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Montagsdemo am 9. Oktober 1989
70 000 Demonstranten auf der Straße – und eine Frau aus Lehnitz mittendrin

Stefan Zwahr / 09.10.2019, 06:33 Uhr
Lehnitz/Leipzig (MOZ) Alle würden im Jubiläumsjahr in erster Linie von der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 erzählen, ist die Wahrnehmung von Marianne Kordecki. Das historische Ereignis habe aus Sicht der Lehnitzerin aber eine Vorgeschichte gehabt. Dazu gehöre der 9. Oktober. "Der Tag war viel wichtiger." Es war die Zeit der Montagsdemonstrationen. Und an jenem Tag vor 30 Jahren gingen in Leipzig Zehntausende auf die Straße. "Es war der Wendepunkt. Danach nahm alles seinen Lauf."

Marianne Kordecki (damals Birkenbusch) war dabei. Die 18-Jährige lebte in Schwerin und nutzte wenige Wochen nach dem Abitur eine Rückfahrt aus Weimar, um zwei Tage nach dem Geburtstag der Republik an der Demo teilzunehmen – mit einem mulmigen Gefühl. "Wir hatten unheimliche Angst", erinnert sich die gebürtige Hallenserin. Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Peking vom Juni 1989 war noch in bester Erinnerung. "Es gab Gerüchte, dass in Krankenhäusern die Blutkonserven aufgestockt und Chirurgen zu Sonderdiensten verpflichtet worden seien."  Und dann habe es eine als Leserbrief getarnte Drohung vom Kampfgruppen-Kommandeur der Hundertschaft "Hans Geiffert" gegeben, wonach zur Not Gewalt angewendet werde. "Erst später erfuhren wir, dass es einen Befehl zur Niederschlagung aus Berlin gegeben hat."

Wenngleich Kordecki in einem kirchlichen Umfeld aufwuchs, "habe ich immer Glück gehabt". Die Zulassung zur EOS gab es ebenso wie einen Architektur-Studienplatz. "Darum hatte ich durchaus etwas zu verlieren. Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat, in Leipzig auf die Straße zu gehen." Schon damals sei sie ein politisch denkender Mensch gewesen, dem Demokratie, Meinungs- und Reisefreiheit sowie Rechtsstaatlichkeit wichtig waren. "Aber ich habe das nie so umgemünzt, dass ich etwas gegen dieses System hätte tun und in Bautzen landen wollen." Vielleicht habe es den Gedanken gegeben, schlimmstenfalls ausreisen zu wollen. "Mein Studienplatz und die Aussicht auf Änderungen hielten mich im Land."

Letztendlich sei an jenem 9. Oktober doch der Mut da gewesen. "Obwohl ich es nicht als mutig bezeichnen würde, was ich gemacht habe. Ich habe an diesem Tag auf der Straße Mütter mit Kindern gesehen. Die waren mutig. Ich habe hingegen für niemanden die Verantwortung gehabt, außer für mich selbst". An die Demonstration erinnert sie sich noch genau. "Wir trafen uns in einer verfallenen Bude eines Theologie-Studenten." Kleine Gruppen wurden gebildet, um im Ernstfall besser flüchten zu können. Eine Kontaktkette wurde ebenso vereinbart wie eine verbindliche Uhrzeit zum Treffen danach. "Wer fehlt, dem ist definitiv etwas Schlimmes passiert."

