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Mobbing
Junger Schwuler wird in der Lehre fast in den Suizid getrieben

Marco Winkler / 30.05.2020, 08:20 Uhr - Aktualisiert 30.05.2020, 13:17
Oberhavel (MOZ) Mit der Facebook-Seite "Kämpf für dich gegen Mobbing" soll Betroffenen eine Plattform geboten werden. Sie können anonym ihre Geschichten teilen. Initiiert hat die Seite Felix. Mehrere Jahre ging der Oberhaveler durch die Hölle, wie er sagt. Arbeitskollegen trieben ihn aufgrund seiner Sexualität fast in den Suizid. Bis er sich jemandem anvertraute, eine Therapie in Anspruch nahm und der Gewaltspirale entkommen konnte. Jetzt möchte er anderen helfen.

Felix trägt in Wahrheit einen anderen Namen. Er möchte anonym bleiben, will vermeiden, dass jeder im Bekanntenkreis die durchlebten Höllenjahre mit ihm assoziiert. Dass er seine Geschichte vor kurzem auf Facebook öffentlich machte, habe mit einer "inneren Unruhe" zu tun gehabt. Er wollte sichtbar werden, weil das ihm widerfahrende Mobbing lange genug ungesehen blieb. Rache an seinen ehemaligen Kollegen will er keine nehmen. Er verzichtete auf eine Strafanzeige. "Ich hatte damals nicht den Mut dazu", sagt der 21-Jährige. Heute hat er mehr Selbstvertrauen. "Ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass in der Zeit etwas in mir kaputt gegangen ist", sagt er.

Die ersten Mobbing-Erfahrungen in seiner Schulzeit tut er mit einem Schulterzucken ab. "Ich hatte einen starken Freundeskreis und später habe ich selbst den Mund aufgemacht." Als schwuler Jugendlicher auf dem Land konnte er sich behaupten, seine Eltern ließen ihren selbstständigen Sohn sich ausprobieren. Die gewährten Freiheiten interpretiert er heute als zu wenig Interesse an seiner Person. "Mein Bruder ging immer vor." Sein erster Freund brachte Felix schließlich zur Eisenbahn, dem Ort der späteren Qualen.

Von Sticheleien zu Schlägen

Der Start war vielversprechend: nette Azubis, sympathische Chefin. Die Ausbildung als Lokführer in einem nicht-staatlichen Unternehmen konnte beginnen. "Wir waren ein super Team am Anfang." Über kleinere Sticheleien sah er hinweg. Als es offen ausgesprochen wurde, dass er schwul ist ("Ich mache da kein Geheimnis draus"), änderte sich die Situation plötzlich. "Ich war auf einmal das gefundene Fressen für die Jungs." Felix ertrug Sprüche wie "Würde Hitler noch leben, wärst du längst vergast worden". Bei Worten blieb es nicht. "Irgendwann haben sie angefangen, handgreiflich zu werden." Die Trennung vom ersten Freund folgte, die Rückkehr nach Hause. "Ich war ein Häufchen Elend. Für ein, zwei Wochen waren alle mitfühlend, und ich dachte, es ist vorbei." Als er einen neuen Freund kennenlernte, wurde es schlimmer. "Ich habe alles ertragen. Ich wollte ihnen nicht zeigen, dass sie Grenzen überschreiten, wollte meine Schwäche nicht eingestehen. Ich dachte, dann werde ich erst recht zum Opfer."

Es wurde schlimmer: Felix wurde in den Gleisbereich und vor eine anrollende Lok geschubst. "Ich wurde regelmäßig geschlagen, die Treppen runtergetreten, bespuckt. In den Seminarräumen haben sie versucht, mich anzuzünden." Auf einer Feier versuchten fünf Mitazubis, ihn mit Gewalt von einem Floß ins Wasser zu zerren. "Ich habe geschrien, aber mit einem lachenden Unterton. Aus der Therapie weiß ich, dass ich ihnen somit kein Futter geben wollte."

