Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Landtagswahl
AfD-Kandidat: Der Sowohl-als-auch-Buchberger

HGA_rol_buchberger2 Dr. Dietmar Buchberger AfD Direktkandidat Wahlkreis 7 Landtagswahl August 2019
HGA_rol_buchberger2 Dr. Dietmar Buchberger AfD Direktkandidat Wahlkreis 7 Landtagswahl August 2019 © Foto: Roland Becker
Roland Becker / 13.08.2019, 22:00 Uhr - Aktualisiert 14.08.2019, 07:58
Hennigsdorf (MOZ) Ich bin vom anderen Ufer." Dr. Dietmar Buchberger lacht. Der Satz, mit dem einst Schwule und Lesben bezeichnet wurden, hat für ihn eine grundsätzlich andere Bedeutung. Sein anderes Ufer war Reinickendorf. Und von dort wechselte er 1995 die Havelseite, um nach Nieder Neuendorf zu ziehen.

Doch der promovierte Politiker hat nicht nur die Havelseite gewechselt, sondern auch an einem neuen politischen Ufer angelegt. Die SPD, in die er nach seinem Studium eintrat und deren Fraktion er im Hennigsdorfer Stadtparlament einst leitete, hat er verlassen und eine parteipolitische Pause eingelegt, bevor er 2013 der AfD beitrat. Seit 2016 arbeitet er als Gesundheitsreferent für die AfD-Bundestagsfraktion.

Auf dem Wahlzettel erfahren die Wähler davon nichts. Buchberger kämpft im Wahlkreis 7 (Hennigsdorf, Velten, Kremmen, Oberkrämer und Löwenberger Land) ums Direktmandat. Als Beruf hat er "Arzt" vermerken lassen. Klingt das vertrauenswürdiger, als wenn darauf seine Tätigkeit für die AfD vermerkt wäre? Der 61-Jährige verneint das. "Unter einem Referenten kann sich keiner etwas vorstellen. Die Angabe ist zur Orientierung für die Leute. Damit sie wissen, aus welcher Ecke jemand kommt", argumentiert er.

Aus welcher Ecke der AfD Buchberger kommt, ist hingegen schwer auszumachen. Von Björn Höcke, dem Rechtsaußen in der AfD, setzt er sich ein Stück weit ab, ohne sich aber deutlich zu distanzieren. "Auch nach so vielen Jahrzehnten darf man die Greueltaten der deutschen Geschichte nicht vergessen. Es darf nicht der Verdacht entstehen, dass man sich mit damit gemein machen würde", stellt Buchberger klar. Doch sind es nicht Äußerungen wie die seines Parteifreundes Höcke, die an diesen Grundfesten rütteln? "Ich muss nicht alles bewerten, was jemand gesagt hat", vermeidet der Kandidat klare Worte. Manche Anstoß erregenden Äußerungen "sind vielleicht der Tagesform geschuldet", versucht er, Höcke in Schutz zu nehmen. Er hätte ein Parteiausschlussverfahren begrüßt. Dass es nicht zu Ende geführt wurde, "damit kann ich auch sehr gut leben". Solche Sowohl-als-auch-Sätze lassen den Eindruck aufkommen: Buchberger will das gesamte AfD-Klientel einfangen. Die, die rechts außen stehen ebenso wie die, die es etwas moderater mögen.

Entspannter im Gespräch wirkt der Routinier im Umgang mit der Presse, wenn es um konkrete Probleme geht. Bezahlbares Wohnen ist solch ein Thema für ihn. Früher habe sich die SPD um solche Themen gekümmert. Heute finde der Wähler Lösungen für solche Probleme bei der AfD. Und welche? "Gegen Wohnungsmangel hilft nur Wohnungsbau, und zwar nicht nur der von Sozialwohnungen", gibt Buchberger die Richtung vor. Bei der Frage, wo in den vergangenen zehn Jahren in Oberhavel Sozialwohnungen gebaut wurden, muss der AfD-Politiker passen. Wenn Buchberger von "bezahlbarem Wohnraum" spricht, meint er nicht den Mietwohnungsmarkt, sondern den für Eigentumswohnungen. "Es muss viel mehr öffentliche Förderung in den Bau eigener Immobilien fließen." Buchberger hat dabei eine Klientel vor Augen, die zu viel verdient, um eine Sozialwohnung zu bekommen, zu wenig aber, um eine Eigentumswohnung zu kaufen. Wie und wo genau die Politik bei solch einer Förderung ansetzen sollte, lässt er ebenso offen wie die Antwort auf die Frage, wie der von ihm oft als Beispiel zitierte "Busfahrer der OVG" den Eigenanteil für den Erwerb von Wohneigentum aufbringen soll. Was darüber hinaus den Wohnungsmarkt angehe, "regelt das in einer vernünftigen Marktwirtschaft der Markt über den Preis".

