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Do it yourself
Punks beginnen mit Festivalaufbau

Marco Winkler / 31.07.2018, 07:30 Uhr - Aktualisiert 31.07.2018, 11:13
Kremmen (MOZ) Rund 2 600 Besucher werden dieses Wochendende zum Punk-Spektakel „Resist to Exist“ in Kremmen erwartet. Am Montag begann der Aufbau. Insgesamt wird das Festival von 400 Ehrenamtlichen unterstützt.

Einer davon ist Mario, von allen Smiley genannt. Am Montag führt er – natürlich lächelnd – den Redakteur über das Areal. Eines ist gleich zu Beginn klar: Der Umgang ist ein entspannter. Es wird sich nach dem legeren Handschlag geduzt, Nachnamen interessieren nicht. „Seit Freitag sind die ersten sieben Leute von der Infrastruktur-Gruppe vor Ort“, erzählt Mario.

Besonders die Waldbrandgefahr steht aktuell im Fokus. „Im vorigen Jahr sind wir fast abgesoffen, jetzt stehen wir mitten in einer Wüste“, so der 35-jährige Berliner, der seit acht Jahren mithilft, das laut Eigenwerbung größte Do-it-yourself-Festival (deutsch: Mach es selbst!) in Deutschland aufzubauen. „Wir wässern mit viel Aufwand kontinuierlich“, sagt er. Für die Besucher gibt es einige Tipps: reichlich Sonnenschutz mitbringen, viel trinken, Kopfbedeckungen nicht unterschätzen. Der einige Kilometer entfernte See sollte nur nüchtern als Abkühlung in Betracht gezogen werden.

Neu ist wegen der Hitze in diesem Jahr ein Stand der Firma TobaCycle, die Taschenaschenbecher gegen Pfand verleiht. So ein ordentliches Sammelsystem für Zigarettenkippen erscheine zwar etwas konträr zur generellen Punk-Haltung, „aber wir gucken halt, dass wir ökologisch arbeiten. Wir müssen das Gelände im Anschluss wieder besenrein übergeben“, so Mario pragmatisch. Eine weitere Aktion nennt sich „Bier für Müll“. Heißt konkret: Für gefüllte Müllsäcke gibt es von den Veranstaltern Wertmarken, mit denen ein Freigetränk eingelöst werden kann.

Während Mario erzählt, fahren mehrere 40-Tonner aufs Gelände und laden insgesamt 3,5 Kilometer Bauzaun ab. Weitere Lkw haben die Bühnentechnik auf der Ladefläche. Friedemann aus Oberwiesenthal im Erzgebirge stößt zum Gespräch. „Insgesamt bringen drei 40 Tonner die gesamte Technik“, sagt der Veranstaltungstechniker. Er gehört – neben den 400 Ehrenamtlichen – zu einem kleinen Profi-Team. Friedemann sorgt unter anderem für eine intelligente Beschallung. „Die beiden Bühnen sind so ausgerichtet, dass die Anwohner möglichst wenig gestört werden.“ Auch die sonst kugelförmige Bassanlage sei so ausgelotet, dass sie nicht in alle Richtungen schallt. In sengender Hitze haben er und sein Team sowie die Helfer einen schweißtreibenden Job. „Grob brauchen wir zwei Tage, um die beiden Bühnen aufzubauen, danach folgt der Feinschliff.“ Hetzen will er bei dem Wetter keinen.

Auch Lukas ist entspannt. Er hilft nach seiner eigentlichen Arbeit noch beim Festivalaufbau mit. „Warum auch nicht?“, sagt er. „Ich mache alles, fahre Trecker, nehme die Motorsäge in die Hand.“ Tagsüber schafft er für Christoph Brunner. Der Kremmener Landwirt stellt seit 2016 den Punkern sein Areal am Oranienburger Weg zur Verfügung.

Während Smiley zur Mittagszeit ein Brötchen an der improvisierten Freiluft-Ausgabe isst, stößt Erika dazu. Sie ist die Hauptverantwortliche für die Verpflegung der Helfer. „Sophie steht an meiner Seite, unser Koch Jan bereitet schon jetzt in Berlin alles vor“, sagt sie.

Und das ist nicht wenig: Allein am Sonnabend gehen 650 warme Mahlzeiten über die Theke. „Alles für die Helfer, Bühnenarbeiter und Security-Leute“, so Erika aus Göttingen. Was kommt bei den Punkern auf den Tisch? „Eigentlich alles“, so Britta, „vom Schweinefilet mit Kartoffeln bis zum veganen Burger.“

Mario weist auf eine kleine Kuriosität hin: „Die Küchenzeile ist bei uns 75 Meter lang und in einem Stall untergebracht.“ Dort, wo sonst die Kühe fressen, speisen in den nächsten Tagen die Festival-Helfer. „Wir machen gerade natürlich alles mit einem Hochdruckreiniger sauber“, ergänzt Mario.

Für Festivalbesucher wird es auch kulinarisch interessant. So gibt es vormittags einen Frühstücksstand mit vegetarischen Aufstrichen. Allerdings mitnichten solche aus dem Discounter. „Wir produzieren alles selbst“, sagt Erika, „und nehmen kaum industriell hergestelltes Essen.“ Die Zutaten sollen vorzugsweise aus der Region kommen.

Hier – in Kremmen – will das Festival Wurzeln schlagen, die Einheimischen (Kremmener haben wie in den vergangenen Jahren freien Eintritt) sollen mit einbezogen werden. „Uns ist wichtig, dass wir angenommen werden“, sagt Mario. In den vorigen Jahren habe das gut funktioniert. Beschwerden wegen Lärm oder Unsauberkeit auf den Straßen, die die Punks zum Edeka-Markt zurücklegen müssen, habe es nur vereinzelt gegeben. Das bestätigte im vorigen Jahr die Polizei.

Noch ist die Weidefläche von Christoph Brunner als solche deutlich erkennbar. Wenn von Freitag bis Sonntag die erwarteten 2 600 Menschen zur Musik von rund 40 Bands tanzen sowie die Zeltstadt aufgebaut ist sieht das anders aus, da rückt die Landwirtschaft in den Hintergrund. Dennoch bleibt es eine landwirtschaftliche genutzte Fläche, die als solche ausgewiesen ist. Ab 2019 braucht es wegen der Regelmäßigkeit der Veranstaltung – wie berichtet – eine neue Baugenehmigung. Damit das Festival im kommenden Jahr wieder stattfinden kann, „müsste also unverzüglich mit der Aufstellung eines entsprechenden Bebauungsplans durch die Stadt Kremmen begonnen werden“, so  Kreissprecherin Constanze Gatzke.

Erst einmal muss dieses Jahr über die Bühne gebracht werden. Trotz angekündigter Hitze soll es matschig werden, wie Mario während des Rundgangs erzählt. Stolz zeigt er einen Hügel, der zur Matschrutsche umfunktioniert wird. Bei all dem veganen Essen und ökologischen Gedanken – es pogen schließlich Punks in Kremmen.

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