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Vor 80 Jahren
Wie der Briesetal-Bote über den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges berichtete

Bodo Becker / 01.09.2019, 08:00 Uhr
Oberhavel Am Morgen des 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Was bedeutete das für die Menschen nördlich von Berlin? Wie berichtete damals der Briesetal-Bote? Der Lehnitzer Historiker Bodo Becker blickt zurück.

In der Frühe des 1. Septembers 1939 begannen deutsche Truppen zu Lande, zu Wasser und in der Luft mit den Kriegshandlungen gegenüber Polen. Der Sonnabendausgabe des Briesetal-Botens vom 2. September blieb es vorbehalten, die Leserschaft über den Beginn des Vernichtungsfeldzuges zu informieren. Schon die Balkenüberschrift auf dem Titelblatt, "Unsere Wehrmacht im Gegenangriff", war eine Lüge, denn einen polnischen Angriff hatte es nicht gegeben.

Im Unterschied zum August 1914, wo der Briesetal-Bote die Kriegsbegeisterung der Freiwilligen aufzeigen konnte, waren die Berichte der ersten Tage und Wochen in einer unterkühlten, ja fast geschäftsmäßigen Sprache verfasst. Die Haltung der Deutschen zum Krieg zeichnete sich durch eine gewisse Ambivalenz aus, d.h. man fürchtete sich zum einen vor den menschlichen Tragödien und Entbehrungen, war aber durchaus mit einer Revision der territorialen Folgen des Versailler-Vertrages einverstanden.

Eine euphorische Kriegsstimmung gab es daher unter der Bevölkerung nicht, was auch den Nazi-Propagandisten bewusst war. Doch die Provinzzeitungen, in den sechs Jahren nationalsozialistischer Herrschaft in zuverlässige Propagandaorgane umgewandelt, leisteten ihren Beitrag an der sogenannten Heimatfront.

Pressepolitische Leitlinien

Am 4. Oktober teilte der Briesetal-Bote seinen Lesern mit, dass die Heimatzeitung im Auftrag auch an Feldpost-Nummern gesandt wird. Unter der Überschrift "Der Feind liest mit" wurden dem kritischen Leser Ende Februar 1940 die pressepolitischen Leitlinien mitgeteilt. Dazu gehörten u.a. die Einordnung der deutschen Presse "als Instrument der Staatspolitik in den totalen Krieg" und die alleinige Zweckbestimmung des Zeitungsinhalts auf den militärischen Sieg. Die abschließende Warnung: "Wer das nicht begreift, ist ein Schädling", musste man durchaus ernst nehmen, denn die Stigmatisierung zum "Schädling" konnte schlimme Folgen haben.

Mit dem Beginn des Krieges verschärfte der nationalsozialistische Repressionsapparat die Einschüchterungspolitik gegenüber der Bevölkerung. Bekanntgaben von Todesurteilen gegen "Volksschädlinge, Wucherer und Plünderer" sowie schweren Strafen für das Abhören von ausländischen Sendern gehörten dazu. Zwei Lehnitzer Bürger – als Querulanten bezeichnet – wurden der Gestapo Potsdam "zugeführt"(10.8.1940).

In nicht immer nachvollziehbarer Offenheit berichtete die Heimatzeitung über begangene Eigentumsdelikte. Dazu gehörten Vieh- und Fahrraddiebstähle, Diebstähle in Betrieben, Einbrüche und Schwarzschlachtungen. So entwendeten beispielsweise Einbrecher 1941 während eines Luftschutzalarms im Lehnitzer ­Restaurant "Seebad Lehnitz" ein Radiogerät und das Wechselgeld. Detailliert und geradezu Appetit anregend erfolgte wenige Tage vor dem Weihnachtsfest im Jahre 1941 die Aufzählung der Einbruchsbeute aus einer Oranienburger Fleischerei: "Fünf Schlackwürste, eine Gänsebrust, drei Stücken Kotelett und ein Rippenstück...!"

Das Verhältnis der Bevölkerung zu den Kriegsgefangenen im Amtsbezirk gab in den Augen der NSDAP-Führung immer wieder Anlass zu Kritik. Menschliches Verhalten ihnen gegenüber bezeichneten die Nazis als "Ausfluss der ewigen deutschen Humanitätsduselei" (27.3.1940). Mit einer prophezeienden Drohung endete ein Propagandabeitrag und rief ungewollt zum Widerstand gegen Hitler auf: "Dabei sollte doch gerade jeder Deutsche endlich begriffen haben, dass kein Einzelner sich dem Schicksal seines Volkes entziehen kann und die Sünden eines Staatsmannes, wenn er nicht selbst von seinem Volke zur Verantwortung gezogen wird, immer vom ganzen Volke gesühnt werden müssen" (15.6.1940). Abschreckend veröffentlichte der Briesetal-Bote am 1. August 1942 ein Gerichtsurteil, nach dem eine junge Borgsdorferin wegen Kontakten zu einem französischen Kriegsgefangenen für 15 Monate ins Zuchthaus musste.

