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Corona
Fußballtrainer Thomas Wjasmin kritisiert jüngste Lockerungen als nicht nachvollziehbar

Trainer Thomas Wjasmin muss nun in mehreren Gruppen trainieren. Die Leistungsträgerinnen Nicole Müller (Zweite von rechts) und Elisabeth Baumgarten gehören der Fraktion von Spielerinnen an, die das 27. Lebensjahr vollendet haben.
Trainer Thomas Wjasmin muss nun in mehreren Gruppen trainieren. Die Leistungsträgerinnen Nicole Müller (Zweite von rechts) und Elisabeth Baumgarten gehören der Fraktion von Spielerinnen an, die das 27. Lebensjahr vollendet haben. © Foto: Stefan Zwahr
Steffen Kretschmer Stefan Zwahr / 23.06.2020, 15:15 Uhr
Oberhavel (MOZ) Die Abstandsregelung im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit ist gefallen. "Sportarten wie Fußball, Rudern oder Volleyball, die einen Mindestabstand von 1,50 Meter unterschreiten, können von Kindern und Jugendlichen in vollem Umfang wieder betrieben werden", hieß es am Sonnabend in einer Mitteilung des zuständigen Ministeriums. Danach umfasse die Jugendarbeit Kinder, Jugendliche und junge Heranwachsende bis zum 27. Lebensjahr.

Gerade letzteres wirft Fragen auf – und das nicht nur bei den Vereinen. "Die jetzige Regelung zieht eine Trennlinie durch unser Sportland, die auf wenig Verständnis stößt", bemerkt Andreas Gerlach, Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes Brandenburg. Dass die Grenze beim 27. Lebensjahr gezogen wird, kann sich auch Michael Reichert nicht erklären. Der Vorsitzende des Fußballkreises erfuhr von den Lockerungen aus den Medien. "Mehr weiß ich auch nicht. Darum weiß ich auch nicht so richtig, was ich dazu sagen soll. Ich bin ein bisschen ratlos."

Thomas Wjasmin, Trainer der Fußballerinnen des SV Friedrichsthal, bezeichnet die nun geltende Regelung als "totalen Schwachsinn. Ich habe gedacht, das ist ein Druckfehler". Der Sinn würde sich nicht erschließen. "Der Körperkontakt beim Fußball ist bei Kindern genauso intensiv wie bei Leuten, die älter als 27 sind. Diese Regelung ist diskriminierend gegenüber den Älteren."

Greifen wird die neue Vorgabe bei den Friedrichsthaler Frauen aber dennoch. "Wir trainieren auch während der Sommerpause. Das bedeutet, dass ich nun mit zwei Gruppen arbeiten muss." Etwa ein Drittel der Spielerinnen des Serienmeisters ist jünger als 27. "Sie können sich nach dem Training auf ein Abschlussspiel freuen, während der Rest zum Laufen auf die Seerunde geht. Das verstehe wer will", so Wjasmin.

Toni Dietrich zählt mit seinen 32 Jahren zur älteren Generation im Männerteam des Landesligisten FC 98 Hennigsdorf. Was ihn am heutigen Dienstag zum Trainingsauftakt erwartet, kann er noch nicht einschätzen. Er sei gespannt, was sich Chef-Coach Niko Jose nach den jüngsten Lockerungs-Entwicklungen einfallen lasse. "Wahrscheinlich gehen die Alten dann laufen und die Jüngeren spielen wie gewohnt auf dem Platz", sagt Dietrich mit einem Lachen. Dabei sei Fußball ohne Einschränkungen das A und O. "Deshalb darf es eine solche altersbedingte Spaltung nicht geben. Die Grenze muss aufgehoben werden", so der Hennigsdorfer. "Bei Personen, die zu Risikogruppen zählen, ist das sinnvoll. Bei allen anderen aber nicht. Wie lange sollen wir  noch warten?"

Immerhin: Dass im Nachwuchsbereich wieder ohne Abstands-Auflagen trainiert werden kann, bezeichnet Toni Dietrich als "Meilenstein" in der aktuell komplizierten Corona-Situation. Er zählt zum Trainergespann der Hennigsdorfer D-1-Junioren und sagt: "Die Kinder ziehen wirklich gut mit, waschen sich vor den Einheiten die Hände und warten, bis sie von uns in Gruppen auf das Gelände geholt werden. Es war in den vergangenen Wochen jedoch schwierig, ihnen zu erklären, dass sie dann zwar auf dem Platz stehen, aber nicht richtig Fußball spielen dürfen." Nun werde vieles einfacher, auch wenn er selbst als 32-jähriger Trainer noch den Mindestabstand einhalten müsse.

