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Für Unterrichtsräume
Unterm Kulturhaus muss nach Bomben gesucht werden

Bohrungen sind laut KMBD unvermeidlich: Bevor Schüler im Lehnitzer Kulturhaus unterrichtet werden dürfen, muss unter dem Gebäude nach Bomben gesucht werden.
Bohrungen sind laut KMBD unvermeidlich: Bevor Schüler im Lehnitzer Kulturhaus unterrichtet werden dürfen, muss unter dem Gebäude nach Bomben gesucht werden. © Foto: MOZ/Friedhelm Brennecke
Friedhelm Brennecke / 28.02.2019, 13:06 Uhr
Lehnitz (MOZ) um neuen Schuljahr werden in der Grundschule Lehnitz zwei erste Klassen eingerichtet. Das Kunst- und WAT-Kabinett wird ab 5. August zum normalen Klassenraum. Der Fachunterricht findet dann im Friedrich-Wolf-Kulturhaus statt, das zuvor nach Kampfmitteln abzusuchen ist.

Wer eine systematische Kampfmittelsuche fordert, kann selbst zum Opfer seiner eigenen Beschlüsse werden. So ergeht es derzeit der Stadt Oranienburg. Weil sie im zweiten Stock des Lehnitzer Friedrich-Wolf-Kulturhauses den Clubraum ab 5. August übergangsweise als Kunst- und WAT-Fachraum für die nahe Grundschule benötigt, hat die Stadtverwaltung nach Recht und Gesetz beim Bauordnungsamt des Landkreises eine Nutzungsartenänderung beantragt. Die bekommt die Stadt auch. Allerdings nur, wenn sie die Entlassung des Gebäudes aus dem Kampfmittelverdacht nachweisen kann. Daran aber fehlt es.

„Bisher ist nur das Außengelände abgesucht und aus dem Kampfmittelverdacht  entlassen worden, nicht aber die Fläche unter dem Gebäude“, sagt Ordnungs- und Bildungsdezernentin Stefanie Rose (Linke). Das Grundstück liegt in der Gefahrenlage 8. Priorität hatten und haben bei der Stadt aber erst einmal die noch brisanteren Gefahrenlagen 9 und 10.   „Es führt also kein Weg an der Munitionssuche vorbei“, sagt Stefanie Rose. Das sei auch die Einschätzung des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD). Derzeit werde der Zeitplan erarbeitet.

Viele Lehnitzer verstehen die Welt nicht mehr. Der 1950 erbaute Saal wird seit Jahrzehnten als beliebter Veranstaltungsort genutzt. Im viel älteren Hauptgebäude findet regelmäßig eine Büchertauschbörse statt, dort tagen zahlreiche Vereine und der Ortsbeirat. Im Saal steigen  stimmungsgeladene Feste der Karnevalisten oder Hochzeits- und Jugendfeiern. Auch die Wahllokale werden im Saal eingerichtet. Aber niemand kommt auf die Idee, wenn nun noch Schüler das Hauptgebäude mitnutzen, dass plötzlich nach Bomben gesucht werden muss.

„Ich habe mit vielen älteren Lehnitzern gesprochen. Die können das alles nicht nachvollziehen“, sagt Ortsvorsteher Matthias Hennig (SPD). Wenige Jahre nach dem Krieg sei für den Bau der Fundamente des Saals gebuddelt worden. „Auf Bomben ist dort niemand gestoßen. Auch die Absuche des Außengeländes hat nichts ergeben“, so der Ortsvorsteher, der auch Stadtverordneter ist. Im Vorderhaus hätten immer Leute gewohnt. Es sei praktisch ausgeschlossen, dass sich unter den Gebäuden noch explosive Altlasten befinden, ist Matthias Hennig überzeugt. „Deswegen halte ich es in diesem konkreten Fall und entgegen der Auffassung des KMBD für überflüssig, hier noch nach Kampfmitteln suchen zu müssen“, sagt Hennig.

Erst vor einigen Tagen hat es auf dem Gelände schon mächtig geknallt, weil offenbar gestörte Zeitgenossen der Meinung waren, eine dort stehende Markthütte für Ortsteilfeste aufbrechen und in die Luft jagen zu müssen. Dass sich aber unter dem Gebäude noch explosive Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs befinden könnten, kann sich in Lehnitz wirklich niemand vorstellen.

Auch Torsten Reipert mag nicht daran glauben. Als ehrenamtlicher Geschäftsführer der UG (haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft), die das Kulturhaus betreibt, hat er Sorge, dass bereits gebuchte Veranstaltungen im Saal abgesagt werden müssen. Schon jetzt fragten Gäste nach, ob ihre Feiern gefährdet seien. „Schön ist was anderes“, so Reipert, der für die FDP auch dem Stadtparlament angehört. Immerhin habe er monatliche Fixkosten von rund 2 500 Euro, die mit den Veranstaltungen eingespielt würden. „Fallen die aus, hoffe ich auf Unterstützung der Stadt, um das kompensieren zu können“, sagt er. Wirklich Klarheit wird Reipert aber erst haben, wenn der genaue Zeitplan für die Munitionssuche feststeht. „Wir werden das mit Herrn Reipert im guten Einvernehmen absprechen und auch helfen, sollte es Probleme geben“, sagt Stefanie Rose.

Auch aus einem anderen Grund ärgert sich Reipert über die anstehenden Maßnahmen. Denn erst im vorigen Jahr sei das Parkett im großen Saal abgeschliffen und neu versiegelt worden. „Rund 10 000 Euro sind damals insgesamt ins Haus geflossen. Jetzt werden dort die Kampfmittelsucher den Fußboden durchbohren müssen“, sagt Reipert. Tatsächlich soll zur Sondierung das Georadarverfahren  zum Einsatz kommen. Damit kann von außen unter das Gebäude gebohrt werden. Allerdings reichen die Messungen nicht aus, um die Gesamtfläche unter dem großen Saal komplett zu erfassen. Im Haupthaus muss die Kellerdecke durchlöchert werden, um die Fläche darunter vollständig zu sondieren. Diese Arbeiten hätten auf den Betrieb des Haupthauses aber keine großen Auswirkungen, nimmt der ehrenamtliche Geschäftsführer an.

„Wir können nur hoffen, dass bei der Kampfmittelsuche nicht irgendein Schrott gefunden wird und deswegen vielleicht noch alles aufgebuddelt werden muss“, sagen Hennig und Reipert. Denn das wäre für das bisher erfolgreiche Betreiben des Kulturhauses absolut kontraproduktiv.

Grundschule

■ Die Grundschule platzt schon lange aus allen Nähten. Ein Anbau ist geplant.

■  Fürs Schuljahr 2019/20 werden im größten Ortsteil der Stadt so viele Kinder eingeschult, dass zwei erste Klassen einzurichten sind. Platz soll dadurch geschaffen werden, dass der Fachunterricht Kunst und WAT übergangsweise ins nahe Kulturhaus verlagert wird.

■ Alternativ hätten auf dem Schulgelände auch Container aufgestellt werden können. Die sind wegen großer Nachfrage laut Verwaltung aber nur schwer zu bekommen. Außerdem ist ihre Anmietung teurer als die Nutzung eigener Räume.⇥(bren)

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