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Historie
Noch kein Konzept für die Lehnitzer Friedrich-Wolf-Gedenkstätte

Zum Gespräch über die Familie Brasch mit der Radiomoderatorin und Autorin Marion Brasch kamen am 21. Juni 50 Besucherinnen und Besucher in den Garten der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte in Lehnitz.
Zum Gespräch über die Familie Brasch mit der Radiomoderatorin und Autorin Marion Brasch kamen am 21. Juni 50 Besucherinnen und Besucher in den Garten der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte in Lehnitz. © Foto: Antje Jusepeitis
Klaus D. Grote / 24.07.2020, 11:01 Uhr - Aktualisiert 24.07.2020, 11:16
Lehnitz (MOZ) Noch immer ist unklar, wie und ob die Friedrich-Wolf-Gedenkstätte im früheren Wohnhaus des Schriftstellers und Mediziners in Lehnitz fortgeführt wird. Die Friedrich-Wolf-Gesellschaft sieht sich zum Weiterbetrieb nicht mehr in der Lage. Deshalb kam es zum Ende des vergangenen Jahres bereits zur vorläufigen Schließung.

Die Stadtverordneten hatten den Bürgermeister zuvor zum zweiten Mal damit beauftragt, ein Konzept für den künftigen Betrieb des Hauses zu erarbeiten. Die Friedrich-Wolf-Gesellschaft wünscht sich die Stadt als Betreiber. Sollte kein Konzept vorgelegt und das Haus dauerhaft geschlossen werden, würde die Immobilie an das Land fallen. So weit dürfe es nicht kommen, sagt Tatjana Trögel, Enkelin von Friedrich Wolf und Leiterin des Hauses.

"Die Stadt ist interessiert, gemeinsam mit weiteren Partnern die Friedrich-Wolf-Gedenkstätte zu erhalten", sagte Stadtsprecher Ralph Kotsch. In einer der nächsten Stadtverordnetenversammlungen werde die Verwaltung ihre Vorstellungen unterbreiten, "wie die Arbeit der Gedenkstätte unterstützt werden kann".

Bislang hat die Verwaltung lediglich die Kosten vorgerechnet. Eine halbe Stelle für den Weiterbetrieb und Betriebskosten würden zusammen 70 000 Euro pro Jahr kosten. Hinzu kämen Sanierungskosten für das Haus. Tatjana Trögel hält dagegen. Die Betriebskosten, die bisher schon von der Stadt bezuschusst würden, beliefen sich auf jährlich 5 000 Euro. Einen dringenden Sanierungsbedarf gebe es nicht. Ein Museumsexperte habe ihr zudem geraten, den Originalzustand des Hauses zu bewahren und nicht durch eine Sanierung anzutasten.

Die ungewisse Zukunft der Gedenkstätte sorgt nun dafür, dass das Finanzministerium eine bereits zugesagt Förderungfür eine neue Heizungsanlage im Haus zurückhält.

Unterdessen ist Emmi Wolf, Gedenkstättenleiterin von 1973 bis 1990, im Alter von 96 Jahren in Wandlitz gestorben.

Im Haus am Alten Kiefernweg 5 konzentriert sich Geschichte. Über eine ganze Familie mit dem Nachnamen Wolf lässt sich an dem historisch wichtigen Ort erzählen. Namensgeber Friedrich Wolf, nach dem auch die Lehnitzer Hauptstraße und die Grundschule benannt sind, bekam das Haus in der von Häftlingen des KZ Sachsenhausen erbauten Siedlung nach dem Krieg zugewiesen. Als Kommunist hatte der in Neuwied geborene Wolf den Nationalsozialismus im Moskauer Exil erlebt.

In Lehnitz arbeitete er als Naturheilkundler und Schriftsteller. Vermutlich wurde die Geschichte von der Weihnachtsgans Auguste, nach der Oranienburgs Weihnachtsmarkt benannt ist, in Lehnitz verfasst. Schon vor dem Moskauer Exil schrieb der Reformmediziner 1928 "Die Natur als Arzt und Helfer". "Das Buch ist heute wieder sehr aktuell", sagt Tatjana Trögel, die Enkelin Wolfs und Leiterin der Gedenkstätte. Die Naturmedizin beschäftige sich mit der Reduzierung aufs Wesentliche. Gerade während der Corona-Pandemie sei das doch ein moderner Ansatz.

