Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Mauerfall-Geschichten
Eine kurze Zeitspanne, die alles für immer veränderte

Daria Doer / 11.09.2019, 13:43 Uhr
Oranienburg Als Freya Klier und Stephan Krawczyk am Dienstagabend in der Oranienburger Stadtbibliothek ihren ersten Text gemeinsam vorlesen, ist die enge und dumpfe Atmosphäre der Diktatur sofort gegenwärtig. Auf ehrlichem, geradem Weg kann hier niemand sein Ziel erreichen, jeder verbiegt sich oder wird verbogen, jeder ist Täter und Opfer zugleich.

In dem im Mai 1986 entstandenen Dialog diskutiert ein Ehepaar, warum dem Nachbarn die Reise in die freie, bunte Welt da draußen gestattet, ihnen aber verweigert wurde. War man zu spät zur Wahl erschienen, oder wurde der Papierdrachen der Tochter vor dem Fenster als ein Zeichen der Opposition verstanden? Wer trägt die Schuld?

Im Publikum ist nicht einmal ein unterdrücktes Husten zu hören, als Freya Klier erzählt, wie der Text im Mai 1986 entstand und wegen des Berufsverbots der beiden nur in einigen Kirchen aufgeführt werden konnte. Wie sie selbst mit wenig Erfolg versuchte, Unterschriften zu sammeln für einen Appell, der Informationen über den Reaktorunfall von Tschernobyl forderte. Jenen Unfall, der dazu führte, dass Salat, Erdbeeren und Pilze plötzlich in Kindergärten und Kantinen in Ostberlin serviert wurden. "Jeder ist von der Katastrophe betroffen, jedoch nicht tief genug, um seine Feigheit zu überwinden", schrieb sie damals.

23 Autoren aus Ost und West

Zum ersten Mal in Brandenburg stellt sie nun das Buch "Und wo warst Du?" vor, in dem 23 Autoren aus Ost und West von ihrem Erleben des Mauerfalls berichten. Von den gewaltigen Veränderungen, die diese kurze Zeitspanne in ihrem Leben bewirkte. Im zumeist älteren Publikum meldet sich nur einer auf die Frage, wer nicht mehr wüsste, wo und wie ihn die Nachricht von der Grenzöffnung erreicht hat.

Stephan Krawczyk umrahmt den Abend mit Liedern, zu denen er sich mit Gitarren und Harmonika selbst begleitet, mit Texten, die ironisch oder ernst an DDR-typisches Verhalten erinnern.

Dann trägt Nadja Klier ihren Text "Der Himmel über uns" vor. Sie schildert, wie die Familie in einem Hinterhaus in der Oderberger Straße wohnte, in einer Straße, die abrupt an der Mauer endete. Sie war gerade 15 Jahre alt, als sie allein in der durchsuchten Wohnung übernachten musste, weil die Mutter verhaftet worden war. Noch in der Nacht erfuhr sie von der Ausweisung am nächsten Morgen und musste ohne fremde Hilfe einen Koffer zusammenpacken. Sie verabschiedete sich von der besten Freundin auf Nimmerwiedersehen. "Alles ist auseinandergebrochen, unser ganzes Leben."  Der Kummer der beiden unschuldigen Jugendlichen bewegt die Zuhörer sichtbar.

Mit Uwe Spindeldreier, dem ehemaligen Abteilungsleiter im Bundespresseamt, kommt dann eine eher nüchterne Stimme zu Wort. Im Kapitel "Ich war ein kalter Krieger" berichtet er, wie unzeitgemäß es auch auf westlicher Seite viele Jahre war, politisch auf eine Wiedervereinigung hinzuarbeiten. Er erinnert an wichtige Schlagworte wie "Wandel durch Annäherung", die heute fast vergessen sind, damals aber die Mauer als unveränderliche Konstante hinnahmen.

Schließlich mündet der Abend in eine kurze Gesprächsrunde, in der das Publikum zu Wort kommt. Eigene Erfahrungen und Fragen nach historischen Fakten zeigen, wie sehr der Abend die weit mehr als 100 Zuhörer beeindruckt und berührt hat.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG