Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Erinnerung an den 15. März 1945
"Alle waren sofort tot"

Bodo Becker / 15.03.2020, 09:35 Uhr
Oranienburg (MOZ) Oranienburg mit seiner Rüstungsindustrie gehörte von 1940 bis 1945 insgesamt 13-mal zu den Zielen alliierter Angriffe. Und obwohl Lehnitz nicht zum unmittelbaren Zielgebiet gehörte, verursachte die Nähe zu Oranienburg immer wieder Einschläge auf Siedlungsgebiete der Gemeinde. Sie lagen im Südgelände, hier besonders in Wasser- und Bahnhofsnähe, sowie auf den am Lehnitzsee liegenden Gebieten des Nordgeländes.

Die Bombenabwürfe am 15. März 1945 hatten für die Bevölkerung zum Teil verheerende Folgen. An diesem Tag, einem Donnerstag, wurde um 13.46 Uhr Fliegeralarm für die Provinz Brandenburg ausgelöst. Zwischen 14.51 und 15.36 Uhr erfolgte der Angriff auf Oranienburg. Zielpunkte waren unter anderem der Güterbahnhof und die Bahnanlagen bis nach Lehnitz. An diesem Tag fielen insgesamt 4 977 Spreng- und 713 Brandbomben auf die Stadt. Die im Elternhaus am Gutsplatz lebende Regine Spangenberg (früher Schmidt) erlebte als Zehnjährige die letzten Wochen des Krieges in Lehnitz. Sie erinnert sich:

"Der 15. März war ein sonniger Vorfrühlingstag. Keiner ahnte, dass an diesem Tag das Inferno über Lehnitz hereinbrechen würde. Am Vormittag gab es Voralarm. Die Kinder wurden aus der Schule nach Hause geschickt. Unterwegs hörten wir besonders lautes Fliegergeräusch. Die Sirenen hatten noch gar nicht den Fliegeralarm angekündigt, da waren schon Einschläge zu hören. Als wir über die Lehnitzbrücke rannten, sahen wir Qualm aus den Baracken der Häftlingsfrauen der Auerwerke am Lehnitzsee aufsteigen. Zu Hause angekommen, ging es sofort in den Bunker, wo Familienangehörige und Nachbarn schon Zuflucht gesucht hatten. Das Bombardement nahm an Heftigkeit zu. Nach einem furchtbaren Knall wurde unser Bunker eingedrückt und Sandmassen stürzten herein. Wir kauerten alle auf dem Boden. Die dicken Balken hielten stand. Großvater schaufelte einen Notausgang. Dann sahen wir die Verwüstung. Überall waren Rauchschwaden, Haus und Stallungen standen in Flammen, immer wieder gingen weitere Bomben hoch. Die Nachbarhäuser waren ebenfalls alle zerbombt. Überall lag Schutt. Phosphor tropfte herab. Ein paar Haustiere rannten als lebende Fackeln herum. Großvater lief zum brennenden Stall und rettete das Pferd einer Flüchtlingsfamilie."

Im Bereich des Bahnhofs und des Gutsplatzes gab es konzentrierte Bombeneinschläge mit entsprechenden Zerstörungen. Besonders gefährlich waren die Bomben mit Langzeitzündern, von denen 4 022 abgeworfen wurden. Sie sollten die Aufräumarbeiten nach dem Luftangriff erschweren.

Walter Brüssow, der damals in der Inselstraße wohnte, arbeitete am 15. März als Schlosser im damaligen Rußwerk Oranienburg. Gegen 23.30 Uhr ging er nach umfangreichen Löscharbeiten nach Hause. Er erinnert sich:

"Die Straße nach Lehnitz war voller Bombentrichter. Noch konnte man über die Brücke laufen, es war eine stockdunkle Nacht. Als ich über die Brücke ging, kam mir Brandgeruch entgegen. Besonders viele Zerstörungen gab es im Havelkorso und in der Inselstraße. Dort standen nur noch die Häuser von Raszkowski, Spannemann und Berner. Von unserem Häuschen waren das Dach, Fenster, Türen und die Möbel weg. Unser Schuppen war vollständig verschwunden, der Kohlenhaufen brannte noch lichterloh. Mit den Händen warf ich Erde darauf, es konnten ja nochmals die Flieger kommen. Licht brannte auch nicht, alle zehn Minuten explodierte eine Zeitzünderbombe. Am anderen Morgen besah ich mir erstmals den Schaden. Neben der Veranda stand ein Pflaumenbaum, an einem Ast hing die Nähmaschine von Familie Possin. Auf der Straße war ein großer Bombentrichter. Beim Maurer Weinert war am 15. März eine Geburtstagsfeier. Es waren zwölf Personen anwesend, alle waren sofort tot, keine Person wurde gefunden. Frau Müseler war während des Angriffes mit ihrem Hund in den Bunker gegangen. Nach einigen Tagen wurden sie von KZ-Häftlingen gefunden. Am Sonntag danach explodierte nochmals eine Zeitzünderbombe."

Bei den nachfolgenden Rettungs- und Aufräumungsarbeiten kamen neben der Freiwilligen Feuerwehr Lehnitz auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zum Einsatz. Als "Himmelfahrtskommando" gestaltete sich für die Häftlinge das Entschärfen der zahlreichen he­rumliegenden Blindgänger. Nach dem Freilegen der Bombe musste der Zünder oftmals mit bloßen Händen entfernt werden. Aus sicherer Entfernung beaufsichtigten die SS-Wachen den Vorgang.

Bei dem Luftangriff am 15. März 1945 wurden laut Aufzeichnungen 361 Häuser in Lehnitz beschädigt oder zerstört. Dokumentiert und belegt sind zudem die Namen von 23 Lehnitzern, die an diesem Tag ums Leben gekommen sind. Ob es darüber hinaus menschliche Verluste gegeben hat, ist bis heute nicht bekannt. Es gehörte zum gebrochenen Verhältnis der DDR-Erinnerungskultur zu den deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges, dass man der Lehnitzer Bombenopfer in der Gemeinde nie öffentlich gedachte.

Autor Bodo Becker ist Historiker, wohnt in Lehnitz und berichtet inunserer Zeitung regelmäßig über dieRegionalgeschichte.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Dirk Mahnke 16.03.2020 - 19:28:11

@Ralf H. Janetschek

Ein Wunder, dass die Redaktion Ihren Leserbrief noch nicht gelöscht hat? In meinem Fall ging das gestern ziemlich schnell. Es reichten ein paar Worte gegen die Amerikaner und dessen Bombardierung Oranienburgs mit Zeitzünder- und Brandbomben kurz vor Kriegsende, sowie ein Zitat von Napoleon Bonaparte und schon war der Löschmeister am Werk. "Die Sieger sind immer die Guten, denn sie schreiben die Geschichte!" Zitat: Florian Bernhard

Ralf H. Janetschek 16.03.2020 - 08:49:45

Replik auf Dirk Mahnke

Sehr geehrter Herr Dirk Mahnke, nach meiner Überzeugung sollte, wer als Deutscher in Verbindung mit dem 8. Mai 1945 von Befreiung spricht, sich dringend auf seine psychische Gesundheit hin untersuchen lassen.

Dirk Mahnke 15.03.2020 - 17:28:44

Erinnerung an den 15. März 1945

Kritische Worte gegen unsere "Befreier" werden nicht akzeptiert und wieder gelöscht. Unterliegen wir einem Regierungsjournalismus?

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG