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Corona
Veranstaltungsbranche setzt bei der Night of Light Hilferuf am Schloss Oranienburg ab

Tilman Trebs / 23.06.2020, 09:13 Uhr - Aktualisiert 23.06.2020, 11:00
Oranienburg (MOZ) Seit März wird im Land kaum noch gefeiert. Hochzeiten werden abgesagt. Die Kultur liegt brach. Messen und Kongresse fallen aus. Darunter leidet die Veranstaltungswirtschaft massiv. Bei der Night of Light in der Nacht zu Dienstag hat die Branche auch in Oberhavel auf ihre prekäre Situation in der Coronakrise aufmerksam gemacht.

Lucas Fünfhaus sprüht regelrecht vor Eifer, als er am späten Montagabend durch Oranienburg zieht  und eine Sehenswürdigkeit nach der anderen in rotes Licht hüllt. Das Schloss, die Louise-Henriette-Statue,  der historische Eingang zum Schlosspark, die Nicolaikirche. Was Fünfhaus nicht schafft, übernehmen andere. Tobias Lieckfeldt illuminiert die Orangerie im Schlosspark, Frank Barenthin das Oranienwerk an der Kremmener Straße. Auch der Wasserturm in Hohen Neuendorf und viele andere Gebäude in Oberhavel leuchten in dieser Nacht rot auf.

In ganz Deutschland sind bei der "Night of Light" Unternehmer aus der Veranstaltungsbranche auf den Beinen, um auf ihre prekäre Lage durch die Coronakrise aufmerksam zu machen. "Die Veranstaltungswirtschaft steht auf der roten Liste der akut  vom Aussterben bedrohten Branchen", heißt es im bundesweiten Aufruf. Einem kompletten Wirtschaftszweig sei am 10. März "faktisch die Arbeitsgrundlage entzogen" worden.

Inzwischen neigt sich der Juni dem Ende entgegen, und Lucas Fünfhaus weiß noch genau, wann er das letzte Mal "richtig arbeiten" war. Das war am 2. Februar bei einer Firmenveranstaltung im Berliner Hotel Maritim. Danach kam die übliche Winterflaute, die der 30-Jährige für gewöhnlich mit der technischen Betreuung der Karnevalsveranstaltungen in Lehnitz überbrückt, und danach Corona. "Normalerweise kommen im März und April die Buchungen für das ganze Jahr", sagt der Lehnitzer. In diesem Jahr kamen wochenlang nur Absagen. Es wurden  keine Messen mehr veranstaltet, keine Kongresse, keine Konzerte, keine Hochzeiten. In normalen Zeiten betreut Lucas Fünfhaus als freier Techniker Veranstaltungen aller Art, baut Bühnen, rückt sie ins rechte Licht, sorgt für den passenden Ton und bringt, wenn es gewünscht wird, auch Partyzelte, Bierbänke oder Geschirr mit. Bei Hochzeiten und runden Geburtstagen legt Lucas Fünfhaus als DJ auf. Bevor Corona kam, konnte der Familienvater davon gut leben.

Jetzt sitzt er in der zweitkürzesten Nach des Jahres vor dem von ihm illuminierten Schloss Oranienburg, hofft, dass ihm die Technik nicht noch vor der Nase weggestohlen wird. Um kurz nach Mitternacht ist kaum noch jemand in der Stadt unterwegs. Ein Auftritt ohne Publikum. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Lucas Fünfhaus denkt darüber nach, wie lange die Soforthilfe, die ihm gewährt wurde, wohl noch reichen wird. Kalkuliert wurde sie für drei Monate. Die sind nun rum. Einen Plan für die Zukunft gibt es nicht. "Uns geht es darum, eine Perspektive zu bekommen, einen Plan, wie es weitergeht. Darüber muss die Politik mit uns reden. Deswegen machen wir das heute Nacht", sagt Fünfhaus. "Ich muss wissen, ob es weitergeht oder ich mir einen anderen Job suchen muss." Das einzige Angebot der Politik, von dem der 30-Jährige bislang gehört hat, heißt Grundsicherung. Für den Lehnitzer ist das noch keine Option. Er kennt Kollegen, die haben erstmal im Lager bei Amazon angeheuert, weil Amazon Jobs mit einem Tag Kündigungsfrist anbietet. "Sie können sofort aussteigen, wenn es wieder losgeht." Allerdings: "Wenn eine zweite Welle kommt oder die Hilfe zurückgezahlt werden  muss, dann war es das für viele von uns."

Das gleiche befürchten auch die Oranienwerker, die am Montag zu später Stunde ein paar Hundert Meter weiter an der Kremmener Straße bei einem Bier im Hof sitzen und über die Zukunft sinnieren. Auch in den heiligen Hallen des früheren Oranienburger Kaltwalzwerkes wurde schon seit Monaten nicht mehr gefeiert. Und daran wird sich trotz dezenter Lockerungen vorerst auch nichts ändern. Bis August werde es weder kommerzielle noch private Veranstaltungen geben, sagt Eventmanager Frank Steinmüller. Das sei mit den Eigentümern so besprochen. Die Oranienwerker wollen nicht für Verstöße ihrer Gäste gegen kaum kontrollierbare Hygiene- und Abstandsregeln haften müssen. "Die Strafen können dir den Hals brechen", sagt Steinmüller. Davon abgesehen sei es wirtschaftlich kaum darstellbar, eine Veranstaltung für nur 25 Leute zu organisieren, die für 100 konzipiert ist. "Die Kosten hat man ja trotzdem." Die Oranienwerk-Kneipe "Kellerkind" willEnde der Woche mit Abstand wieder öffnen. Doch die Unsicherheit schwingt mit. "Man muss leider Jura studiert haben, um die ganzen Verordnungen zu durchdringen", sagt Thomas Schenk, der die Kulturkneipe mit Steve Kirschke betreibt.

Im Hof des Oranienwerks schwankt die Stimmung im Minutentakt zwischen Zunkunftsangst und kämpferischem Optimismus. Immerhin fließen noch die Einnahmen aus der Gewerberaumvermietung. "Bis Ende des Jahres kommen wir noch klar. Aber wir brauchen auch wieder die Einnahmen aus den Veranstaltungen, sonst könnte das  Jahr 2021 für uns schwierig werden", sagt Frank Steinmüller. "Das Oranienwerk selbst wird nicht sterben",  glaubt Kellerkind-Betreiber Thomas Schenk. "Aber die Veranstaltungen hier werden sterben, wenn Lieferanten, Künstler, DJs, Licht-  und Tontechniker auf der Strecke bleiben", fürchtet er. "Ohne uns wird es still in Oranienburg", sagt Steinmüller.  Er unterstützt deshalb die Kernforderung der Night-of-Light-Kampagne, mit der Politik über echte Perspektiven zu sprechen. "Mit Krediten ist keinem geholfen, wir brauchen einen Dialog über echte Hilfe."

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