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Landtagswahl
Piraten-Kandidatin – sozial, grün und nicht digital

Stellt sich zur Wahl: Ria Nicole Schulz tritt für die Piraten als Landtagskandidatin an.
Stellt sich zur Wahl: Ria Nicole Schulz tritt für die Piraten als Landtagskandidatin an. © Foto: Thomas Sabin
Thomas Sabin / 13.08.2019, 11:45 Uhr - Aktualisiert 13.08.2019, 12:43
Oranienburg (MOZ) Ria Nicola Schulz legt den Zeigefinger nachdenklich an die Wange. Die andere Hand tanzt über den Tisch, wenn sie davon erzählt, was ihr an der Politik nicht gefällt.

Sie macht keinen Hehl daraus, dass ihr die Arbeitsweise in den Parteien zu starr ist. Dennoch tritt die 35-Jährige für die Piratenpartei als Kandidatin bei den Landtagswahlen für den Wahlkreis Oberhavel III an. Und das, obwohl sie mit vielen ihrer Aussagen eher an SPD- und Grünen-Politiker erinnert.

"Ich habe lange gegrübelt, hin und her überlegt", sagt Schulz, Mutter einer Patchwork-Familie mit fünf Kindern. Schlussendlich kam sie der Anfrage der Piraten nach und stellte sich der Aufgabe. In die Partei eintreten möchte sie jedoch nicht. Nicht noch einmal.

In der Milchbar in Oranienburg bestellt Schulz Ginger Ale. Sie kommt kaum dazu, einen Schluck zu nehmen. Munter und charmant lächelnd, verrät sie: "Die Themen Kinder, Soziales und Bildung sind mein Steckenpferd." Vom digitalen Wandel, den sich die Piraten groß auf die Fahne schreiben, habe sie kaum eine Ahnung. In diesem Bereich seien andere die Experten, gesteht sie. Ihre Kompetenzen liegen woanders. Das ist vor allem ihrem privaten Umfeld geschuldet.

2012 aus der Partei ausgetreten

"Eine so große Familie war nie geplant", sagt sie und muss lachen. "Mein Partner hat zwei Kinder in die Beziehung eingebracht, ich habe zwei eingebracht und gemeinsam haben wir ein Kind." Die soziale Ader habe sie von ihrer Mutter geerbt. "Sie ist Diplompädagogin. Ich bin quasi damit aufgewachsen. Heute bringe ich mich zudem gerne und aktiv in den Einrichtungen meiner Kinder ein."

Der Vater ihrer großen Kinder habe damals ihr Interesse für Hochschulpolitik geweckt. Später erlebte die gebürtige Berlinerin die Anfänge der Piraten hautnah mit. "Wir haben in Berlin die ersten Crews mitgegründet. Da bin ich aber nach einer gewissen Zeit wieder ausgestiegen. Ich merkte, dass es mir nicht entspricht, in einer Partei zu sein." 2012 trat sie schließlich aus. Ihr Interesse an Politik blieb.

Der Grund für den Austritt sei "dieses Starre" gewesen. "Man ist in einem engen Gefüge. Es gibt Abstimmungen, wo die Partei einheitlich dastehen soll. Alle sollen dieselbe Meinung vertreten. Das finde ich nicht angemessen. Eigentlich vertritt man die Bürger, die einen wählen, und nicht nur die Meinung der Partei oder seine eigene", erklärt Schulz. Das sei nicht mehr zeitgemäß. "Gerade diese Einheitsmeinung von Parteien."

Und dennoch stellt sie sich für den 1. September zur Wahl, "um Vielfalt zu schaffen", betont sie. Wenn es mehr Kandidaten gibt, werde die Auswahl breiter. Es sei wichtig, den Leuten mehr anzubieten. Mit dem Aufkommen der AfD und einigen gesellschaftlichen Ansichten kam in ihr ein Gefühl auf, dass sie dazu brachte, ihren Namen auf Wahlplakate drucken zu lassen. "Die letzte Wahl fand ich erschreckend", gesteht sie. "Ich spürte, dass ich selber wieder offensiver werden muss, wenn ich möchte, dass sich etwas ändert. Ich möchte selber mit anpacken."

Ob sie sich vorstellen könne, je wieder bei den Piraten oder einer anderen Partei einzutreten? "Nö", sagt sie kess und lacht. Eher könne sie es sich vorstellen, in einer Art Initiative von Bürgern, die gemeinsame Ziele verfolgen, politisch aktiv zu werden. "Das fände ich sehr gut. Zum Beispiel eine Vereinigung, die sich gemeinsam für Familien einsetzt."

Mehr Familienfreundlichkeit

Familie, junge Menschen und Bildung bleiben ihre großen Themen. Zudem schreibt sie sich den Ausbau des Personennahverkehrs und des Mobilfunknetzes auf die Fahne. Speziell für ihren Wahlkreis wünscht sich die Studentin der Bildungs- und Erziehungswissenschaften mehr Familienfreundlichkeit, mehr Angebote für Jugendliche, zum Beispiel Jugendcafés oder ein Jugendbeteiligungsbüro, "damit wir die jungen Leute mehr an die Politik heranführen können".

Auch der Einzelhandel beschäftigt sie. "Gerade in Oranienburg muss mehr getan werden." Grundsätzlich sehe sie noch viel Potenzial in der Stadt. Und in der Politik fordert sie mehr Transparenz, auch auf Landtagsebene. "Bürger sollten wieder mehr eingeladen werden, damit sie mehr Lust auf Politik bekommen und mitmachen."

Dass sie irgendwann in Oranienburg landet, hätte sie vor 20 Jahren, als sie das erste Mal durch die Stadt fuhr, nicht gedacht. Die Liebe verschlug sie vor drei Jahren dann doch in die Kreisstadt. "Das ist jetzt meine Heimat", die sie noch mehr kennenlernen müsse, gesteht sie.

An ein Direktmandat glaubt sie nicht. Zum einen lebe sie hier erst seit Kurzem und kenne noch nicht so viele Leute. Zum anderen "gibt es Leute, die schon viel länger politisch tätig sind, bei denen es sehr viel wahrscheinlicher ist". Trotz des eher aussichtslosen Listenplatzes 8 will sie es dennoch probieren. "Ich gehe nicht davon aus, dass ich im Landtag sitzen werde, aber wagen will ich es dennoch."

Zur Person

Ria Nicole Schulz lebt in einer Patchwork-Familie mit fünf Kindern. Die 35-Jährige studiert Bildungs- und Erziehungswissenschaften in Berlin und lebt seit drei Jahren in Oranienburg. Als Parteilose tritt sie für die Piratenpartei als Landtagskandidatin für den Wahlkreis 9 an. Neben dem Studium, dass sie 2020 abschließen möchte, engagiert sie sich in den Einrichtungen ihrer Kinder. Die Familie steht bei ihr an erster Stelle. ⇥tsa

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