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Denkmal
Maroder Turm: Rapunzel wohnt hier nicht mehr

Marco Winkler / 25.05.2019, 10:00 Uhr - Aktualisiert 25.05.2019, 11:29
Sommerfeld (MOZ) Zwischen Märchen und Traum: Spaziert der geneigte Wanderer oder Ausflügler auf dem Gelände der Sommerfelder Sana Kliniken Richtung Beetzer See, kommt er direkt auf einen alten Turm zu. Kurze Erwartung: Rapunzel lässt ihr Haar nieder. Schnelle Enttäuschung: Der wie aus der Zeit gefallen wirkende Turm zerfällt. Rapunzel wohnt hier nicht mehr.

"Der Wasserturm befindet sich heute in einem jämmerlichen Zustand", sagt Bernd Erzmann aus Oranienburg. Er hat den Turm seit einigen Jahren mit viel Besorgnis im Blick. "Beim nächsten Sturm werden die noch vorhandenen Dachziegel komplett abgetragen", blickt er etwas pessimistisch, aber auch durchaus realistisch voraus. Seine Drohnen-Aufnahmen präsentieren ein – wenn auch morbide-charmantes – Bild des Jammers. Droht bald das Aus des Märchentraums?

Klinken sind Eigentümer

Zumindest wenn es nach den Sana Kliniken geht, ist dem mitnichten so. "Ein Abriss des Wasserturms ist nicht vorgesehen", sagt der für die Unternehmenskommunikation zuständige André Puchta. Ein Erhalt des massiven, achteckigen Turms sei durchaus vorgesehen. "Die Sana Kliniken Sommerfeld stehen mit der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Oberhavel sowie mit einer Firma zur Herrichtung des Wasserturms in Gesprächen", richtet der Pressesprecher aus.

Die Sana Kliniken sind hier als Eigentümer auch in der Pflicht, für den Erhalt zu sorgen. Das bestätigt der Landkreis auf Nachfrage unserer Zeitung. Kreissprecherin Irina Schmidt teilt aber auch mit: "Aufgrund einer fehlenden Nutzung haben die Kliniken keine Erhaltungsmaßnahmen am Wasserturm durchgeführt. Der Zustand hat sich über die Jahre stetig verschlechtert."

Die untere Denkmalschutzbehörde weiß also um den maroden Turm, der zu zerfallen droht. Im Februar 2015 habe die Behörde deshalb laut Irina Schmidt erstmals den Eigentümer auf den schlechten Zustand des Daches hingewiesen und klar gemacht, dass die Sana Kliniken einer Erhaltungspflicht nachgehen müssen. "Ende 2016 wurde das ordnungsbehördliche Verfahren zunächst ausgesetzt, da es einen Interessenten für den Wasserturm gab", heißt es vom Landkreis.

Der mögliche Investor gab sein Vorhaben aber nach kurzer Zeit wieder auf. Behördensprachliche Begründung: planerische Belange. Irina Schmidt sagt, der Interessent sei wegen einer fehlenden Erschließung und dem Waldstatus des Areals vom Projekt zurückgetreten. Das Turmvorhaben hätte jedoch funktionieren können. "Denkmalrechtlich und brandschutztechnisch war bereits eine grundsätzliche Lösung gefunden worden", so Irina Schmidt.

Nach dem Absprung des Interessenten: Stillstand. Der Turm war in seinem schlechten Zustand über Jahre Wind und Wetter wieder gnadenlos ausgeliefert. Jetzt kommt erneut Bewegung in die Angelegenheit  Denkmal. Im März diesen Jahres nahm der Landkreis das ordnungsbehördliche Verfahren wieder auf. Es kam wiederholt zu Gesprächen zwischen Kreis und Kliniken. "Sie wiesen darauf hin, dass es erneut Kaufinteressenten für den Wasserturm gibt", sagt die Kreissprecherin dazu. Der Turm könnte also vor einer Wiederbelebung stehen. Mehr Details zu den Plänen sind noch nicht bekannt. "Konkrete Pläne wurden der unteren Denkmalschutzbehörde noch nicht vorgestellt."

Bernd Erzmann aus Oranienburg, der nach wie vor Gefahr in Verzug sieht, bleibt gespannt, wie und ob sich am etwa 25 Meter hohen Gebäude etwas tut. Er hofft auf die Rettung des Wasserturms. Dieser ist Bestandteil des Einzeldenkmals "Sommerfeld, Waldhausstraße 44, ehemalige Lungenheilstätte Waldhaus Charlottenburg". Im Brandenburgischen Denkmalschutzgesetz ist verankert, dass er "im Rahmen des Zumutbaren nach denkmalpflegerischen Grundsätzen zu erhalten, zu pflegen und zu schützen" ist, richtet Irina Schmidt aus.

Alles beginnt im 19. Jahrhundert

Der Wasserturm kann auf eine mehr als 100-jährige Geschichte blicken, die im Jahr 1912 beginnt. Bernd Erzmann hat die Historie dokumentiert. Eigentlich beginnt diese schon etwas früher als seine Aufzeichnungen. Im 19. Jahrhundert breitete sich – trotz verbesserter Lebensbedingungen – die Tuberkulose nach wie vor aus. Lungenheilanstalten entstanden im Berliner Umfeld. Eine davon zwischen 1912 und 1914 in Sommerfeld: das Waldhaus Charlottenburg. Auftraggeber war die 1920 selbstständige Stadt Charlottenburg (heute Berlin). Schon damals war der bayrische Landhausstil des als Dorfanlage angelegten Areals etwas Besonderes.

Markantes Pultdach

"Der Standort sollte außerhalb der Stadt in freier Natur, von Wald, Wasser und frischer Luft umgeben sein", so Bernd Erzmann. Das Gelände umfasste um die 120 Hektar, die Planungen seien von insgesamt 500 Bettenplätzen in der Heilanstalt ausgegangen. "Der Entwurf und die Planungen stammen vom Architekten Heinrich Seeling", so Bernd Erzmann. "Für seine Verdienste erhielt er seinerzeit die Auszeichnungen Preußischer Baurat und 1924 den Ehrentitel Stadtältester von Berlin."

In der Entstehungszeit des Areals wurde auch der Wasserturm hochgezogen. Er enthielt einen Hochbehälter und ein markantes Pultdach, das die Spitze wie ein Zelt wirken lässt. "Der Turm diente jahrzehntelang zur Versorgung von Trink- und Brauchwasser des Klinikbereiches", so Erzmann.

Als er im Jahr 1965 seine eigentliche Funktion, die ein Tiefbrunnen am See übernahm, verlor – da büßte er auch gleichzeitig Aufmerksamkeit ein und versank in einen Dornröschenschlaf. "Umfangreiche Sanierungstätigkeiten an den denkmalgeschützten Gebäuden im Klinikbereich sind inzwischen vorgenommen worden", so Bernd Erzmann. "Der schützenswürdige Wasserturm ist hier wohl übersehen worden." Er hofft auf eine Revitalisierung von Rapunzels Turm.

Seit 1995 steht der Komplex unter Denkmalschutz

1964 wird das Waldhaus in Hellmuth-Ulrici-Klinik umbenannt. 1987 wird die Klinik für operative Orthopädie gegründet. Nach der Wende übernehmen der Berliner Senat und später der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband die Trägerschaft.

1995 wird das gesamte Gebäudeensemble unter Denkmalschutz gestellt. 1997 wird die Reha-Klinik in Betrieb genommen. Die Klinik für Pneumologie schließt 2004.

Die Sana Kliniken werden seit 2005 von den Sana Kliniken AG und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin getragen.⇥win

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