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Schulden
Kinder in Oberhavel leiden unter Schulden

Burkhard Keeve / 30.05.2020, 05:15 Uhr - Aktualisiert 30.05.2020, 09:16
Oranienburg (MOZ) Einen erdrückenden Schuldenberg schieben die aktuell 399 Klienten der Schuldner- und Insolvenzberatung des Märkischen Sozialvereins (MSV) in Oranienburg vor sich her. Er ist fast elf Millionen Euro hoch. Im Durchschnitt sind das pro Klient 27 400 Euro. Die höchste Einzelforderung liegt jedoch allein schon bei 496 000 Euro. Was oft dabei vergessen wird, ist das auch viele Kinder in den Schuldenfamilien betroffen sind. Bei der MSV-­Beratungsstelle sind das derzeit (Stand 29. Mai) 261 Kinder.

André Schultz, Fachbereichsleiter der Schuldner- und Insolvenzberatung in Oranienburg schließt sich daher der Forderung der Fachverbände nach weitreichenden Reformen an, um Kindern aus überschuldeten Haushalten gute Startbedingungen für die Zukunft zu ermöglichen. "Kinder haben ein Recht auf eine von Schuldenproblemen unbelastete Kindheit und Jugend", sagt Schultz. "In der aktuellen Corona-Krise ist dieses Motto aktueller denn je". Familien seien in Zeiten, in denen ihre Kinder nicht zur Kita oder Schule könnten, besonders gefordert, so Schultz. Lange Zeit hätten Spielplätze nicht genutzt werden können. Eine Situation, die Familien besonders herausfordere. Er könne nur höchsten Respekt zollen, wie viele Familien diese Situation bisher gemeistert hätten. Besonders hart treffe es aber dann Familien, wenn weitere Probleme ihr Leben belasten. "Überschuldung ist eine besonders belastende Situation, die schon ohne die Einschränkungen durch Corona herausfordernd ist", sagt Schuldnerberater Schultz. "Kinder leiden in der jetzigen Situation doppelt", so Schultz weiter.

Kinder könnten es nicht einordnen, wenn ihre Eltern viel öfter gereizt sind, weil nicht genug Geld da ist. Sie seien Zeugen bei den häufigen Streitigkeiten und fragen sich nicht selten, ob sie selbst schuld daran seien. Und Geld für ihre Bedürfnisse sei meistens nicht da.

Für Alleinerziehende ist die Situation oft noch schwieriger zu bewältigen. Von den 399 Schuldnern in Oberhavel leben 112 Kinder bei Alleinerziehenden. "Um den Kindern das Recht auf eine von Schuldenproblemen unbelastete Kindheit und Jugend zu gewährleisten und ihnen gute Startbedingungen für die Zukunft zu schaffen, bedarf es deutlicher Reformen", so Schultz. Wenn auch das "Starke-Familien-Gesetz" ein Anfang sei, um Familien mit niedrigem Einkommen zu unterstützen, sei ein bedarfsgerechter Ausbau familien- und sozialpolitischer Leistungen nötig. Dazu gehören Mindestunterhalt, ein Regelsatz für Kinder und Jugendliche in Grundsicherung und Sozialhilfe. Darüber hinaus müsste die Einführung einer eigenständigen Kindergrundsicherung umgesetzt werden, so Schultz.

Große Bedeutung müsse auch der finanziellen Allgemeinbildung zukommen. Und Präventions­arbeit sollte überall verankert werden. Kinder müssten früh lernen, mit Geld, Handy und Internet umzugehen. "In unserer Beratungsarbeit haben wir es immer wieder mit Rückforderungsbescheiden der Jobcenter an minderjährige Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft zu tun. Diese führen dazu, dass diese jungen Leute schon Schulden haben, wenn sie 18 Jahre alt werden", beklagt Schultz. Er fordert das Recht auf schuldenfreies Erreichen der Volljährigkeit. Die Verschuldung von Minderjährigen gehöre im Sozialrecht vollständig abgeschafft. Von den 399 Schuldern bei der MSV-Beratungsstelle sind 155 Klienten beim Jobcenter oder der Arbeitsagentur gemeldet.

Die Schuldnerberatung beim MSV in Oranienburg, Liebigstraße 4 ist unter Telefon: 03301 6896930 oder schuldnerberatung@msvev.de zu erreichen.

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