Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Fall „Yasmina“
Chat-Protokolle verwirren Ermittler

Der dritte Verhandlungstag im Fall der entführten Yasmina aus Gransee fand am Donnerstag am Landgericht Neuruppin statt.
Der dritte Verhandlungstag im Fall der entführten Yasmina aus Gransee fand am Donnerstag am Landgericht Neuruppin statt. © Foto: MOZ
Thomas Pilz / 10.08.2018, 08:31 Uhr
Gransee/Neuruppin (MOZ) Neuruppin.  Während des dritten Yasmina-Prozesstages am Donnerstag vor dem Landgericht Neuruppin

Das vor dem Hintergrund einer möglichen Strafzumessung für den Angeklagten Zakaria H.. Richter Udo Lechtermann dürfte es vornehmlich darum gegangen sein, die besondere Schwere der Tat dieser Kindesentführung entweder festzustellen oder zu widerlegen.

Was Zeugen beitrugen über die polizeilichen Ermittlungen während der Telekommunikatons-Überwachung (TKÜ) im Falle der Entführung und die Auswertung alle Chatprotokolle (Whatsapp, Facebook, E-Mail) stellten Richter, aber auch den Staatsanwalt vor erhebliche Probleme. Zu widersprüchlich und lückenhaft schienen die Angaben – wenngleich moderne Technik zum Einsatz kam und die neue Spezialeinheit des Landes „Besondere Dienste“ eingesetzt wurde. Es zeigte sich aber, dass die Qualität der Übersetzer Zweifel aufkommen ließ.

Kriminalkommissarin Melanie W.  zeichnete als Zeugin freilich ein eindeutiges Bild von den Ereignissen. Die Beamtin hatte mit der Kindsmutter, ebenso mit der Großmutter Kontakt während der dramatischen Ereignisse um den Jahreswechsel 2017/18. Nach ihrem Eindruck versuchte der Angeklagte anfangs, keinen großen Druck auf seine damals schon ehemalige Partnerin auszuüben. Stärker Einfluss auf die junge Mutter im Sinne von Einlenken, versuchte dagegen die Großmutter zu nehmen, so Zeugin W.

Das Schwierige bei der TKÜ und bei der späteren Auswertung der Daten: In drei Sprachen wurde kommuniziert, Tschetschenisch, Arabisch und Deutsch. Wobei die Chat-Partner häufig das Programm Google-Translator benutzten, was unterm Strich für weitere Verwirrung bei den Ermittlern sorgte. Ferner sahen sich die Dolmetscher bei der Übersetzung laut dem zweiten Zeugen, dem Polizeibeamten Norbert B., vor große Probleme gestellt, weil die Dolmetscher sehr lange Zeit benötigten, um die Übersetzungen zu tätigen.

Im Rahmen der Auswertung aller Chat-Protokolle auch aus dem Zeitraum vor der Entführung des Kindes Yasmina in die Niederlanden zeigte sich laut Zeugin W., dass die Kindsmutter sich von ihrem Partner, dem späteren Entführer des Kindes, gefühlsmäßig entfernt hatte. Und als das Kind verschwunden war, sei die Großmutter aktiv geworden und habe auf die Kindsmutter erheblich Druck ausgeübt. „Aber ich hatte laut den Chat-Protokollen nicht das Gefühl, dass der spätere Entführer anfangs bedrohlich auf die Kindsmutter einwirkte“, erinnert die Kriminalkommissarin. Doch habe er später durchaus Druck aufgebaut.

Allerdings schrieb der Angeklagte schon lange vor seiner Tat am 17. Dezember nach einer weiteren Zurückweisung: „Gott wird Dich bestrafen, wird Rache an Dir nehmen.“  Auch hatte er gechattet, sie möge einlenken, „bevor es zu spät ist“. Am 30. Dezember entführte der 40-jährige angeklagte Syrer das Kind Yasmina, am Silvestertag wurde das Kind von der Mutter als vermisst gemeldet.

„Sind  diese Äußerungen nicht als eine klare Bedrohung zu werten?“ wunderte sich der Vertreter der Staatsanwaltschaft an die Zeugin gewandt, die nach eigenem Bekunden vor längerer Zeit häufig mit arabisch sprechenden Ausländern zu tun hatte. Die Beamtin erklärte, derartige Formulierungen seien in diesem Kulturkreis üblich und müssten nicht sofort als extreme Bedrohung aufgefasst werden.

Andererseits sollte man Personen wie den Angeklagten aus Syrien oder die Familie der Kindsmutter nicht als zu naiv einschätzen. Sehr wohl seien sie mit den neuen Medien vertraut. Kenntnis von den Besonderheiten der Rechtssprechung und der deutschen Gerichtsbarkeit hätten sie ebenfalls. Mit anderen Worten: Auch der Angeklagte wusste, was er tat. Vor diesem Lichte gesehen, seien die Chat-Protokolle zu betrachten.

Kompliziert wurden die Ermittlungen für die Polizei auch durch den Umstand, dass der Angeklagte das Handy wechselte, und eigentlich nicht hundertprozentig zu ermitteln war, welche Person sich hinter einer Handy-Nummer konkret verbarg. „Außerdem haben die Experten von der Spezialeinheit während der Suche nach dem Kind allmählich die Überzeugung gewonnen, die Kindsmutter sei unreif und nicht belastbar“, berichtete die Kriminalkommissarin. So sei die Idee verworfen worden, sie zu ihrem früheren Geliebten, dem mutmaßlichen Entführer von Yasmina, fahren zu lassen, um die Kinds-Gefährdung zu mindern.

Info-Kasten

Text

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG