburgs im Ausland. Es sei nicht zu vermitteln, warum eine bessere Anbindung des international bekannten Gedenkortes nicht möglich sein soll. Direktor Morsch verlangte, "endlich belastbare Vorschläge auf den Tisch zu legen, damit eine bedarfsgerechte Busverbindung sichergestellt werden kann".

Der Abgeordnete Uwe Klein (SPD) sagte, er sehe "keine Fakten für mehr Fahrten" auf der Linie. Er verwies auf den im Oktober 2016 beschlossenen Nahverkehrsplan. Von der Stadt Oranienburg und der Gedenkstätte habe es keine Einwände gegeben. Die Gedenkstätte müsse sich "ein bisschen bewegen", wenn es Bedarf für ein besseres Busangebot gebe, forderte er. Peter Ligner versprach: "Wir wollen die Probleme lösen."

Klaus-Peter Fischer räumte ein, dass man für eine Bedarfsanalyse Besucher, die mit dem Reisebus oder Pkw anreisten, und solche, die bewusst zu Fuß gingen, von der Gesamtbesucherzahl abziehen müsse, um den Bedarf beim Busangebot zu ermitteln. Der Januar, in dem deutlich weniger Touristen unterwegs sind als in anderen Jahreszeiten, sei "möglicherweise nicht repräsentativ" für die Zählung, sagte der Beigeordnete Egmont Hamelow (CDU). Fischer bot an, dazu Gespräche mit der Gedenkstättenleitung führen zu wollen. "Sollte es kein Einvernehmen mit der Gedenkstätte geben, was ich nicht für wahrscheinlich halte, müssen wir weiterzählen", sagte Fischer.

Seit der Fahrplanänderung im Dezember hat sich die Wartezeit für Reisende, die mit dem Regionalexpress RE 5 aus Berlin kommen, für den 804er Bus zur Gedenkstätte auf 15 Minuten verlängert. Immer häufiger treten Besuchergruppen daher den Fußmarsch an, weil sie nicht warten wollen. Guides würden berichten, dass sie jetzt häufiger mit ihren Gruppen zu Fuß zur Gedenkstätte gehen, statt auf den Bus zu warten, sagte Stiftungssprecher Horst Seferens.

Am Dienstagvormittag bestätigte sich diese Einschätzung. Als der etwas verspätete RE 5 aus Berlin um 11.15 Uhr ankam, liefen Besuchergruppen zunächst zur Bushaltestellen und schauten nach den Abfahrtzeiten, um dann doch den Fußmarsch zu wählen. Immerhin schien zu diesem Zeitpunkt die Sonne. Nach Angaben der Gedenkstättenverwaltung würden viele Besucher aber insbesondere auf dem Rückweg, den Bus zum Bahnhof bevorzugen. Denn dann haben sie bereits lange Wegstrecken auf dem weitläufigen Gelände des früheren Konzentrationslagers hinter sich.

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Isa Schroth 22.02.2017 - 07:55:16

Jeder Gang macht schlank!

Was haben die gegen das Laufen? Laufen ist gesund und hält jung. Und was die Wartezeiten der ach so gestressten Touristen betrifft, kann man sich ja mal ein Beispiel an den Pendlern aus Velten, Bötzow, Eichstädt und anderen Provinznestern nehmen, die solche Situationen jeden verdammten Tag ertragen müssen, und nicht nur ein oder zweimal im Leben während der Urlaubsreise. Mit den Fördergeldern für die Gedenkstätte (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) und bei 700000 Besuchern pro Jahr schafft es weder die Gedenkstätte, noch die Stadt Oranienburg, einen eigenen Shuttleservice zu den Stoßzeiten zu organisieren?! Ist doch 'n Wittz! Aber lieber erst das Brett an der dünnsten Stelle bohren und das Problem auf die abwälzen, die keine Lobby haben.

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