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Straßenverkehr
Lkw-Fahrer trainieren in Lehnitz den Blick in den toten Winkel

Aileen Hohnstein / 16.04.2018, 20:31 Uhr
Lehnitz (MOZ) Fahren im Slalom, Gefahrenbremsung und der Umgang mit dem toten Winkel: Lkw-Fahrer trainieren auf dem ehemaligen Kasernengelände in  Lehnitz für mehr Sicherheit im Straßenverkehr – gerade erst wieder.

Den theoretischen und praktischen Unterbau dafür bietet das neue Interdisziplinäre Ausbildungszentrum für Verkehr und Abfallentsorgung Oberhavel (IAZ), dass seine Schulungsräume auf dem Gelände hat.

Mit einem „Das geht gar nicht!“ klettert ein Mann aus dem Führerhaus eines Müllfahrzeuges. Eigentlich hätte er gerade einen Slalom um kleine orangefarbene Pylone fahren sollen, unter dem Eindruck von Alkoholeinfluss. Die Rauschbrille, die auch Stocknüchterne ins Wanken bringt, hat er sich längst von den Augen genommen. 1,8 Promille waren dem Lkw-Fahrer zu viel. Er gehört zu dem Dutzend Berufskraftfahrer für Entsorgungsunternehmen, die zum Teil mit jahrzehntelanger Fahrroutine im sperrigen Mehrtonner unterwegs sind.

Die Promille-Brille hat er von Göran Kronberg erhalten. Der IAZ-Geschäftsführer bietet an Wochenenden Seminare für Führungskräfte oder eben Berufskraftfahrer an. Letztere müssen nach dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz regelmäßig eine bestimmte Anzahl von Weiterbildungsstunden vorweisen können. Dabei geht es nicht nur Fahrsicherheit, sondern auch um den technischen Fortschritt in der Fahrerkabine. Immer mehr Assistenzsysteme wie Abstandswarner, Notbrems- und Abbiegesysteme werden entwickelt, um die Kraftfahrer in unübersichtlichen Situationen zu unterstützen. Auf dem Übungsgelände steht ein Müllsammelfahrzeug, das mit 360-Grad-Kamera ausgestattet ist. Der Laie geht davon aus, das damit alles, was sich rund um das Fahrzeug befindet, auch zu sehen ist. Das ist aber nicht so. Folge: Der Fahrer darf sich nicht ausschließlich auf die scheinbare Sicherheit der Assistenzsysteme verlassen darf, demonstriert Göran Kronberg eindrücklich. Langsam läuft er um das Fahrzeug herum, doch nicht überall ist der Mann in der knall­orangen Jacke auf dem Monitor im Führerhaus zu sehen. Vorn und hinten am Fahrzeug, ohnehin Gefahrenschwerpunkte, patzen die zusammengesetzten Bilder der Kameras.

Mit welchen Schwierigkeiten ein Berufskraftfahrer im Alltag zu kämpfen hat, wird hinterm Steuer schnell deutlich, selbst wenn das Müllauto gar nicht fährt. Eingeschränkte Sicht, vorn und an der Seite. Menschen und Fahrzeuge verschwinden im toten Winkel, der riesig und nie völlig vermeidbar ist. Die Spiegel an der A-Säule (Bereich zwischen Windschutz- und vorderer Seitenscheibe), die für eine bessere Sicht des Fahrers sorgen sollen, bergen ein weiteres Risiko: Sie zeigen zwar viel, was seitlich hinter dem Fahrer passiert, verdecken mit ihrem Aufbau aber auch einiges. Gestandene Männer werden so unsichtbar.

Die meisten Unfälle passieren in diesen sogenannten Kollisionsbereichen, rechts und vor dem Fahrzeug ist es am gefährlichsten. 22 Prozent der Unfälle geschehen direkt im Frontalbereich, 30 Prozent im verdeckten Bereich der A-Säule. Die meisten Unfälle geschehen aber im rechten seitlichen Bereich. Da helfen selbst die vielen Spiegel nicht, die am Führerhaus angebracht sind: die seitlichen Hauptaußen- und Weitwinkelspiegel, die oben angebrachten Front- und Rampenspiegel.

