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Gedenken
Zur Erinnerung an Birkenwerders Juden

Heike Weißapfel / 07.11.2018, 15:56 Uhr - Aktualisiert 07.11.2018, 16:56
Birkenwerder (MOZ) Von Heike Weißapfel

Ein Gedenkstein an jüdische Birkenwerderaner, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet worden sind, soll am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am Freitag in Birkenwerder enthüllt werden. Grundlage sind Recherchen des Geschichtsstübchens.

Vera Paulick hat einen dicken Aktenordner vor sich zu liegen. Er enthält Namen von 50 Jüdinnen und Juden, die einst in Birkenwerder gewohnt und gearbeitet haben. Oft sind es Familien, manchmal einzelne Einwohner. Die Namen sollen am Freitag zur Enthüllung des Gedenksteins zwar öffentlich verlesen werden. Aber gedruckt lesen möchte sie sie vorerst nicht. „Wir haben so wenige Erkenntnisse über manche Personen“, sagt sie. „Die Lebensläufe sind so unvollständig.“

Das ist auch der Grund, warum die Mitglieder des Geschichtsstübchens, die sich seit 2015 mit den jüdischen Schicksalen in ihrer Gemeinde beschäftigen, sich eher für einen Gedenkstein als für das Setzen von Stolpersteinen ausgesprochen haben.

Für eine Ausstellung, die im Sommer 2016 im Rathaus zu sehen war, hatte sich eine Arbeitsgruppe von einem halben Dutzend Geschichtsstübchen-Freunden zusammengefunden, um jüdische Bürger in der Gemeinde näher vorstellen zu können. Angefangen haben sie mit 19 Namen. Die meiste Recherche im Internet und in Archiven in Oranienburg, Berlin und Potsdam hat Vera Paulick übernommen, und das Thema hat sie nicht mehr losgelassen.

Das Plakat für die Ausstellung hängt noch in dem winzigen Büro ihres Geschäftes an der Tür, und es ist Vera Paulick anzumerken, dass ihr die Beschäftigung mit den Schicksalen nahe geht, auch wenn es nur eine dürre Zeile ist, die sie zu den Lebensdaten der 50 Menschen ausfüllen konnte, und manchmal nicht mal diese vollständig. „Hier: Aron Schaul. Alles leer, bloß sein Name“, sagt sie.

Über die Familie Burchardt, ist etwas mehr bekannt. Einige der alten Leute in Birkenwerder erinnern sich auch noch an sie, andere halten sich bei dem Thema lieber bedeckt, weiß Vera Paulick auch. In der Hauptstraße 96 haben Hermann Burchardt und seine Frau Therese ein Kaufhaus betrieben, bis sie zwangsweise verkaufen mussten und deportiert wurden.

Hermann und sein Bruder Raphael Burchardt starben im Lager Theresienstadt, bei den übrigen Familienmitgliedern steht „1945 für tot erklärt“. Sie wären wohl die Ersten, die für Stolpersteine infrage kämen, meint Vera Paulick.

Von den 50 Menschen wurden 16 deportiert, 15 überlebten, 3 starben während der Zeit des Nationalsozialismus eines natürlichen Todes, und über die Schicksale von 16 weiteren ist nichts bekannt. Vera Paulick hat übers Internet in Datenbanken geforscht und aus dem Potsdamer Archiv Daten aus der Volkszählung 1939 erhalten, die eine Basis für die weitere Recherche boten. Ein Einwohnerverzeichnis von Birkenwerder aus den 1930er-Jahren stand ihr zur Verfügung.

Mit dem Historiker Hans Biereigel und dem Ortschronisten Siegfried Herfert hatte sie Kontakt, den Jüdischen Friedhof in Weißensee und auch die Gedenkstätten der früheren Konzentrationslager hat sie angeschrieben.

„Es gibt ja auch die Listen über die Deportationen. Die haben die Nazis selber ganz akribisch ausgefüllt“, sagt die 63-jährige gebürtige Birkenwerderanerin. „Wenn da ein Name durchgestrichen ist, dann ist vermerkt, auf welcher anderen Liste er steht.“

Dann fügt sie hinzu: „Dass es Leute gibt, die sowas verleugnen können! Das nehme ich nicht hin. Auch dafür ist der Gedenkstein wichtig, weil wir sichtbar machen, dass wir uns damit beschäftigen.“ Dass die Ausstellung vor zwei Jahren in der Gemeinde viel Anklang und zahlreiche Besucher fand, stimmt Vera Paulick positiv. „Da haben viele doch intensiv gelesen.“

Wirklich fertig sein wird diese Arbeit nie, ist Vera Paulick sich bewusst, aber sie wird weiter recherchieren. In ihrem Ordner hat sie die neuesten Erkenntnisse in grüner Schrift ausgedruckt. Zwei Namen sind zu den 50 dazugekommen. „Max Liebmann. Paul Seelenfreund. Sie tauchen in einem jüdischen Adressenbuch aus der Zeit auf, aber sonst haben wir nichts.“ Aber mit dem Gedenkstein wird künftig zumindest ein bisschen auch an sie gedacht.

Termin

Der Gedenkstein auf der Rasenfläche vor dem Hotel Andersen wird am Freitag, 9. November, um 16 Uhr enthüllt. Geschichtsstübchen, Nordbahngemeinden mit Courage (NmC) und Gemeindeverwaltung laden als Initiatoren die Einwohner ein, der Zeremonie beizuwohnen. Zudem erinnern die NmC Mitglieder anlässlich des 80. Jahrestages der Novemberpogrome in den vier S-Bahn-Gemeinden mit Zitaten bekannter Persönlichkeiten auf Plakaten an dieses Ereignis. Geplant sind auch Lesungen. Termine sind noch nicht bekannt.⇥(zeit)

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