Wird er danach gefragt, wo den Menschen in Kremmen oder Oberkrämer der Schuh drückt, spricht Buchberger die "grausigen Verkehrsverhältnisse" an. Es fehle an ordentlichen Busverbindungen. Der Bahnverkehr sei zu schlecht ausgebaut. Er spricht sich für Veltens S-Bahn-Anschluss aus, befürchtet aber zugleich, dass dann die Regionalbahn Oranienburg-Hennigsdorf eingestellt werde. Auf Nachfrage räumt er ein, dass diese niemand zur Disposition gestellt hat. Dennoch fügt er hinzu: "Ich halte die Gefahr für gegeben." Für den nördlichen Teil seines Wahlkreises fordert er: "Die B96 muss raus aus den Orten. Das brauchen die Anwohner." Auf den Streit vor Ort, auf welcher Route die Trasse verlaufen soll, kommt er hingegen nicht zu sprechen.

"20 Prozent sind realistisch. 24 Prozent halte ich nicht für unrealistisch", orakelt Buchberger über das Wahlergebnis, das er für die AfD erwartet. Könnte eine so starke Partei, die von vielen als Rechtsaußen-Kraft wahrgenommen wird, Einfluss auf wirtschaftliche Aktivitäten internationaler Firmen haben? "Das kann man nicht ernsthaft behaupten", wehrt Buchberger ab. Berichte des nicht als linkes Medium bekannten Handelsblattes, wonach AfD-Erfolge zu einem Problem für Wirtschaftsstandorte werden könnten, hält er für "Panikmache, für Angstmacherei". Wirtschaft funktioniere anders: "Die entscheidet nach eigenen Vorteilen. Jeder, der hier Geschäfte macht, macht das, weil er Geschäfte machen will." Und niemand könne ernsthaft behaupten, dass die AfD ein Klima schaffen wolle, das sich gegen Ausländer richte.

Weshalb aber übernimmt dann Oberhavels AfD auf der eigenen Facebook-Seite fast ausschließlich Nachrichten über Straftaten, wenn sie von Menschen ausländischer Herkunft begangen worden sein sollen? Buchberger behauptet, dass man "im Rahmen der Flüchtlingsproblematik mit ihrem Höhepunkt 2015 auch viele Flüchtlinge gekommen sind, die ein Problem mit sich brachten, was die Sicherheit angeht." Das habe man damals nicht sagen dürfen, darüber sei geschwiegen worden. Vier Jahre später sagt er: "Unsere Nachrichtenverteilung füllt daher Lücken." Lücken? In der Regel greift die AfD dabei Nachrichten aus Medien dieser Zeitung auf. Und dann sagt der Hennigsdorfer einen Satz, der vielleicht den Kern treffen könnte: "Es geht um die Verbreitung der Meldung." Dass der Leser der AfD-Seiten in den sozialen Medien damit ein einseitiges Bild dahingehend erhält, dass er nur von Straftaten von Flüchtlingen oder Menschen ausländischer Herkunft erhält, scheint ihn kaum zu stören. Er beendet das Thema mit dem Satz: "Wenn das so ist, muss man sich das mal angucken."

Mit einem kräftigen und spontanen "Ja!" antwortet Buchberger auf die Frage, ob er so richtig Lust auf die Arbeit im Landtag hat. Doch weshalb hat Hennigsdorfs politische AfD-Allzweckwaffe – er kandidierte schon fürs Landrats- und Bürgermeisteramt, fürs Stadtparlament, für Kreis- und Bundestag – dann nicht um einen erfolgreichen Platz auf der Landesliste? Weshalb ist er auf dieser überhaupt nicht vertreten? Die Antwort bleibt vage. Wenn, dann wolle er direkt ins Parlament gewählt werden. Wenn es jetzt nicht klappe, dann in fünf Jahren. Dr. Buchberger wird dann 66 sein. Kein Alter für einen Politiker. Nur eins steht dem entgegen: Eigentlich wollte der Hennigsdorfer schon vor drei Jahren in Rente gehen. Bis ihn die Partei rief. In die große Politik des Bundestags.

Zur Person

Geboren wurde Dr. Dietmar Buchberger 1957 in Graz (Österreich). Sein Abitur legte er am Französischen Gymnasium in Berlin-Tegel ab. Während des Studiums der Meteorologie und der Medizin beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Nach der Studienzeit arbeitete er als Meteorologe und später in der Pharmaindustrie als Hauptgeschäftsführer im mittlerweile aufgelösten Generika-Verband, einer Interessenvertretung von Pharmafirmen. 2012 ließ er sich als freiberuflicher Arzt nieder. Seit 2016 ist er Referent der AfD-Bundestagsfraktion für deren Arbeitskreis Gesundheit tätig.

Mit seiner Familie zog er 1995 nach Nieder Neuendorf. Er ist seit gut 25 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Tochter und Sohn haben das Haus bereits verlassen.

Seinen politischen Einstieg hatte Buchberger bei der SPD, für die er ins Hennigsdorfer Stadtparlament gewählt und deren Fraktionsvorsitzender er wurde. 2013 trat er der AfD bei.⇥rol

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG