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Akzeptanz
Junger Schwuler aus Oberkrämer berichtet über seine Erfahrungen

Traust du dich? Unser Gesprächspartner Paul hatte wegen seiner Homosexualität zu große Bedenken sich öffentlich in der Zeitung zu zeigen.
Traust du dich? Unser Gesprächspartner Paul hatte wegen seiner Homosexualität zu große Bedenken sich öffentlich in der Zeitung zu zeigen. © Foto: dpa/Daniel Bockwoldt
Marco Winkler / 23.03.2019, 12:30 Uhr - Aktualisiert 23.03.2019, 13:13
Oberkrämer (MOZ) Die Gemeindevertretung lehnte, wie berichtet, das Hissen der Regenbogenfahne ab. Homosexualität sei Privatsache, es gebe keine Probleme, so die Begründung. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Gespräch mit einem jungen Schwulen aus der Gemeinde.

Paul ist Anfang 20. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Pauls Wunsch nach Anonymität kann als Zeichen betrachtet werden, dass in Oberkrämer der Umgang mit Homosexualität – anders als es einige Abgeordnete wahrnehmen wollen – eben kein unkomplizierter, kein normaler, kein alltäglicher ist; dass es ernste Bedenken junger Homosexueller gibt, die ein Abgeordneten-Wort nicht negieren kann. Aus Angst vor einer möglichen Stigmatisierung, die ihm Steine in den Weg legen könnte, will Paul auch sein Foto nicht in der Zeitung sehen. Steine im Sinne von Blicken und Worten und vorverurteilenden Gedanken. "Ich will keinen Stempel aufgedrückt bekommen", sagt er.

Paul befürchtet, auf seine Homosexualität reduziert werden zu können, wenn er sich öffentlich outet. Er will sich politisch engagieren. "Es soll nicht heißen, dass ich mich darüber bekannt gemacht hätte und sonst keine Qualifikationen habe." Viele würden Schwule gleich in einem vorgefertigten Kontext verorten: ausschweifendes Partyleben, extravaganter Lebensstil, an jeder Ecke der nächste Fick. Glitter, Glitzer und Glory Holes. Das sei okay, jeder solle leben, wie er möchte. "Aber ich habe die Befürchtung, meine Glaubwürdigkeit könnte durch diese unterschwelligen Stigmata ins Wanken geraten", sagt er. Er selbst sei kein Partygänger, kein wandelndes Klischee. "Ich will nicht gebrandmarkt werden."

Die Ablehnung der Regenbogenflagge in Oberkrämer kann er nicht nachvollziehen. Die Begründung, dass es keine Probleme gebe, noch weniger. Nur weil diese nicht gesehen werden, heiße das nicht, dass es sie nicht gibt. "Sicher, es ist Symbolpolitik, aber irgendwo muss ein Anfang gemacht werden." Erst durch viele kleine Schritte sei es schlussendlich im Oktober 2017 zur "Ehe für alle" gekommen. "Ohne Anfänge gibt es keinen Fortschritt. Mich hätte die Fahne in meinem persönlichen Glauben bestärkt, dass es Schritt für Schritt vorangeht in der Gesellschaft, selbst in so einer kleinen Gemeinde wie Oberkrämer."

Paul greift auf einige eigene Erfahrungen zurück. Ehemalige Mitschüler riefen ihm so "Hey, Schwuchtel!" im Vorbeifahren hinterher. In Oberkrämer. "Ein unterschwelliges Unwohlsein verbreitet sich da schon mal", sagt er. Am dunkelsten Ort Deutschlands im Havelland sei es einmal beim Sterne beobachten heikel geworden. "Mitten auf dem Feld kamen drei Leute, einer meinte: ‚Komm, dem hauen wir eins auf die Fresse‘. Ein anderer konnte ihn davon abhalten. Es war aber sehr brenzlig."

Der Umgang mit fremden Menschen sei oft ein Balanceakt. Bei Arbeitskollegen umschiffte er lange Zeit Fragen nach seinem Privatleben. "Das erleichtert einiges an Erklärungen." Nicht einfach bei überdurchschnittlich langen Schichten. Erst nach zwei Jahren hat er sich bei seinen Kollegen geoutet. Davor waren die Bedenken zu groß. Das Outing im privaten Umfeld sei hingegen problemlos verlaufen. "Es gab keine negativen Reaktionen."

Doch zur Selbstfindung eigne sich Oberkrämer nicht. Schwule auf dem Land richten ihren Blick auf die große Stadt, sammeln Erfahrungen, holen sich Selbstvertrauen. "Berlin ist neben dem Internet die Hauptanlaufstelle." Dort warte ein Gefühl davon, wie normal Homosexualität sein kann. Die Regenbogenflagge hätte ein wenig Selbstbestärkung für queere Menschen nach Oberkrämer gebracht, sagt Paul.

Linke blitzen ab, SPD erfolgreich

Am 28. Februar lehnten die Gemeindevertreter in Oberkrämer das Hissen der Regenbogenflagge vor der Verwaltung in Eichstädt ab. Die Linke hatte den Antrag gestellt. Im Vorfeld kritisierten Jusos und SPD die ablehnende Haltung einiger Abgeordneter. Die Kreis-SPD sprang auf das Thema auf. Im Kreistag am 13. März wurde das jährliche Hissen der Flagge vor der Kreisverwaltung am Internationalen Tag gegen Homophobie (17. Mai) mehrheitlich beschlossen.⇥(win)

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