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15 000 rohe Eier im Keller vermauert

1855: Kaufmann und Brauereibesitzer Karl Eduard Kelch (1801-1877) baute das Gutshaus zur Turmvilla - jetzt Schloss genannt - aus. Wie zu dieser Zeit modern, wurden ein Schlossturm errichtet und zwei Wappenlöwen auf das Tor des Gutshofes gesetzt. Der bis d
1855: Kaufmann und Brauereibesitzer Karl Eduard Kelch (1801-1877) baute das Gutshaus zur Turmvilla - jetzt Schloss genannt - aus. Wie zu dieser Zeit modern, wurden ein Schlossturm errichtet und zwei Wappenlöwen auf das Tor des Gutshofes gesetzt. Der bis d © Foto: MOZ /Gerd Markert
Irina Voigt / 18.04.2015, 07:09 Uhr
Neuenhagen (MOZ) Schlösser und Gutshäuser gibt es eine ganze Reihe in der Region. Wir haben über die Vergangenheit recherchiert und mit den aktuellen Besitzern über die Zukunftspläne gesprochen. In einer Serie stellen wir die markanten Gebäude vor. Heute: Gutshaus Bollensdorf.

Die ganze, jahrhundertelange Geschichte von Bollensdorf steckt in den Mauern des Gutshauses. Die Mitglieder des Geschichtskreises der evangelischen Verheißungsgemeinde haben vor zehn Jahren damit begonnen, sie zusammenzutragen und sie sind noch immer nicht zu einem Abschluss gekommen. Zu viele historisch bedeutsame Daten stecken auch im kleinen Gut, das der Neuenhagener Ortsvorsteher Max Thormann in den 1920er-Jahren davor bewahrte, als Rieselfelder für Berlin zu dienen.

Bis dahin und vor allem danach wechselten die Besitzer mehrfach. Am längsten - von 1541 bis 1749 - waren die von Görtzkes die Herren in und von Bollensdorf. Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges, der das Gut wüst und menschenleer hinterließ, datiere auch das allererste Gutshaus. "Der Keller mit seinem Kreuzgratgewölbe aus dem 17. Jahrhundert steht noch an der historischen Stelle", versichern Martin Grabow, Klaus Wegner und Peter Stolley vom Geschichtskreis. Anhand der Steine und des Mörtels, die im Keller bei den jüngsten Sanierungsarbeiten gefunden wurden, gehört der Keller zu den ältesten in ganz Brandenburg. "15 000 Eier waren damals Bestandteil des Mörtels", wissen die Forscher vom Geschichtskreis inzwischen.

Jacob Melchior von Görtzke, der nach dem Krieg das Gut "zur halben Hand" geerbt hatte, sei es gewesen, der das Gutshaus gebaut habe. 2010, bei der Sanierung des Dachs wurden auch die Balken untersucht. "Und es wurde ein Dachbalken mit den Einschlagdaten von 1670 gefunden." Nachweislich stammt der aus dem kleinen Vorwerk Waldkante bei Radebrück, wie Quadrologen ermittelten.

Die markantesten Umbauten passierten, als es Familie Kelch kaufte und sich hier niederließ. Das waren nach all den Adligen die ersten Bürgerlichen, die das Rittergut erwerben durften. Das Bürgertum hatte zwar Geld, aber nicht den Titel. Das Gutshaus wurde an der Ostseite mit einem Turm versehen, und da man zu dem nun als Schloss bezeichneten Gebäude auch einen Park brauchte, wurde der Anger dazu gemacht. Um 1860 gehörten zum Gut neben dem Herrenhaus fünf Wohn- und 16 Wirtschaftsgebäude einschließlich einer dampfgetriebenen Brennerei, einer Getreidemühle und einer Ziegelei. In seiner Form entspricht der Umbau des Herrenhauses zahlreichen Beispielen von Villenbauten im Berliner Umland, die zwischen 1860 und 1880 entstanden.

Die Beerdigungen der Dorf- und Gutsbewohner erfolgten nun auch nicht mehr auf dem Kirchhof - wo sich die Familie neben der Kirche ein Erbbegräbnisgebäude errichten ließ -, sondern auf dem vom Gutsbesitzer zur Verfügung gestellten Gelände an der Vogelsdorfer Straße.

Der Turm fiel 1945 Bomben zum Opfer und wurde danach nicht mehr aufgebaut.

Nach den Kelchs - der Letzte starb 1912 ohne Erben - wechselten die Besitzer recht häufig, man spekulierte und verschuldete sich und die meisten neuen Gutsherren waren keine richtigen Landwirte für die 433 Hektar Felder drum herum.

Die jüdische Geschichte des Anwesens beginnt um 1912. Berliner Kaufleute erwarben das Gut. 1928 war es allerdings mit 6,5 Millionen Reichsmark verschuldet. Hauptgläubiger waren Friedrich Jolowicz, Ernst Steidel und ein Herr Hentschel, die teilweise eigenes Kapital in die Rettung des Gutes investiert hatten. Es begann eine Parzellierung, die nicht den gesetzlichen Bestimmungen entsprach. Schließlich gab der Pächter auf. Mit Unterstützung des Landrates übernahm Max Thormann, Bürgermeister von Neuenhagen, auch das Gemeindevorsteheramt von Bollensdorf. Er wurde auch Vorsitzender des gerade gegründeten Zweckverbandes von Gemeinde und Gut. 1932 wurde Friedrich Jolowicz Besitzer des Gutes. Der von Thormann vorbereitete Parzellierungsplan wurde durch den Verkauf der Parzellen und deren Besiedelung umgesetzt. Auch über diese Zeit gibt es bis in die Gegenwart viel zu berichten.

Die wechselvolle Geschichte des Gutshauses, in dem heute die Kinder zur Schule gehen, können Interessenten immer donnerstags im Geschichtskabinett im Kelch-Mausoleum in der Dorfstraße nachvollziehen. Keller und Archiv sind auch am 13. September, dem Tag des Denkmals, geöffnet.

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