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Reichspogromnacht
"Gedenken, auch wenn es weh tut"

Bei der Gedenkstunde am ehemaligen jüdischen Bethaus in Oranienburg wurde an die Vertreibung der Juden gedacht.
Bei der Gedenkstunde am ehemaligen jüdischen Bethaus in Oranienburg wurde an die Vertreibung der Juden gedacht. © Foto: Wiebke Wollek
Wiebke Wollek / 08.11.2019, 18:06 Uhr - Aktualisiert 08.11.2019, 18:36
Oranienburg Shalom Chaverim" singen die Schüler des Musikkurses der 11. bis 13. Klasse des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums. Frieden sei keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der Antisemitismus kein geschlossenes Kapitel der Geschichte ist, sondern viel zu oft verharmlost werde. "Es ist ein Thema, das uns alle etwas angeht", erklärte die Musiklehrerin Barbara Leopold, die mit ihren Schülern nicht nur singt, sondern auch über die deutsche Vergangenheit spricht. "Es ist wichtig, dass sich die Fehler der Geschichte nicht wiederholen", so die 19-jährige Emily Rosin. "Wir haben die Zeit nicht selbst erlebt, aber die Angst ist trotzdem da", erklärte die Schülerin.

Am Freitag haben sich Mitglieder der jüdischen sowie der christlichen Gemeinde Oranienburgs und Vertreter der Stadt, des Landkreises und der Gedenkstätte Sachsenhausen vor dem ehemaligen jüdischen Gebetshaus an der Havelstraße zur gemeinsamen Gedenkveranstaltung versammelt.

Schicksalstag

"Der 9. November ist der Schicksalstag der Deutschen", sagte Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos). Der euphorisch gefeierte Mauerfall vor 30 Jahren stehe heute im starken Kontrast zum unendlichen Leid, das in der Nacht vom 9. November 1938 die Juden in ganz Deutschland erfahren mussten. Synagogen seien angezündet, Geschäfte geplündert und Menschen gequält und ermordet worden. "Das war die Einleitung zu noch schlimmeren Ereignissen", sagte Laesicke. "Es war ein Schrecken, für den wir noch heute kaum Worte finden. Wir engagieren uns dafür, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Wir wollen erinnern, wir müssen erinnern, auch wenn es weh tut", sagte der Bürgermeister. "Je weniger man drüber spricht, desto mehr gerät es auch in Vergessenheit", erklärte Barbara Leopold. Deshalb gibt es jedes Jahr um den 9. November eine Gedenkveranstaltung in Oranienburg.

Für Astrid Ley, stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen, stellt die Pogromnacht den entscheidenden Wendepunkt in der Verfolgungspolitik der Juden dar. "Schon vorher wurden Juden aus dem gesellschaftlichen Leben herausgedrängt. Sie durften häufig ihre Berufe nicht mehr ausüben", erklärte die Historikerin. Der 9. November leitete schließlich die Vertreibung ein. In Oranienburg waren vor der Reichspogromnacht nur noch 60 Juden registriert. Viele hatten die Stadt bereits verlassen. Die letzten sind 1942 deportiert und im KZ ermordet worden. "Das Gedenken ist wichtig, gerade in der Zeit nach dem Anschlag in Halle", sagte Astrid Ley. "Viele in meinem Alter möchten nicht so gerne über die schlimmen Ereignisse der Geschichte nachdenken. Sie verdrängen es lieber und lassen es nicht an sich heran", bedauerte die Schülerin Emily Rosin.

Verwüstet und ermordert

Mehrere Hundert Synagogen und jüdische Einrichtungen sind am 9. November 1938 in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei in Brand gesteckt oder anderweitig zerstört worden.

Auch das jüdische Bethaus in Oranienburg wurde verwüstet. Ende 1938 lebten nur noch 60 Juden in der Stadt. Die letzten von ihnen sind 1942 deportiert und ermordet worden.

Seit einigen Jahren gibt es in Oranienburg wieder eine kleine, aber lebendige, jüdische Gemeinde.⇥wol

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