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Natur
Ferndiagnosen per Telefon gibt es nicht

Jürgen Liebezeit / 09.10.2019, 07:00 Uhr
Bergfelde (MOZ) Pilzsammler kommen in Oberhavel nun wieder voll auf ihre Kosten. Mit Beginn der feuchteren Tage sind die Voraussetzungen für das Sprießen von Steinpilzen und Maronen deutlich gestiegen.

Gerade in den Kiefernwäldern mit den nährstoffarmen Böden und viel Moos haben Sammler große Chancen, auf essbare Exemplare zu stoßen. Auch in lichten Laubwäldern kann das Pilzvorkommen recht hoch sein.

Vor vier Wochen hat noch kein Experte daran geglaubt, dass nach den beiden trockenen Sommern die Pilze derart üppig sprießen. "Das liegt an den ergiebigen Regenmengen, die in den vergangenen Tagen gefallen sind und an der guten Temperatur ", erklärt die Bergfelder Pilzsachverständige Elke Höricke (kleines Bild). Das Mycel, also die fadenförmigen Zellen eines Pilzes unterhalb des Fruchtkörpers, haben sich während der Trockenheit in den Boden oder auch in das Holz eines Baumes zurückgezogen. Durch die ideale Kombination von Temperatur und Feuchtigkeit wurden daher jetzt so viele Fruchtkörper gebildet. Dass es an einigen Stellen im Wald massenhaft Pilze und an anderen fast gar keine gibt, sei Zufall oder habe mit den Gegebenheiten im Untergrund sowie dem Bewuchs zu tun. "Oft wurde auch nicht richtig hingeguckt oder die Stelle wurde bereits von anderen Sammlern abgesucht", mutmaßt die 56-jährige Bergfelderin. Sie rät davon auch ab, Pilze zu verzehren, die nachts Frost abbekommen haben. Derzeit ist schon mit erstem Bodenfrost zu rechnen. Ausgenommen davon sind die Winterpilze wie zum Beispiel der Frostschneckling.

Eine geradezu philosophische Frage ist unter Pilzsuchern, wie Maronen und Co. geerntet werden sollen. Elke Höricke ist da ganz pragmatisch: "Beides ist möglich." Ein Messer sollte der Sammler aber immer dabeihaben, um die Pilze gleich vor Ort auf Madenfraß zu untersuchen, schadhafte und angefressene Stellen herauszuschneiden und sie von Schmutz zu befreien. Das erspart das mühsame Putzen in der heimischen Küche. Sie dreht in der Regel die Pilze aus dem Boden heraus und verdeckt die Bruchstelle wieder, um das Mycel vor dem Austrocknen zu schützen.

Ob dann in der nächsten Saison genau an dieser Stelle wieder der Pilz aus dem Boden schaut, ist unklar. "Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, aber es muss nicht so sein", sagt die erfahrene Pilzsammlerin, die vier Jahre lang zu einer Sachverständigen ausgebildet wurde. "Aber ich erkenne immer noch nicht alle Pilze und lerne jeden Tag dazu", räumt sie unumwunden ein. Sie sei aus reiner Neugierde zu dem Ehrenamt gekommen. "Ich habe mich schon immer für für die Natur interessiert und wollte wissen, wie die Blume oder die Kräuterpflanze heißt. Irgendwann hat mich dann auch das Pilzfieber erwischt", sagt sie und rückt ihre Brille zurecht, um vor ihrer Haustür die Sammlung eines Bergfelders zu bestimmen.

Elke Höricke rät Anfängern, mit sogenannten Röhrlingen zu beginnen. Die Pilze sind leicht zu erkennen. Und in Brandenburg gibt es äußerst selten giftige Arten wie den Satansröhrling, der kalkhaltigen Boden liebt. Vorsicht ist auch beim Gallen-Röhrling geboten, der leicht mit dem Steinpilz oder auch mit der Marone verwechselt werden kann. Der Pilz kann wegen seiner Bitterkeit ein komplettes Gericht verderben. Wer unsicher ist, sollte auf jeden Fall einen Sachverständigen aufsuchen (siehe Info-Kasten). Wer Erfahrung und Sachkenntnisse hat, kann sich auch mit Lamellenpilzen wie dem Täubling versuchen.

