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NS-Verbrechen
Ermittlungen gegen SS-Wachleute des KZ Sachsenhausen

Von den Wachtürmen aus hatten die SS-Aufseher einen Überblick auf das Lagergelände des Konzentrationslagers Sachsenhausen.
Von den Wachtürmen aus hatten die SS-Aufseher einen Überblick auf das Lagergelände des Konzentrationslagers Sachsenhausen. © Foto: Klaus D. Grote
Klaus D. Grote / 28.07.2020, 17:14 Uhr - Aktualisiert 28.07.2020, 19:49
Oranienburg (MOZ) Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt gegen acht ehemalige Aufseher des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Den betagten Männern, alle sind über 90 Jahre alt, wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Oberstaatsanwalt Cyrill Klement hofft, dass es noch in diesem Jahr zur Anklageerhebung kommt. Erst dann könnten nähere Angaben zu den Beklagten gemacht werden.

Aufsehen erregte zuletzt die Bewährungsstrafe des ehemaligen SS-Wachmanns Bruno D. Das Hamburger Landgericht verurteilte ihn am 23. Juli zu zweijähriger Jugendhaft auf Bewährung. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der 93-Jährige in den Jahren 1944 und 1945 mehrere Monate als Jugendlicher zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig gehört hatte. Er habe sich der Beihilfe zum Mord in 5 232 Fällen und zum versuchten Mord in einem Fall schuldig gemacht. Auch die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt wegen Beihilfe zum Mord. Mord verjährt aus juristischer Sicht nicht. Einige der Beschuldigten könnten wegen ihres damaligen Alters ebenfalls nach dem Jugendstrafrecht belangt werden.

Die Ermittlungen wurden zu Beginn des vergangenen Jahres aufgenommen. Die Staatsanwaltschaft ging Hinweisen der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg nach. In der Außenstelle des Bundesarchivs werden seit 1958  Angaben über NS-Täter gesammelt. Insgesamt gibt es dort Karteikarten zu 1,7 Millionen Personen. Während in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende viele Täter unbehelligt blieben und in neue Funktionen kamen, brachten spätere Generationen  die Ermittlungen wieder voran.

Durch frühere Verfahren gegen ehemalige SS-Wachleute seien die Hürden für die Anklage zur Beihilfe zum Mord herabgesetzt worden, sagt Staatsanwalt Cyrill Klement. Das Landgericht Lüneburg hatte 2015 den früheren SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. "Bereits die allgemeine Dienstausübung in einem Konzentrationslager, in dem erkennbar systematische Massenmorde stattfanden, leistete den Führungspersonen in Staat und SS Hilfe", urteilte der Bundesgerichtshof. "Damit wurde endlich vom bis dahin über Jahrzehnte begangenen Weg abgewichen, dass eine konkrete Tat nachgewiesen werden musste", sagte der Erste Staatsanwalt und stellvertretende Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle, Thomas Will. Im Falle der Wachleute der Lager Sachsenhausen und Ravensbrück habe es Erkenntnisse gegeben, die beim Militärarchiv der Russischen Föderation in Moskau gewonnen worden seien, sagte Will.

Zu insgesamt 14 Wachleuten des KZ Sachsenhausen und acht Aufseherinnen des KZ Ravensbrück nahm die Staatsanwaltschaft Neuruppin nach den Hinweisen aus Ludwigsburg Ermittlungen auf. Gegen die Beschuldigten aus Ravensbrück wird in keinem Fall Anklage erhoben. Dafür gebe es vorwiegend altersbedingte Gründe, so Klement. Dies gelte auch für die sechs Fälle zu Sachsenhausen, in denen nicht weiter ermittelt werde. Die acht Männer, gegen die die Ermittlungen laufen, seien derzeit dauerhaft verhandlungsfähig. Wo die Männer heute leben, wann und in welcher Funktion sie im Lager tätig waren, dazu hält sich der Oberstaatsanwalt bedeckt.

Signal für Überlebende des KZ Sachsenhausen

Astrid Ley, die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen, bestätigt, dass im vergangenen Jahr durch die Staatsanwaltschaft umfangreich im Archiv der Gedenkstätte nach Hinweisen zu den SS-Wachleuten gesucht wurde. "Die Mitarbeiter der Gedenkstätte Sachsenhausen sind der Staatsanwaltschaft für ihre Ermittlungsanstrengungen dankbar. Wir halten es für sehr wichtig, dass heute alle Möglichkeiten zur juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen ausgeschöpft und die Täter endlich zur Verantwortung gezogen werden", sagt Astrid Ley. Auch für die Überlebenden und Familien seien solche Verfahren ein wichtiges Signal.

Der Berliner Leon Schwarzbaum, der die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen überlebte, drückte seinen Schmerz darüber aus, dass Deutschland mit den Tätern lange Zeit zu nachsichtig gewesen sei. "Nicht viele sind juristisch belangt worden. Die meisten sind davon gekommen. Das finde ich fürchterlich", sagte Schwarzbaum. Er sehe in solchen Verfahren eine Chance, "die historische Wahrheit für die Menschheit und Nachwelt" festzuhalten und Gerechtigkeit herzustellen, wie Schwarzbaum kürzlich im Detmolder Verfahren gegen Reinhold Hanning sagte.

Im Verfahren gegen Bruno D. traten mit  Abraham Koryski und Marek Dunin-Wasowicz auch zwei Nebenkläger im Prozess auf. Die KZ-Überlebenden schilderten das Leben der Häftlinge im Lager, zu dem Misshandlungen, Hinrichtungen, Willkür und Sadismus zählten. Auch aus Sachsenhausen sind die erschütternden Berichte von Zeitzeugen bekannt. Noch können sie auch vor Gericht als Zeugen reden.

Tausende Männer im Wachdienst

In das 1936  eingerichtete Konzentrationslager Sachsenhausen wurden bis 1945 etwa 200 000 Häftlinge deportiert.

Insgesamt waren nach Angaben der Gedenkstätte Sachsenhausen schätzungsweise 10 000 bis 12 000 SS-Männer für eine gewisse Zeit am SS-Standort Oranienburg tätig. 1 000 dieser Männer gehörten dem für den inneren Betrieb des KZ Sachsenhausen zuständigen Kommandanturstab an, die übrigen waren Wachmänner.

Die Größe von Kommandanturstab und Wachverband nahm stetig zu, bis im Frühjahr 1945 mit 350 Kommandanturstabs- und 3 000 Wachverbandsangehörigen der höchste SS-Personalstand erreicht war. Wie viele der Männer heute noch leben, ist der Gedenkstätte nicht bekannt.⇥kd

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