Schlussfolgernd aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges veröffentlichte die NS-Führung am 5. September eine "Kriegswirtschaftsverordnung". Unter dem demagogischen Leitspruch "Gleiche Opfer von allen!" sollte diese mit Strafandrohungen bei "kriegsschädlichem" Verhalten, einer staatlichen Lohn- und Preispolitik, Steuererhöhungen und einem "Kriegszuschlag" auf Tabak und Alkohol eine umfassende Sozialdisziplinierung der Bevölkerung erleichtern.

Spenden für das Winterhilfswerk

Ergänzend dazu führte man das bereits vor 1939 praktizierte Instrumentarium der Volksgemeinschaftsideologie weiter. So mussten für das Winterhilfswerk alle Lohn- und Gehaltsempfänger ab 1939/40 einen Mindestbetrag entrichten. In großer Aufmachung berichtete die Heimatzeitung über die Zeichnung von Spenden der Einwohner in so genannten "Opferbüchern." Nach einer Veranstaltung 1940 im Lehnitzer Restaurant "Lehnitzsee" am Gutsplatz spendete innerhalb von zwei Wochen jeder Lehnitzer durchschnittlich 2,20 RM (entspricht 7,87 Euro Kaufkraft).

Festgelegte Reichsstraßensammlungen belasteten das Haushaltsbudget der Familien zusätzlich. Die Materialsammlungen während des gesamten Kriegsverlaufs spiegelten die angespannte Rohstoffsituation und die zum Teil nicht entsprechende Ausrüstung der Soldaten wider. Zigarettenspenden für die Frontkämpfer; Metallspenden, denen 1941 in Oranienburg das Kriegerdenkmal für die Reichseinigungskriege und das Bismarck-Denkmal zum Opfer fielen; Aufrufe zu Werkzeug-, Grammophon und Schallplattensammlungen, beispielsweise in Borgsdorf; Sammlung von Kartoffelkraut für die Zellulosegewinnung. Als der Briesetal-Bote Anfang Januar 1942 unter der Überschrift "Triumph der Volksgemeinschaft" die Ergebnisse einer Wintersachensammlung veröffentlichte, war dies auch ein Eingeständnis, dass die Soldaten nur unzureichend auf den zweiten Kriegswinter im Norden und Osten Europas vorbereitet waren.

Maulbeerbäume vor der Schule

Die Jagd nach den knappen Rohstoffen trieb seltsame Blüten. Im Januar 1940 rief die NSDAP-Führung des Kreises Niederbarnim zur Naturseidegewinnung auf. Für die dafür notwendigen Seidenraupen sollten zunächst Maulbeerbäume gepflanzt werden, was – historisch gesehen – eine Vorgeschichte besaß. Denn bereits Friedrich der Große hatte den damaligen Erbpächter von Lehnitz angewiesen, 500 Maulbeerbäume heranzuziehen. Dieser hatte die Auflage nie erfüllt. Nach fast 170 Jahren pflanzten nun Borgsdorfer Schüler insgesamt etwa 2 000 Maulbeerbäume vor ihrer neuen Schule (18.4.1940).

Besonders bedrückend gestaltete sich die Lebenssituation der noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Bürger. Das Regime schreckte vor keiner Terrormaßnahme oder propagandistischen Hasstirade zurück, um die jüdische Bevölkerung zu Feinden ihres bisherigen Vaterlandes abzustempeln. Ende 1940 lief in den Kinos der antisemitische Propagandafilm "Der ewige Jude" an. Dazu veröffentlichte der Briesetal-Bote einen längeren Beitrag.

Am 12. September 1941 gab der Bürgermeister von Birkenwerder die "Einkaufszeiten für Juden" bekannt, die täglich auf eine Stunde beschränkt wurden. Nur drei Tage später mussten alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr einen gelben Davidstern sichtbar an ihrer Kleidung anbringen. Die Heimatzeitung informierte ihre Leser am 25. Oktober darüber, dass 1933 in Oranienburg noch 63 Juden lebten. Jetzt müssten die noch verbliebenen 21 den Davidstern tragen. Damit sollten sie sofort erkennbar sein und "sich keine Vorteile erschleichen dürfen", wurde den Lesern mitgeteilt. In Wahrheit diente die Kennzeichnung bereits der Vorbereitung für die geplanten Deportationen in die Vernichtungslager.

Mitte November 1941, wenige Wochen vor der berüchtigten Wannsee-Konferenz, machte der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, auch die Leserschaft mit der Zielstellung der Judenverfolgungen vertraut. Danach betrachtete das Regime die "Judenfrage" erst dann als gelöst, "wenn es in Deutschland und auf dem gesamten europäischen Kontinent keine Juden mehr gibt". War den Lesern die verbrecherische Konsequenz dieser Aussage bewusst?

Unser Autor ist Historiker, wohnt in Lehnitz  und berichtet in unserer Zeitung regelmäßig über die Regionalgeschichte.

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