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Mutter arbeitet mit Corona-Patienten
Zahnärztin verweigert Behandlung eines vierjährigen Kindes in Hennigsdorf

Der Besuch beim Zahnarzt ist oft unangenehm. Noch unangenehmer aber wird es, wenn der Mediziner die Behandlung ablehnt. So passiert in Hennigsdorf. (Symbolbild)
Der Besuch beim Zahnarzt ist oft unangenehm. Noch unangenehmer aber wird es, wenn der Mediziner die Behandlung ablehnt. So passiert in Hennigsdorf. (Symbolbild) © Foto: Markus Scholz/dpa
Roland Becker / 30.06.2020, 11:43 Uhr - Aktualisiert 30.06.2020, 13:05
Hennigsdorf (MOZ) Einer als Krankenschwester arbeitenden Mutter wird von einer Hennigsdorfer Zahnärztin die Behandlung ihres Sohnes verwehrt.

Bei Zahnschmerzen gibt es nur einen Gedanken: Man möchte sie ganz schnell wieder loswerden. Und das geht nur mit einem Termin beim Zahnarzt. Daher war Marina Appel-Strauch sehr beunruhigt, als ihr vierjähriger Sohn am vergangenen Mittwoch über solche Schmerzen klagte.

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Der Junge habe deshalb beim Abendbrot nichts mehr essen können. Sie habe auch eine Ablösung des Zahnschmelzes gesehen. Daher suchte die Mutter am Donnerstag die Hennigsdorfer Zahnarztpraxis von Dr. Heike Lucht-Geuther auf. Anfangs mit Erfolg. Binnen weniger Minuten hatte sie einen Termin für den nächsten Tag. Doch dann stellte sie eine Frage, deren Antwort sie "empörte und mit Tränen in den Augen die Praxis verlassen ließ".

Auf ihre Frage, was in Covid-19-Zeiten beim Besuch der Zahnarztpraxis zu beachten sei, wurde ihr mitgeteilt, dass sie eine Erklärung zu unterschreiben habe, in der sie versichere, dass niemand in der Familie Corona-Symptome zeige oder Kontakt zu positiv auf das Virus getestete Personen gehabt habe. Genau das aber konnte die Mutter nicht. Wahrheitsgemäß gab sie der Sprechstundenhilfe und der Zahnärztin gegenüber Auskunft, dass "wir alle kerngesund sind, ich aber täglich Kontakt zu Covid-19-Patienten habe".

Von Beruf Krankenschwester

Marina Appel-Strauch arbeitet als Krankenschwester in den Oberhavel Kliniken und betreut seit elf Jahren Patienten auf einer Intensivstation. Sie habe versichert, dass sie ihre Arbeit nur in der Schutzkleidung absolviere, die für Pflege von Corona-Patienten vorgeschrieben ist. "Ich habe sogar meinen negativ ausgefallenen Antikörpertest vorgezeigt", berichtet die Mutter von dem Versuch, die Zahnärztin in ihrer Entscheidung umzustimmen. Stattdessen sei ihr empfohlen worden, mit ihrem kleinen Sohn die Corona-Schwerpunktpraxis in Berlin-Spandau aufzusuchen.

"Ich habe ihr sogar die Verkehrsverbindung dorthin herausgesucht und hätte für sie auch einen Termin vereinbart", bestätigt Dr. Heike Lucht-Geuther. Die Ärztin räumt unumwunden ein, dass sie die Behandlung des Kindes, das ihrer Darstellung nach das erste Mal in seinem Leben zum Zahnarzt musste, abgelehnt habe. "Ich muss erst einmal richtigstellen, dass dieser Junge nicht akut behandlungsbedürftig gewesen ist." Die Mutter habe nicht von unaushaltbaren Schmerzen berichtet. Während des Gesprächs korrigiert sich Lucht-Geuther am Montag insoweit, als dass das Kind seiner Mutter gegenüber von einem "Ziehen" gesprochen habe. "Bei akuten Schmerzen ziehe ich lieber dreimal einen Mundschutz über, um helfen zu können. Aber es war kein Notfall", versichert die Ärztin und fügt hinzu: "Es ist misslich, dass meine Entscheidung eine Frau trifft, die Covid-19-Patienten hilft."

