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Kirche
Nach Blitzschlag: Turm vor 90 Jahren eingeweiht

Marco Winkler / 05.08.2018, 10:30 Uhr
Kremmen (MOZ) Eine historische Erzählung über den Kremmener Kirchturm, der vor 90 Jahren wieder eingeweiht wurde, mutet wie eine kleine Legende an: „Es wird einem Handwerker von damals nachgesagt, er habe einen Handstand auf der Spitze vollführt“, sagt Gemeindesekretär Matthias Dill. Direkt aufs Dach nimmt er den Redakteur am Freitag nicht mit, dafür bis in den obersten Turmraum, in dem die Motoren der Glocken liegen. Bis dahin ist es ein – zumindest für eine Person – schweißtreibender Weg.

Doch jeder Aufstieg beginnt unten mit dem Blick nach oben. Wachsame Nebelkrähen überblicken von der Turmspitze aus die Altstadt. Allerdings nicht mehr aus so luftiger Höhe wie vor dem 27. August 1917. An diesem Tag zog ein Gewitter über die Stadt, ein Blitzschlag in den Turm ließ diesen einstürzen. „Elf Jahre dauerten daraufhin die Arbeiten“, so Dill. Der Umbau verlagerte den Aussichtspunkt der Vögel: Der zuvor 37 Meter hohe Turm maß nach der Wiedereinweihung am 5. August 1928 noch 31 Meter. „Wie das kam, kann ich nicht sagen“, so Dill kurz vor dem Aufstieg. Im Pfarrgarten singt seine Frau Sabine „Hallo, schön, dass ihr da seid“ – die Krabbelgruppe trifft sich erstmals nach der Sommerpause.

Letzter Blick vor dem Aufstieg: Historische Fotos zeigen, wie der Turm spitz zulief, der obere Teil war mit Holz verkleidet. Heute ist der Turm kastenförmig, sieht gedrungen aus. Beim Wiederaufbau musste sich die Ästhetik den finanziellen Mitteln unterordnen. Aussichtspunkte wurden zugemauert. Jetzt gibt es im obersten Turmzimmer zwei Luken und vier kleine Fenster, von denen drei keine Sicht mehr bieten: Schleiereulen und Turmfalken haben hier ihre Brutkästen.

Um bis ganz nach oben zu gelangen, müssen 115, teilweise äußerst steile Stufen erklommen werden. Der Weg beginnt rechterhand des Hauptschiffes und führt quasi hinter der Empore in den Turm. Der erste Schritt in den eigentlichen Bau ist einer nach unten – ins Kino. „Wir sind hier über der Orgel“, sagt Matthias Dill vor der Leinwand. „35 Menschen haben Platz, die Stühle sind neu.“ Gemütlich. Wie Heimkino in einer größeren Variante. „Die Tonanlage ist ordentlich“, so Dill.

Einen Raum höher steht die elektrisch betriebene Uhren- und Glockenmechanik. Mit ihren goldenen Zahnrädern wirkt sie, wie aus der Zeit gefallen, ein Anachronismus. „Baujahr 1928“, so Dill fachkundig. Er führt noch eine Etage höher – zu den drei imposanten Glocken. „Sie wurden 1920 gegossen.“ Früher ein Bronzegeläut, wurden die stählernen Glocken nach dem Blitzeinschlag von 1917 gebraucht nachgekauft.

Der finale Anstieg ist der schwierigste: Die hölzernen Stufen sind steil, sehr steil. Meistert Dill den Anstieg mühelos, kommt der Redakteur mit Stift, Block und Kamera ins Manövrieren. Ganz oben angekommen, erreicht zudem die Temperatur ihren Höhepunkt. Kirchen sind immer kühl? Die Turmbesteigung lehrt eines Besseren. Dafür entschädigt der Ausblick aus Fenstern, die noch nicht von Vögeln besetzt sind: kleine Häuser, Störche, Weite, viel Grün.

Wer den Ausblick genießen möchte, sollte sich den 31. August vormerken. Ab 15 Uhr werden 90 Jahre Turm-Wieder-Einweihung mit Kuchen und Führungen nachgefeiert. Kleiner Tipp: Der letzte Anstieg ist schwer, der Rückweg beschwerlicher. Er muss rückwärts auf allen vieren absolviert werden.

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