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Museum
Seit 20 Jahren gehen Besucher freiwillig in den Knast

Marco Winkler / 06.07.2019, 14:00 Uhr
Liebenwalde (MOZ) Und dann fällt die schwere Tür zu und der Besucher sitzt in der Zelle fest: Futterluke und Spion in der braunen Pforte, Eisengitter am Fenster, an den Wänden eingeritzte Strichzeichnungen einstiger Häftlinge. Wenn die Mitglieder des Heimatvereins Besucher durchs Museum im Knast führen, erlauben sie sich gerne einen Scherz. Vor 20 Jahren, im Mai 1999, wurde das Heimatmuseum in Liebenwaldes einstigem Strafgefängnis eröffnet.

Eine der sieben Zellen im bis zur Auflösung des Amtsgerichtes 1952 als Gefängnis genutzten Gebäudes präsentiert sich fast im Originalzustand: harte Holzpritsche, die tagsüber hochgeklappt wurde, weil es Gefangene nicht bequem haben sollten, eine Waschschüssel aus Emaille, ein Hocker (darunter ein Eimer für die Notdurft) und ein Ofen. "Jeder Gefangene hatte einen", sagt Rathausmitarbeiter Uwe Schan. "Allerdings ist dieser eine Attrappe, die Restaurierung hätte sich nicht gelohnt."

Die anderen Zellen sind thematisch aufgebaut: Schifffahrt samt Finowkanal, Eisenbahngeschichte, Handwerkshistorie. "Viele Ausstellungsstücke sprechen für sich", sagt Torsten Schikowski vom Vorstand des Heimatvereins. Vor vier Jahren haben Studenten Konzepte erstellt, an denen sich bei der Neugestaltung orientiert wurde. Die Eisenbahn-Informationen wurden klarer gegliedert, moderne Texttafeln auf Schiebewänden installiert. Echte S-Bahn-Türen öffnen den Weg in eine Zelle, die wie ein altes Bahnabteil aufgebaut ist. Es gibt ein Mini-Modell des Bahnhofs von 1901, einen Streckenplan aus den 1930er-Jahren, Bilder von Max Skladanowsky, einem Pionier der Filmgeschichte. "Als klassisches Heimatmuseum wollen wir dennoch visuell ansprechend sein", sagt der 52-jährige Liebenwalder.

Die vor mehr als 20 Jahren gestartete Arbeit des Heimatvereins, das leer stehende Gebäude als Museum herzurichten, habe schnell eine Eigendynamik bekommen. "Das Gefängnis war ab 1952 die Rumpelkammer des Rathauses", sagt Schikowski. Vorteil: Es wurde so gut wie nichts verändert, die Substanz, heute verantwortlich für den Gefängnis-Charakter des Hauses, blieb erhalten. "Das war ein Segen für das Gebäude", sagt der gelernte Raumausstatter. Er lobt die Arbeit von Jörn Lehmann, Vorsitzender des Vereins und engagierter Hobby-Historiker. "Ohne ihn hätten wir die Geschichte thematisch nicht so gut aufarbeiten können."

Rund 1 000 Besucher zählt das Museum im Jahr. Wegen der Neuerungen kämen wieder vermehrt Liebenwalder, sagt Schikowski. Neulich machten acht Damen aus Hammer einen Ausflug in den Knast. Was Schikowski ärgert: Wenn Radfahrer und Touristen nur mal schnell das Klo nutzen wollen. Er muss dann Überzeugungsarbeit leisten, die Zellen schmackhaft machen.

Der größte Lacher im Museum sei ein Holzkasten mit Kurbel: eine Sackklopfmaschine. Besonders bei älteren Besuchern komme der schlüpfrig anmutende Name an. Die Auflösung ist wenig erotisch: Die simple Maschine sorgte früher dafür, die Mehlsäcke auch bis auf das letzte Korn ausklopfen zu können.

Übrigens: Lange saß damals in Liebenwaldes Gefängnis wahrscheinlich niemand ein. Direkt am Amtsgericht gelegen, dienten die Zellen lediglich als U-Haft.

Öffnungszeitenund Preise

Das Museum hat dienstags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen zwei Euro, Kinder 50 Cent.

20 Vereinsmitglieder haben abwechselnd Museumsdienst. Weitere 20 fördern den Heimatverein auf ideelle Art. "Wer bei uns unter 60 Jahre alt ist, gehört noch in die Jugendgruppe", sagt der 52-jährige Torsten Schikowski.⇥win

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