Für den medizinischen Laien dürfte es schwer sein, zwischen akuten Schmerzen und einem Notfall zu unterscheiden. Die Zahnärztin erklärt einen Notfall damit, dass "unverzügliches Handeln nötig ist". In solch einem Fall wäre die Behandlung aber kein Entgegenkommen, sondern eine ärztliche Pflicht gewesen. "Wenn ein akuter Notfall vorliegt, darf die Behandlung nicht verweigert werden", informiert Dominik Lenz. Der stellvertretende Sprecher des brandenburgischen Sozial- und Gesundheitsministeriums verweist aber darauf, dass die gesetzlich geregelte Vertragsfreiheit es jedem Arzt erlaube, eine Behandlung in seiner Praxis abzulehnen. "Das ist nicht schön, rechtlich aber machbar", fügt er hinzu. Ähnlich wird der Fall auch von Kreissprecherin Ivonne Pelz eingeschätzt: "Wenn ein Zahnarzt entscheidet, einen Patienten nicht zu behandeln, ist das sehr bedauerlich, aber dessen alleinige Entscheidung." Pelz fügt hinzu: "Den Ärger der Mutter können wir gut verstehen." Man rate ihr, den Fall der Zahnärztekammer oder einem Patientenfürsprecher zu schildern.

Würden alle erreichbaren Praxen die Behandlung verweigern, rät auch der Ministeriumssprecher der  Mutter, diesen Weg einzuschlagen. Doch was wird in dieser Zeit aus dem Kind und seinen Schmerzen?

Fürsorgepflicht als Grund

Bei der Landesärztekammer dürfte sich die Hennigsdorfer Mutter mit ihrem Problem allerdings durchaus gut aufgehoben fühlen. Dass aus dem oben beschriebenen Grund die Behandlung eines Kindes abgelehnt wird, "kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Das ist ein Unding", sagt Jürgen Herbert. Der Chef der Landeszahnärztekammer Brandenburg wagt sich noch weiter aus dem Fenster: "Ich habe für die Entscheidung überhaupt kein Verständnis. Die Mutter soll sich an uns wenden." Wenn sich der Vorfall so bestätige, "kann es ein heftiges Disziplinarverfahren geben." Gegen die Zahnärztin, versteht sich.

Sollte ein solches Verfahren jemals angestrengt werden, dürfte sich die betroffene Zahnärztin heftig zur Wehr setzen. Denn die Entscheidung, das Kind nicht behandelt zu haben, begründet sie mit ihrer Fürsorgepflicht. Sie spricht von einer "individuellen Risikoabschätzung". Als Ärztin und Arbeitgeberin habe sie eine Fürsorgepflicht ihren Patienten und ihren Mitarbeiterinnen gegenüber. "Ich habe fast nur alte Patienten. Und die Frau kann es doch nicht wollen, dass sich diese Menschen anstecken." Lucht-Geuther räumt ein, dass die Mutter den negativ ausgefallenen Antikörpertest vorgelegt habe, versieht dies jedoch mit einem Aber: "Sie hat ja tagtäglich Kontakt mit solchen Patienten und kann sich in der Zwischenzeit angesteckt haben." Die Ärztin weist auch darauf hin, dass ihr weder Feuchtigkeit abweisende Einmalkittel noch FFP3-Masken zur Verfügung gestellt werden. Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt diese speziellen Masken allen Ärzten, die mit dem Coronavirus infizierte Patienten behandeln. Dabei dienen diese Masken aber nicht dem Fremd-, sondern dem Eigenschutz. Hinweise darauf, dass Ärzte bei der Behandlung von Patienten generell diese hohen Schutz gewährenden Masken tragen sollen, finden sich auf der RKI-Seite nicht.

Hilfe in einer anderen Praxis

Mutter und Sohn wurde in einer anderen Hennigsdorfer Praxis geholfen. Der Schmerz konnte mit einem dort empfohlenen Medikament bekämpft werden. Marina Appel-Strauch hat die Zahnärztekammer kontaktiert und behält sich vor, Schritte gegen die Ärztin einzuleiten. "Es kann nicht sein, dass mein Kind wegen meines Berufs leiden muss."

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