Wieder Veranstaltungen

Tatjana Trögel orientiert sich am großen Literaturschaffen Wolfs, wenn sie Besucher durch das Haus und den Garten führt. Es gebe wieder viele Anfragen. Die Hygiene-Regeln machen die Situation jedoch noch schwieriger. Veranstaltungen können nur im Freien und mit Abstand stattfinden. Am 9. August kommt der Zeit-Autor Christoph Dieckmann zum "Lehnitzer Gespräch". Die Veranstaltungen sind nicht kostendeckend. Die Friedrich-Wolf-Gesellschaft mit überwiegend betagten Mitgliedern wollte die Verantwortung für das Haus ohnehin abgeben. Zum Ende des vergangenen Jahres war vorerst Schluss. Doch da stand das Programm für das laufende Jahr fast komplett fest.

Es fällt Tatjana Trögel auch schwer, ihr Ehrenamt abzugeben. Unermüdlich sucht sie nach Wegen zum Weiterbetrieb. "Wir haben eine tolle Bewerbung für eine halbe Stelle", sagt sie. Die Hoffnung, dass die Stadt den Betrieb und die notwendigen Kosten übernimmt, ist groß. Trögel kann sich Kooperationen mit der TKO, der Stadtbibliothek und der Gedenkstätte Sachsenhausen vorstellen. Sie spricht von einer Werkstatt-Idee und einer Dauerausstellung bei regelmäßiger Öffnung des Hauses. Doch die Stadt will keine Übernahme und sucht nach Partnern. "Ohne einen jährlich fest vereinbarten bereitzustellenden auskömmlichen Drittmittelanteil ist die Übernahme der Gedenkstätte durch die Stadt derzeit nicht darstellbar", hieß es in einer Mitteilungsvorlage der Verwaltung an die Stadtverordneten.

Vielleicht hat die Zurückhaltung mit der kommunistischen Vergangenheit zu tun. Doch immerhin ist Else Wolf Lehnitzer Ehrenbürgerin. Sie führte das Haus nach dem Tod ihres Mannes, baute die Gedenkstätte mit auf, ließ die persönlichen Gegenstände, Möbel und Bücher im Haus. Nach ihrem Tod führte Emmi Stenzer die Gedenkstätte bis zur Wendezeit. Die gebürtige Münchnerin war mit ihrer Familie ebenfalls ins Moskauer Exil geflohen, nachdem ihr Vater, der KPD-Reichstagsabgeordnete Franz Stenzer im August 1933 von den Nazis in Dachau ermordet worden war. Nach ihm war das heute als Partymeile bekannte RAW-Gelände, das Reichsbahnausbesserungswerk an der Revaler Straße in Berlin-Friedrichshain, benannt.

In Moskau geheiratet

Emmi Stenzer lernte im Exil Markus Wolf kennen, sie heirateten 1944 in Moskau. Sie war die erste Frau des späteren Chefs des Auslandsspionagedienstes der DDR-Staatssicherheit. Wolf heiratete nach der Scheidung 1976 erneut. Die gemeinsame Tochter Tatjana Trögel führt heute die Gedenkstätte ehrenamtlich. Zuletzt begleitete sie ihre Mutter in den Tod. Emmi Wolf starb am 15. Juli im Alter von 96 Jahren in Wandlitz.

Die ambivalente und höchst spannende Geschichte von Markus Wolf und dessen Bruder, dem Defa-Regisseur Konrad Wolf, könne in Lehnitz auch thematisiert werden, sagt Tatjana Trögel. Sie schlägt vor, auf dem Grundstück Infostelen zu errichten. Denn das Haus, seine Bewohner und deren Verwandte erzählen von der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Ort könnte viel mehr sein als eine Gedenkstätte oder ein Literaturhaus. Tatjana Trögel hofft, dass sich die Stadt zu diesem kulturellen Erbe bekennt. So viele Kulturorte gebe es in der Stadt ja nicht, sagt sie.

Original eingerichtet

Die Waldsiedlung am Alten Kiefernweg in Lehnitz wurde von Häftlingen des KZ Sachsenhausen errichtet. In die Häuser zogen Offiziere der Luftwaffe ein. Nach dem Krieg sollten verdiente Antifaschisten einziehen, unter ihnen Friedrich und Else Wolf, die eine beengte Wohnung in Berlin verlassen konnten und für die Einrichtung die niederländische  Architektin Ida Liefrink-Falkenberg beauftragten. Das Mobiliar ist nahezu komplett erhalten.

Nach dem Tod Friedrich Wolfs baute Else Wolf mit der Akademie der Künste ein Archiv auf. Laut ihrem Vermächtnis wurde das Haus dem Volk der DDR geschenkt und in die Verantwortung der Akademie der Künste übergeben. Heute gehört die Immobilie dem Land.

Wer das Haus besuchen möchte, muss sich unter 03301 524480 oder kontakt@friedrichwolf.de anmelden..⇥kd

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