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Sternfahrt und Protest
Bauer Gürgen hat es satt

Conradin Walenciak / 17.01.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 17.01.2020, 12:10
Oranienburg (MOZ) Bei einer Sache ist sich Stefan Gürgen absolut sicher: "So kann es nicht weitergehen." Der Biolandwirt aus Zehlendorf meint damit die Agrarpolitik der Bundesregierung. "Wir Bauern haben immer weniger Einkommen, müssen aber immer teurere Preise für Land bezahlen." Unter anderem deshalb geht Gürgen am Samstag zur "Wir haben es satt!"-Demo in Berlin.

Zum Liveticker: Brandenburger Bauern fahren in Berlin ein - hier stockt der Verkehr

80 Rinder leben auf dem Hof des 46-Jährigen. "Vom kleinsten Kalb bis zur größten Kuh", sagt Gürgen. Als er vor zehn Jahren den Betrieb von seinem Vater übernahm, erfüllte er sich einen Jugendtraum. "Vorher war ich Bauingenieur. Aber die Landwirtschaft lag mir schon immer am Herzen." Nun führt er den Hof in dritter Generation, wird dabei von seiner Frau Mandy unterstützt.

Reizthema Massentierhaltung

Neben der Rinderaufzucht baut Gürgen auf seinen 115 Hektar auch gleich noch das Futter für seine Tiere an. Trotz der letztjährigen Dürreperioden und der daraus resultierenden schlechten Ernten ist er im vergangenen Jahr sogar um den Zukauf von Futtermitteln herumgekommen. "2018 war das leider anders. Da ging es nicht ohne Zulieferung."

Die Futterbeschaffung in den Massentierhaltungs- und Großbetrieben sehe laut Gürgens anders aus. "Die lassen sich ihr Zeug regelmäßig aus Südamerika einfliegen", sagt er. Massentierhaltung – ein Reizthema für den Rinderzüchter. "Es gibt so viele Betriebe, die auf diese Art der Fleischproduktion setzen. Mit ihrer Massenware überfluten sie dann den Markt, machen ihn kaputt – und den mittleren und kleinen Bauernhöfen so das Leben schwer."

Schon seit mehreren Jahren ist der Oberhaveler Stammgast der "Wir haben es satt!"-Demo vor dem Brandenburger Tor. Mehrere Zehntausend Menschen machen seit 2011 einmal im Jahr ihrem Ärger über die Politik in Sachen Landwirtschaft bei dieser Großveranstaltung Luft.

"Es gibt noch andere Punkte, die mich ärgern", sagt Gürgen. "Zum Beispiel, dass sich immer mehr Investoren auf den Ackerflächen breitmachen, um die finanzielle Förderung des Bundes und der Europäischen Union einzustreichen." Wie hoch diese ist, richtet sich unter anderem auch nach der Größe der bewirtschafteten Fläche. "Da werden inzwischen gar nicht mehr nur die Flächen, sondern gleich ganze Betriebe aufgekauft. So wird dann auch noch die Grunderwerbssteuer umgangen."

Gürgen ist mit seinem Ärger nicht alleine. Für eine sozial-gerechte und ökologische EU-Agrarreform zu sorgen, ist eine Forderung der Demonstranten an die Politiker. "Ich habe schon das Gefühl, dass unsere Probleme wahrgenommen werden. Aber jetzt geht es eben auch darum, endlich etwas zu ändern."

So weit, dass er sich als Biolandwirt von der Politik alleingelassen fühlt, ist es aber nicht. "Für ökologische Landwirtschaft wird man ja auch von der EU gefördert", so Gürgen. Problematisch – aus wirtschaftlicher Sicht – sei aber, dass immer mehr Betriebe auf Bio umstellen würden. Dadurch kämen immer mehr Bioprodukte auf den Markt, wodurch die Preise fallen würden – und damit der Ertrag für die Produzenten. "Dass es mehr Bio gibt, ist natürlich für den Umweltschutz sehr positiv. Da die Produktion der Bioware aber eben auch teurer ist als für Nicht-Bioware, wird es zunehmend schwieriger, so zu produzieren."

Verzicht auf die Grüne Woche

Das Bio-Fleisch seiner Rinder verkauft Gürgen ausschließlich im hauseigenen Hofladen. "Das läuft sehr gut, wird von den Kunden sehr gut angenommen", freut er sich. Auf die Möglichkeit, seinen Hof und seine Ware auf der Internationalen Grünen Woche (17. bis 26. Januar in Berlin) vorzustellen, verzichtet er dagegen bewusst.

"Das tue ich mir nicht an", sagt der 46-Jährige. "Ich bin vielleicht etwas voreingenommen, aber ich erwarte von einer Landwirtschafts- und Ernährungsmesse einfach etwas anderes – zumindest einen deutlich höheren Fokus auf die Direktvermarktung."

Ziele und Teilnehmer der Demonstration

Die Demonstranten der "Wir haben es satt"-Demo (Samstag, 12 Uhr vor dem Brandenburger Tor) verfolgen mit ihrem Protest viele Ziele. Sie fordern:

– weltweites Höfesterben stoppen– gutes Essen für alle– artgerechte Tierhaltung und weniger Fleischkonsum–Ernährungssouveränität und gerechten Welthandel– Gentechnikfreiheit vom Acker bis zum Teller– Klimaschutz und mehr Ökolandbau– echten Insektenschutz und den Pestizidausstieg– eine sozial-gerechte und ökologische EU-Agrarreform– das Ende des ungezügelten Wirtschaftswachstums– eine Landwirtschaft, die mit gesunden Böden das Klima schützt– eine solidarische Welt

Mehrere Zehntausend Menschen werden zur Demo erwartet, die in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindet.

Auf ihrer Internetseite schreiben die Veranstalter, dass darunter Bäuerinnen und Bauern, von konventionell bis bio, von Tierhaltung bis Ackerbau, Bäcker*innen, Köch*innen, Verbraucher*innen, Imker*innen, Natur- und Tierschützer*innen, engagierte Jugendliche und viele mehr sind.

Die Oranienburger Ortsverbände des Naturschutzbundes (NABU) und der Grünen rufen zur Teilnahme auf. Die Bürgerinitiative Contra Eierfabrik ist auch dabei.

"Auf der Demo geht es vor allem um ein Umdenken in der Agrarpolitik", sagt Elisabeth Mandl-Behnke, die Co-Sprecherin der Oranienburger Grünen, "und die betrifft auch ganz konkret Oranienburg."

Das habe man zuletzt beim Kampf gegen die Eierfabrik gesehen. "Das merken wir jeden Tag, weil unsere Kinder in den Kitas und Schulen immer noch kein gutes Essen bekommen", so Mandl-Behnke weiter.

"Für uns ist es Ehrensache, dabei zu sein", sagt Heike Bartel, Vorsitzende des Vereins "Contra Eierfabrik". "Die Agrarwende ist noch lange nicht geschafft."

Die Protestierenden werden von den Veranstaltern dazu aufgerufen, Kochtöpfe zur Demo mitzubringen. Auf diesen soll dann während des Protestzuges für eine Veränderung der Landwirtschaftspolitik Lärm gemacht werden.⇥cwa

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