Das Ministerium für Bildung Jugend und Sport thematisierte in seiner Mitteilung Sportarten wie Fußball, Rudern oder Volleyball. Wie sieht es beispielsweise mit Ringen aus? "Ein Stück weit gilt es auch für uns. Ein Stück weit aber auch nicht", sagt Norman Brennert. Der 2. Vorsitzende des Hennigsdorfer RV sieht eher "alles in der Schwebe. Als Kontaktsportart müssen wir abwarten und hoffen".

Hoffen darauf, dass ein durch den Ringerverband Brandenburg am Montag auf den Weg gebrachtes Konzept für die Rückkehr zu etwas mehr Normalität abgesegnet wird. Noch ist die Aufhebung der Abstandsregeln daher Theorie. Ob sie ohnehin beim HRV zeitnah greifen würde, ist ebenso offen. Die Schulferien stehen vor der Tür. "Bisher war es immer so, dass wir in dieser Zeit die einzigen waren, die in den Sporthallen trainieren durften. Stand jetzt ist das aber wegen der Corona-Pandemie diesmal nicht der Fall", sagt Norman Brennert, der von Vereinsseite diesbezüglich Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt ankündigt.

Es komme für das Vorstandsmitglied des Hennigsdorfer RV einfach darauf an, die Situation neu zu bewerten. Das gelte auch für den Wettkampfbetrieb. Norman Brennert: "Noch vor einigen Wochen hatten alle mit Liga-Kämpfen abgeschlossen. Das würde ich heute allerdings nicht mehr unterschreiben, auch wenn niemand sagen kann, was passiert, wenn eine zweite Corona-Welle kommt."

Landessportbund ist Alterstrennung zu wenig

Sportarten wie Fußball, Rudern oder Volleyball, die einen Mindestabstand von 1,50 Meter unterschreiten, können von Kindern und Jugendlichen in vollem Umfang wieder betrieben werden. Darauf weist das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) nach Abstimmung mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz (MSGIV) hin.

Laut der geltenden Umgangsverordnung ist auch bei sportlichen Aktivitäten der Mindestabstand einzuhalten. Die Abstandsregelung gilt aber nicht im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit, in den Kindertagesstätten und ab dem 25. Juni auch nicht in den Schulen. Der Infektionsschutz soll zwar beachtet werden, aber nur in dem Umfang, wie es praktisch realisiert werden kann.

Angebote der Sportvereine für junge Menschen sind Jugendarbeit im Sinne des  Sozialgesetzbuches (SGB VIII). Dort ist die Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit ausdrücklich als ein Schwerpunkt der Jugendarbeit genannt. Daraus folgt, dass sämtliche sportlichen und bewegungsorientierten Angebote der Sportvereine nicht dem Abstandsgebot unterliegen, auch nicht auf Sportanlagen. Jugendarbeit erfasst Kinder, Jugendliche und junge Heranwachsende bis zum 27. Lebensjahr.

Für den Landessportbund bedeutet die Neuauslegung aus zweierlei Gründen einen Meilenstein, der nun aber weitere Lockerungen für den Brandenburger Sport nach sich ziehen müsse. "Dass die Arbeit der Sportvereine als Jugendarbeit gilt – ohne dass diese als Träger der freien Jugendhilfe eingestuft sind – ist eine lang überfällige Bewertung, die wir sehr begrüßen und für die wir uns lange eingesetzt haben", sagt Andreas Gerlach, Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes Brandenburg (LSB). "Dies würdigt das vielfältige Wirken unserer Sportvereine für und mit Kindern und Jugendlichen." Auch der Wegfall des kontaktlosen Sports für junge Menschen ist für den LSB ein sinnvoller Schritt, der nun aber auch für alle anderen Aktiven notwendig wird. "Die jetzige Regelung zieht eine Trennlinie durch unser Sportland, die auf wenig Verständnis stößt", so Gerlach.⇥red

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