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Lesen für Senioren
„Das gibt mir viel zurück“

In trauter Runde: Kathrin Ewald liest bei Senioren in einer Schildower Pflegeeinrichtung vor.
In trauter Runde: Kathrin Ewald liest bei Senioren in einer Schildower Pflegeeinrichtung vor. © Foto: privat
Charlien Sacher / 29.12.2018, 14:00 Uhr
Schildow (Friederike Kersten) Kathrin Ewald lebt seit 18 Jahren im Ortsteil Schildow der Gemeinde Mühlenbecker Land und engagiert sich dort vielseitig. Sie sammelt beispielsweise Müll gemeinsam mit ihrem Sohn oder singt im Chor der Gemeinde. Beruflich arbeitet sie bei einer Krankenkasse und kennt daher auch die Problematik vieler Pflegeeinrichtungen: Pflegekräften steht oft nicht viel Zeit für die Betreuung der Patienten zur Verfügung. Aus diesem Grund und der eigenen Liebe zum Lesen nimmt sie sich die Zeit, älteren Menschen ehrenamtlich in einer Tagespflegeeinrichtung in Schildow Kurzgeschichten und Gedichte vorzulesen.sind mit ihr ins Gespräch gekommen.

Frau Ewald, Sie lesen Geschichten in einer Betreuungseinrichtung für Senioren vor. In welchem Rahmen finden diese Leserunden denn statt?

Die Pflegeeinrichtung EuVita24 in Schildow hat eine große Wohnküche. Dort setze ich mich dann an einen Tisch zu einer kleinen Gruppe Senioren und einer Pflegerin oder Schwester, stelle mich vor und lese die Geschichten. Natürlich unterhalte ich mich auch mit den Menschen. Nicht nur über die Geschichten, die ich ihnen vorlese, sondern auch über Erlebtes. Manchmal erzählen sie sogar von Ereignissen, die auch ihre Freunde noch nicht kannten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in einer Tagespflege vorzulesen? Gab es dafür einen Auslöser?

Als Auslöser kann man die Initiative meines Arbeitgebers sehen, der uns als Mitarbeitern zum bundesweiten Vorlesetag die Möglichkeit gab, eine Stunde unserer Arbeitszeit ehrenamtlich zum Vorlesen zu nutzen. Nach diesem Erlebnis habe ich dann für mich festgestellt, dass ich das öfter machen möchte. Gerade die Erinnerung an meine Oma war dabei für mich sehr wichtig. Denn auch ihr habe ich, als sie in einer Pflegeeinrichtung lebte, aus Büchern vorgelesen, gemeinsam mit ihr Kuchen gegessen und Karten gespielt, so wie sie es früher für mich gemacht hat. Das Gefühl, ihr meine Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, ist sehr wertvoll und mir noch immer allgegenwärtig. Wichtig ist mir dabei aber auch, dass ich das hier in meiner Umgebung mache und nicht in Berlin.

Wie reagieren Ihre Zuhörer auf die vorgelesenen Geschichten?

Bisher habe ich durchweg positives Feedback bekommen. Die alten Leute freuen sich, mich zu sehen, und auch die Pflegerinnen freuen sich. Manchmal erzählen sie mir Geschichten aus ihrem Leben, was sie eigentlich nicht müssten. Aber sie machen es, weil sie sich freuen. Sonst würden sie mich ja wahrscheinlich auch nicht noch ein weiteres Mal einladen (lacht). Von den Pflegerinnen bekomme ich dann auch Tipps, wie ich mit meinen Zuhörern umgehen soll. Schließlich habe ich ja bis auf meine Oma keine Erfahrung im Umgang mit älteren Menschen. Auch über die Fotos, die ich beim letzten Mal gemacht habe, haben sich alle Beteiligten gefreut.

Welche Art von Geschichten lesen Sie denn vor?

Das ist ganz unterschiedlich. Die Geschichten sollten nicht zu lang sein, denn einigen fällt es schwer, sich lange zu konzentrieren. Ich versuche dabei, darauf zu achten, dass die Texte leicht zu verstehen sind und jeder sich damit identifizieren kann. Oft sind es auch Geschichten von früher, die meine Zuhörer an vergangene Zeiten erinnern. Als ich das erste Mal dort war, habe ich auch eine Sprichwortgeschichte und eine Bewegungsgeschichte vorgelesen. Das war sehr schön, denn das Langzeitgedächtnis der alten Leute funktioniert meist noch ganz gut, und so konnten sie selbst meine Sätze beenden oder kleine Übungen mitmachen. Ihre Freude daran zu sehen, gibt einem sehr viel zurück. Manchmal singen wir auch zusammen Lieder, die alle kennen. Zum Beispiel Kinder- oder Weihnachtslieder.

Wie fühlen Sie sich selbst, wenn Sie vorlesen?

Gesellschaft und soziale Umgebung kommen bei älteren Menschen oft viel zu kurz, sind aber doch so enorm wichtig für sie, das ist bei jeder Lesung zu spüren. Mein schönstes Geschenk ist, wenn es sich für die Leute gut anfühlt, das gibt mir unendlich viel zurück. Das Lesen selbst macht mir schon großen Spaß, und wenn man damit auch noch einige Herzen erfreuen kann – großartig. Ganz nebenbei kann ich auf diese Weise meinen Bücherbestand vor dem Einstauben bewahren. Auf jeden Fall denke ich bei meiner Tätigkeit auch an die kommenden Generationen. Ich möchte ein Stück weit Vorbild für die Kinder sein, vorleben, dass es sich lohnt, seine Zeit mit anderen, die es nötig haben, zu teilen. Ich habe das Gefühl, der Gemeinschaft auf diesem Weg etwas zurückgeben zu können.

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