Was ein Fahrer beim Abbiegen alles beachten muss, ist beeindruckend. Er muss auf den Gegenverkehr achten, auf Fußgänger und Fahrradfahrer an der Kreuzung, ob jemand dazugekommen ist, seine Augen schwenken unablässig zwischen den Spiegeln, Anzeigen von Assistenzsystemen und der Umgebung. Dazu dann noch die Unsicherheit des toten Winkels und der Stress durch den Verkehr, zählt Göran Kronberg auf. Viele Verkehrsteilnehmer wüssten gar nicht, welch eingeschränkte Sicht Berufskraftfahrer haben und bringen sich dadurch zusätzlich in Gefahr.

Kursteilnehmer Sven Kummerer kennt die Gefahren. Der 26-jährige Berufskraftfahrer weiß, dass es in seinem Beruf keine hundertprozentige Sicherheit gibt. „Ruhig bleiben und Vorsicht sind das A und O.“ „Das beste Assistenzsystem ist der Beifahrer“, sagt ein Kollege. Wenn für Sven Kummerer ohne Beifahrer eine Situation nicht einsehbar ist, steigt er lieber aus oder holt sich Hilfe bei Passanten. „Er ist schon anstrengend, der Alltag auf der Straße“, sagt er. Das Risiko, es fährt täglich mit.

Marco Dziekanski, seit 27 Jahren Berufskraftfahrer, zählt auf, wann es brenzlig wird: „Immer dann, wenn Fahrer von E-Bikes oder Rennrädern sich schnell der Kreuzung nähern. Wenn ich sehe, dass sich dort schon Personen befinden, weiß ich, dass ich vorsichtig sein muss. Aber wenn sie plötzlich auftauchen oder zum Beispiel nicht auf dem Radweg, sondern weiter entfernt und somit im toten Winkel auf dem Fußgängerweg fahren, sind sie für mich nicht zu erkennen.“

Dass tödliche Unfälle von Lkw beim Rechtsabbiegen, wie kürzlich in Oranienburg geschehen, natürlich eine Belastung für Fahrer darstellen, macht er schnell klar: „Niemand setzt sich ans Lenkrad und sagt sich ‚heute möchte ich Mörder sein’. Der Unfallfahrer wird seines Lebens nicht mehr froh.“ Wahrscheinlich könne er sich auch nicht mehr hinters Steuer setzen, hat seine Lebensgrundlage verloren, mutmaßt Marco Dziekanski. Er wünscht sich eine bessere Verkehrsführung, dass zum Beispiel die Ampelschaltung für Fußgänger etwas früher wechselt und nicht gleichzeitig für Fußgänger und Kraftfahrer auf Grün schaltet. Oder dass Fahrradwege weiter nach vorn gesetzt werden.

Auch Göran Kronberg sieht Handlungsbedarf, um Berufskraftfahrern den Arbeitsalltag zu erleichtern und Gefahren zu mindern. So plädiert er dafür, Radfahrwege farblich hervorzuheben. „Wenn Fahrradwege farblich gekennzeichnet sind, sind sie für Kraftfahrer leichter zu erkennen. So bieten sie mehr Sicherheit, weil diese sich darauf einstellen, dass hier mit einer zusätzlichen Gefahrensituation zu rechnen ist.“ An der Kreuzung in Oranienburg, an der der tödliche Unfall passierte, hörte die farbliche Markierung des Fahrradweges auf. Das sei fatal, da für Kraftfahrer erst einmal nicht ersichtlich sei, ob die Wegführung des Radfahrers geändert wurde oder nicht. „Da sehe ich die Verwaltung in der Pflicht, das deutlicher kenntlich zu machen“, fordert Kronberg.

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