Zu den diversen Kirchen habe man wegen Überfüllung keinen Zutritt bekommen. "Die Seitenstraßen waren voller Einsatzkräfte mit Helmen, Schutzschilden und Schlagstöcken. Ich kann mich entsinnen, dass ich nach Panzern geguckt habe. Aber es waren keine da." Auf den Dächern seien Gestalten zu sehen gewesen. "Irgendwann waren die Friedensgebete zu Ende und es kam das Signal, sich in Bewegung zu setzen." Es ging entgegengesetzt zum Uhrzeigersinn um den Promenadenring, der die Innenstadt umschließt – "vorbei am Gewandhaus, dem Hauptbahnhof und der Stasi-Zentrale am Dittrichring". Die Angst lief mit – verging aber schnell. "Die Anspannung war nach wenigen Minuten weg und wich einem euphorischen Gefühl.  Wir waren einfach so viele." Es sei keine Polizei mehr zu sehen gewesen. "Nur Menschen. Unfassbar viele Menschen." Durch die Lautsprecher vom Stadtfunk schallte immer wieder der Aufruf der "Leipziger 6" zu Gewaltlosigkeit und Dialog. "Alles blieb friedlich", ist Kordecki noch heute froh.     "Allen war damals klar, dass wir etwas Besonderes miterlebt haben. Dennoch herrschte eigentlich Sprachlosigkeit. An die Wiedervereinigung hat noch keiner gedacht." In den Tagen danach habe dann das Ganze einen unglaublichen Drive bekommen. "Die Menschen hatten ihre Angst verloren." Die Montagsdemonstrationen wurden immer größer, Erich Honecker trat am 18. Oktober zurück und die Mauer fiel schließlich dann am 9. November.

Und was wurde aus der jungen Schwerinerin? Sie ist verheiratet, lebt in Lehnitz und ist Mutter zweier Kinder. "Ich bin froh, dass sie in Freiheit aufgewachsen sind." Sohn Edgar spielt Fußball beim Brandenburgligisten TuS Sachsenhausen, Tochter Lea arbeitet im Kreismuseum. Marianne Kordecki ist heute Leiterin Technik bei der Wohnungsbaugesellschaft Oranienburg. "Die Wende kam für mich zum richtigen Zeitpunkt." Der DDR weine sie keine Träne nach. "Dennoch will ich die Erfahrungen nicht missen. Ich bin stolz, aus dem Osten zu kommen." Leipzig sei für sie immer noch ein besonderer Ort. Und demokratische Grundwerte ein hohes Gut. "Nur an einem Ort gibt es keine Demokratie: Auf der Baustelle."

Erlebnisse in der DDR: Flugzeugabsturz und Comic

Marianne Birkenbusch (jetzt Kordecki) besuchte die Schweriner Schneller-Schule – und erlebte damit eine Tragödie hautnah mit.

Am 12. Dezember 1986 stürzte ein aus Minsk kommendes Flugzeug bei Schönefeld ab. 72 Menschen starben, darunter 20 Jugendliche aus ihrer Parallelklasse, eine Lehrerin und zwei Betreuer.

Die Abschlussfahrt nach Minsk, und somit auch dieser Flug, war eigentlich für ihre Klasse vorgesehen. "Aus Kostengründen haben wir ,getauscht’ und fuhren nach Harachov."

Eine echte Trauerkultur sei in den Tagen danach von der Staatsmacht verhindert worden. "Bei der Gedenkfeier wurden Leute in FDJ-Hemden hingesetzt, die keinen Bezug zu den Opfern hatten und nicht emotional berührt waren."

Gefeiert wurde indes ein halbes Jahr später. Die zehnte Klasse war geschafft. "Ich war an der Abschlusszeitung beteiligt und zeichnete einen Comic über die dramatische Entführung der Biologie-Lehrerin, die vom Superhelden, unserem Russischlehrer, gerettet wurde." Das Gefängnis war ein Klohäuschen. Auf diesem stand "SED" (Sitzt einer drauf!), innen zu lesen: "KPD" (Kein Papier da).

Die Folgen: "Fast alle Exemplare wurden konfisziert. Der Ball wurde abgebrochen. Und an meinem ersten Tag an der EOS musste ich zum Schuldirektor. Dort erwarteten mich zwei Herren von der Stasi. Sie hatten ein Exemplar der Zeitung dabei und bemerkten, dass sie ein Auge auf mich hätten."

Konsequenzen gab es nicht. "Das kann ich mir bis heute nicht so richtig erklären. Ich kam aus einem kirchlichen Umfeld und habe trotzdem immer ,Glück’ gehabt."⇥sz

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