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Corona und Psyche
Ein Therapeut aus Birkenwerder erklärt, wie man die Zeit der Kontaktverbote übersteht

Amy Walker / 04.04.2020, 09:45 Uhr - Aktualisiert 04.04.2020, 16:32
Oberhavel (MOZ) Der Ausnahmezustand hat Konsequenzen. Nicht nur für die Wirtschaft und für das Gesundheitssystem, auch nicht nur für die körperliche Gesundheit. Die Psyche darf nicht vergessen werden: Den Menschen wird gerade etwas völlig Unnatürliches abverlangt.

"Menschen sind Herdentiere. Wir brauchen soziale Kontakte", sagt Reinhardt Krätzig, der seit 35 Jahren in Birkenwerder mit seiner Frau zusammen eine psychotherapeutische Praxis betreibt. Die Praxis platzt üblicherweise aus allen Nähten, der Bedarf nach Psychotherapien steigt von Jahr zu Jahr. Doch jetzt setzen rund ein Drittel der Patienten ihre  Therapien aus, da sie weder in die Praxis fahren wollen, noch über Skype weitermachen möchten. "Dadurch ist es viel ruhiger geworden", sagt Krätzig.

Zugehörigkeitsgefühl fehlt

Warum die Beschränkungen schwer fallen, ist leicht erklärt. Eines der heilsamsten Erlebnisse, die jeder im Alltag erlebt, ist das freundliche Miteinander. "Einige meiner Patienten berichten jetzt, dass sie ihre Kollegen vermissen", so Krätzig. Ihnen fehlten die belanglosen Gespräche, die ihnen das Gefühl geben, gesehen zu werden und Teil einer Gruppe zu sein. In den vergangenen zwei Wochen habe er festgestellt, dass die Probleme vieler seiner Patienten sich nun verdichten, da vor allem Paare sich auf engstem Raum hochschaukeln. Reinhardt Krätzig arbeitet viel mit Paaren zusammen – daher vermutet er, dass nach der Krise die Scheidungsrate nach oben gehen wird. "Das wird zwangsläufig so sein, da viele ihre Probleme und den Stress auf den Partner projizieren." Das sei gewisser Maßen auch normales Verhalten, sagt er, doch auf engstem Raum werde das Projizieren "toxisch". Wie die Menschen damit generell umgehen, sei nach seiner Erfahrung unterschiedlich: "Es gibt ein ganzes Spektrum. Wo der eine sich verängstigt verkriechen möchte, findet der andere, dass das Ganze nur Panikmache ist", so Krätzig.

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In stressigen Situationen reagieren Menschen oft völlig anders, als unter normalen Umständen. "Auf einmal greifen wir auf Verhaltensmuster zurück, die teilweise aus der Kindheit stammen. Darüber denken wir nicht nach. Daher kann es sein, dass jemand scheinbar aus dem Nichts aus objektiver Sicht komplett überreagiert – wie ein Kind eben", sagt Reinhard Krätzig, der im Bereich der Stressforschung weitergebildet ist.

Wer sich einsam fühlt, oder wer von seinem Partner genervt ist, dem empfiehlt Reinhardt Krätzig, in guten Erinnerungen zu schwelgen. "Blättern Sie in Fotoalben, steigen Sie ein, in die Erinnerungen." Diese Träumereien können helfen, Stress abzubauen, da sie positive Emotionen auslösen. Außerdem kann es helfen, an die guten Zeiten mit dem Partner zu denken, und nicht immer nur den jetzigen Zustand vor Augen zu haben.

"Natürlich ist es auch sehr wichtig zu telefonieren. Nicht nur über WhatsApp Nachrichten schreiben", so der Therapeut. Die Stimme eines anderen zu hören, die Nuancierung der Sprache, sei enorm wichtig, da es ein Sicherheitsgefühl auslöse und der Mensch sich dadurch der "Herde" zugehörig fühlt.

"Noch besser ist ja Videotelefonieren. Da ist es auch wichtig, in die Kamera zu schauen, damit mein Gegenüber den Blick einfangen kann", erklärt Krätzig. Meistens schaut man beim Gespräch über Video auf den Bildschirm, um den Gesprächspartner anzuschauen – dabei geht aber der Blick eigentlich an demjenigen vorbei.

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