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Alt-Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet mit dem israelischen Botschafter Yad-Vashem-Ausstellung in Oranienburg

"Es geht nicht darum, Schuld und Scham einzureden"

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck(links) eröffnete am Freitag die Yad-Vashem-Ausstellung in Oranienburg. Begrüßt wurde er unter anderem von Landrat Ludger Weskamp (Mitte) und OSZ-Leiter Dieter Starke.
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck(links) eröffnete am Freitag die Yad-Vashem-Ausstellung in Oranienburg. Begrüßt wurde er unter anderem von Landrat Ludger Weskamp (Mitte) und OSZ-Leiter Dieter Starke. © Foto: Tilman Trebs/OGA
Tilman Trebs / 12.01.2018, 20:38 Uhr - Aktualisiert 13.01.2018, 13:22
Oranienburg (OGA) Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat am Freitagnachmittag die Yad-Vashem-Ausstellung zur Ehrung der „Gerechten unter den Völkern“ im alten Oranienburger Runge-Gymnasium eröffnet. Eingeladen hatte ihn der Leiter des Oberstufenzentrums, Dieter Starke, dessen Bildungseinrichtung das Gebäude inzwischen nutzt. Die Ausstellung beschäftigt sich mit Menschen, die während der Nazi-Herrschaft Juden vor dem sicheren Tod retteten.

In der Aula der alten Oranienburger Runge-Gymnasiums wurde die Frage diskutiert, wie der Jugend von heute das Schicksal Holocaust-Opfer näher gebracht werden und welchen Beitrag die nächste Generation dafür leisten kann, dass sich die beispiellosen Gräueltaten des Dritten Reiches nicht wiederholen.  

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Die Liste der Redner hätte prominenter kaum sein können: Alt-Bundespräsident Joachim Gauck, Israels Botschafter Jeremy Issacharow, die Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Maya Zehden oder auch der für den deutschsprachigen Raum zuständige Direktor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Arik Rav-On, traten ans Pult.

Und wer glaubte, die Jugend würde das alles in Zeiten, in denen Rechtsaußen wie der AfD-Politiker Björn Höcke eine "erinnerungspolitische Wende von 180 Grad", nicht mehr interessieren, wurde spätestens am Ende der fast zweistündigen Veranstaltung eines Besseren belehrt. Gauck wurde von den OSZ-Schülern und Lehrern mit Dankes-Geschenken geradezu überhäuft.

Arik Rav-On verließ die Aula mit einem Scheck über 1 000 Euro, mit der die Bildungsarbeit von Yad Vashem in Deutschland unterstützt werden soll. "Das Geld haben wir beim Weihnachtsbasar und in anderen Projekten gesammelt", berichtete OSZ-Schülerin Hanna Safarov. "Yad Vashem leistet bewundernswerte und wichtige Arbeit, die uns eindrucksvoll lehrt, Verantwortung zu übernehmen. Das wollten wir gern unterstützen", sagte die Abiturientin.

Seit Freitag ist im alten Runge-Gymnasium die Yad-Vashem Ausstellung zur Ehrung der "Gerechten unter den Völkern" zu sehen. Als solche Gerechte wurden in Israel bislang mehr 26 000 Menschen ausgezeichnet, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um Juden vor der Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager zu schützen. Auf der Liste stehen auch 600 Deutsche. Einige von ihnen werden nun in der Ausstellung in Oranienburg vorgestellt. Joachim Gauck eröffnete die Exposition in Oranienburg.

Seinen jugendlichen Zuhörern in der Schulaula versuchte der Alt-Bundespräsident die Last der Verantwortung zu nehmen. "Das Unheil, das wir Deutschen über Europa gebracht haben, war mehr als schlimm. Aber es war nicht die Schuld Ihrer Generation." Es gehe in der Ausstellung nicht darum, Gefühle von "Schuld und Scham einzureden", sagte Gauck. "Wenn wir uns über die schrecklichen Geschehnisse des Holocaust austauschen, dann hat das den Sinn, uns klarzumachen, dass Menschen immer eine Wahl haben. Das ist das Besondere dieser Ausstellung." Es habe immer Menschen gegeben, die auch in für sie hochkomplizierten Lebenssituationen Nein gesagt haben. "Und es ging, man muss es nur versuchen." Man könne von niemandem erwarten, sich für die gute Sache zu opfern. "Aber, was wir tun können, können wir tun. Ich kann wenigstens Abstand nehmen, vielleicht auch Widerstand leisten. Aber manchmal ist auch nur wichtig, dass wir Zeuge sind. Viele, die damals nicht widerstehen konnten, haben später geholfen, Unrecht wieder gut zu machen."

Ähnlich äußerte sich Yad-Vashem-Direktor Arik Rav-On: Es sei eigentlich unfair, die Menschen heute zu fragen, was sie damals getan hätten. Man könne die Situation nicht nachempfinden,sagte Rav-On. "Wir erwarten von den Menschen nicht, dass sie Courage haben. Die erwarten wir von Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleuten." Aber der Mut, den die Menschen zeigten, die sich dem Nazi-Terror entgegenstellten, könne Vorbild für die Jugend von heute sein. Man solle sich fragen, was man heute tun könne, wenn man Zeuge von Unrecht wird. "Soll ich wegschauen oder wenigstens die 110 wählen? Sie können glücklich sein, in einem Land wie Deutschland leben zu können", sagte Rav-On den Oranienburger Schülern. "Sie haben Demokratie und Freiheit. Sie leben in einem Land, in dem Sie ihre Meinung sagen dürfen und die auch gehört wird. Nutzt das! Und schaut nicht weg! Das, was wir vor 70 Jahren erlebt haben, soll nie wieder vorkommen."

Maya Zehden von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft beklagte allerdings wieder zunehmenden Antisemitismus. Der sei unter anderem unter muslimischen Flüchtlingen verbreitet. "Mit ihnen kommen auch Jugendliche, die mit Antisemitismus aufgewachsen sind." In einigen Schulen habe es bereits Übergriffe auf jüdische Schüler gegeben. "Wir brauchen gerade für die Bildungseinrichtungen dringend Konzepte, wie wir diesem Problem begegnen", forderte Zehden ein schnelles Handeln der Politik.

Die Schüler des Oberstufenzentrums zeigten sich beeindruckt von dem großen Bahnhof im alten Runge-Gymnasium, der von umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen begleitet war: "Wir waren ziemlich aufgeregt vor dem Besuch. Am Ende war es sehr beeindruckend. Vor allem die Rede von Joachim Gauck hat mir gefallen", sagte OSZ-Schülerin Hanna Safarov.

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