Das Ertragbare ertragen

Im Juni 2019 brach Felix schließlich zusammen, ließ sich wegen psychischer Belastung am Arbeitsplatz krankschreiben. "Ich war überfordert. Ich konnte nicht begreifen, dass mir das passiert und ich nicht in der Lage bin, etwas zu machen." Trotz Bitten an seine Chefin: Konsequenzen habe es für die Mobber nie gegeben. "Ende August war es so schlimm, dass ich versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Meine Grenze war erreicht." Er hatte das Ertragbare ertragen.

Ein Freund bemerkte den Suizidversuch. Felix zog ihn erstmals ins Vertrauen. Neue Freunde halfen in der Folgezeit. "Sie haben mir Halt gegeben. Ohne sie säße ich heute nicht hier." Er ging in Therapie und zur Berliner Schwulenberatung. "Ich dachte immer, ich bin mit allem allein." Früher ging er davon aus, ihm würde, erzählte er seine Geschichte, mit Verachtung begegnet. Heute weiß Felix: "Wer sich Menschen anvertraut, übersteht solche Situationen, die ich erlebt habe. Wer sich öffnet, kann Hilfe erwarten. Selbstmord ist keine Lösung." Doch er weiß auch: "Was mit mir passiert ist, hätte gesehen werden müssen. Die Ausbilder waren dabei, als ich angezündet wurde und mir der Kopf auf den Tisch geknallt und in den Nacken geschlagen wurde." Die Ausbildungsabteilung habe aber versucht, die Misshandlungen unter den Tisch zu kehren.

Lokführer ist er nicht mehr geworden. Er hat fristlos gekündigt. Seit zweieinhalb Monaten macht Felix eine Ausbildung zum Kindergärtner. "Ich habe mich gleich als Mobbing-Opfer geoutet. Die Kollegen waren offen, sie wissen auch von diesem Termin und haben mir viel Kraft gewünscht." Er sei eine starke Persönlichkeit, seinen Höllenritt sehe man ihm nicht an. "Je öfter ich über das Mobbing spreche, desto leichter fällt es mir, mir einzustehen, dass das wirklich mir passiert ist."

Mit seiner Facebook-Seite will er anderen Mobbing-Opfern die Möglichkeit geben, sich Gehör zu verschaffen. Sein einstiger Arbeitgeber hat inzwischen reagiert: Es gab Plakate, die sensibilisieren sollen, und eine Mediation für alle Mitarbeiter. "Als ich das gehört habe, habe ich mich zum ersten Mal als Mensch gesehen gefühlt", sagt Felix.

Diskriminierungam Arbeitsplatz

Laut einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur FRA haben von 16 000 befragten LGBTI-Personen in Deutschland 23 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt.

Beratung bei Diskriminierung: 030 185551855, Montag 13 bis 15 Uhr, Mittwoch und Freitag 9 bis12 Uhr.

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Piefke Saga 30.05.2020 - 10:53:44

Ich denke, es ist falsch, dass man die Mobber nicht beim Namen nennt. Was geschah waren Straftaten und ...

sie gehören geahndet wie allen anderen auch. Sie sind alt genug, um für das einzustehen, was sie machten. Das Opfer verzieht sich aus Angst, versteckt sich, sein Leben wird verpfuscht, über Jahre, für immer, bis hin zum Suizid. Das kann so nicht sein. Solange sie nicht für ihr Treiben Rechenschaft ablegen, solange werden sie ihr Verhalten nicht ändern. "Felix" war gestern das Opfer, heute ist es ein anderer und weitere folgen. Stopp, sagt Nein zu deren Treiben! Nehmt ihnen die Tarnkappe unter der sie sich verstecken! Nein, nicht damit sie morgen überall in der Presse genannt werden, damit diejenigen die Ermittlungen aufnehmen, deren Job das ist.

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