Speisepilze sollten frisch verarbeitet werden, da sich ihr Eiweiß schnell zersetzt und unbekömmlich oder sogar giftig werden kann. Deshalb kann der Verzehr von verdorbenen oder ungenügend erhitzten Speisepilzen zu einer Pilzvergiftung führen. Solche "unechten Pilzvergiftungen" sind viel häufiger als echte Pilzvergiftungen, die durch Giftpilze verursacht werden. Allerdings wird die Zersetzung des Eiweißes durch die verbreitete Nutzung von Kühlschränken deutlich verlangsamt.

Die Bergfelder Pilzsachverständige weist darauf hin, dass Pilze nur zum Eigenbedarf geerntet werden dürfen. Exemplare, die auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten stehen, sollten gar nicht genommen werden.

Die IT-Administratorin erhält seit den vergangenen Tagen immer häufiger Anfragen zur Pilzbestimmung über WhatsApp. "Da gibt es von mir grundsätzlich keine Ess-Freigabe", bittet sie um Verständnis, dass bei vielen Pilzen nicht nur das Aussehen, sondern auch die Konsistenz, der Geschmack und der Geruch Kriterien bei der zweifelsfreien Bestimmung sein können.

Sachverstand rund um den Pilz

Die Pilzsachverständigen sind im Brandenburgischen Landesverband der Pilzsachverständigen organisiert.

Die Expertinnen und Experten arbeiten alle ehrenamtlich.

Sie beraten kostenlos interessierte Pilzsammler, geben Tipps für das richtige Sammeln und bieten Führungen an.

Im Herbst stellen sie auch gerne auf Festen heimische Pilze aus und erläutern die Erkennungsmerkmale.

Die ausgebildeten Pilzkenner helfen zudem bei der Ermittlung der Ursachen bei Pilzvergiftungen. Ihre Rufnummern liegen in den Krankenhäusern parat.

In den Wäldern von Berlin und Brandenburg gibt es mehr als 300 Pilzarten.

Experten in Oberhavel

Ulrich BeyerBeetzBeetzer Dorfstraße 202Telefon: 033055 489452

Guntram GieseFriedrichsthalStraße zum Wald 26Telefon: 03301 807537

Johanna DalchowGroßwoltersdorf(Ortsteil Burow)Waldstraße 9 bTelefon: 033082 50341

Peter KegelSommerfeldLindenallee 4Telefon: 033055 74333

Werner DiekowHohenbruchAm Teich 3Telefon: 033051 26004

Elke HörickeFasanenallee 74BergfeldeTelefon: 0176 57735073

Giftnotrufzentrale: Die für Brandenburg zuständige Giftnotrufzentrale ist unter folgender Adresse zu erreichen:

Institut für ToxikologieGiftnotruf Berlin-Brandenburg, Landesberatungsstelle für Vergiftungserscheinungen und Embryonaltoxikologie, Berlin und BrandenburgOranienburger Straße 28513437 BerlinTelefon: 030 19240 (Tag und Nacht)

Die Polizei warnt zur Pilzsaison regelmäßig vor "Maronen-Banden". Sie rät allen Pilzsammlern, immer ausschließlich öffentliche Parkplätze in den Wäldern zu nutzen. Allein stehende Fahrzeuge sind in der Vergangenheit immer wieder von Dieben aufgebrochen und ausgeraubt worden. Kameras, Handys oder Laptops sowie Handtaschen sollte niemand im Auto liegen lassen – auch nicht im Kofferraum.

Zu den beliebtesten Zielen von Dieben in Oberhavel zählen laut Polizei Summt und Briese.⇥zeit

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