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Der Storkower Sebastian Kühn lebt als „Netznomade“

Arbeitsleben
Digital durch die Welt

Netznomade Im heimischen Garten: Wenn Sebastian Kühn, der von überall aus arbeiten kann, in der Nähe ist, schaut er unbedingt bei seinen Eltern in Storkow vorbei.
Netznomade Im heimischen Garten: Wenn Sebastian Kühn, der von überall aus arbeiten kann, in der Nähe ist, schaut er unbedingt bei seinen Eltern in Storkow vorbei. © Foto: Iris Stoff
Iris Stoff / 18.07.2018, 10:00 Uhr
Storkow Sebastian Kühn ist ein „digitaler Nomade“. Der 35-jährige Storkower hat seinen Besitz auf ein Minimum beschränkt, den festen Wohnsitz aufgegeben. Mit seinem Laptop kann er von überall in der Welt aus arbeiten. Dieses selbstbestimmte Leben möchte er nicht mehr missen.

Der junge Mann ist in der Storchenstadt aufgewachsen und hat 2002 an der Europaschule sein Abitur gemacht. Nach dem Abi leistete er zunächst neun Monate seinen Wehrdienst bei den Pionieren in Storkow ab. Anschließend folgte eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann bei Rewe in Frankfurt. „Ich wollte möglichst schnell anfangen zu arbeiten, Studieren war für mich damals überhaupt keine Option“, erinnert er sich. Für Abiturienten bot Rewe eine anderthalbjährige Ausbildung an nebst Führungskräfteseminaren. Nach der Lehre wurde er nach Berlin versetzt und bekam schnell einen Job mit Personalverantwortung. Als stellvertretender Marktleiter war er sechs Tage die Woche im Einsatz, oft von 8 bis 20 Uhr. „Doch das hat mich eher motiviert als belastet“, schildert er. „So viel Verantwortung und gutes Geld. Das war für mich als junger Mensch toll.“

Dann allerdings kam ein Einschnitt, der sein Leben veränderte: 2006 wurden im Unternehmen Stellen abgebaut, und nach dem Sozialplan traf es die Jungen zuerst.  „Zum ersten Mal“, so Sebastian Kühn, „habe ich damals richtig darüber nachgedacht, was will ich eigentlich in meinem Leben?“ Und er ging ein Jahr nach Australien. Work und Travel. „Ich bin im ganzen Land rumgekommen, habe verschiedene Jobs gemacht. Und dabei hat sich mir eine völlig neue Welt geöffnet. Meine Vorstellungskraft war viel größer geworden. Alles war voller Möglichkeiten.“ Wieder zu Hause schrieb er sich dann an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin ein, machte den Bachelor in BWL und anschließend den Master International Business auf Englisch. In der Studienzeit unternahm er zahlreiche Reisen ins Ausland und sammelte nebenbei in verschiedenen Startups Erfahrungen.

2012 war das Studium vorbei, und Sebastian Kühn zog mit seiner damaligen Freundin nach Shanghai. Zunächst arbeitete er bei einem Weinimporteur. Als die Stelle auslief, wollte er etwas anderes ausprobieren. „Von einem Tag auf den anderen habe ich mich selbstständig gemacht.“ Er verdiente sein Geld mit Übersetzungen und Online-Marketing. Anfang 2014 startete er  seinen Blog „Wireless Life“. Daraus entwickelte sich der „Wireless Life Guide“,  ein umfassender Ratgeber zu praktischen Fragen des orts- und zeitunabhängigen Lebens und Arbeitens. Er ist gedruckt und in überarbeiteter Auflage online erhältlich.  Weil ihm der Kontakt mit anderen wichtig war, gründete Sebastian Kühn mit drei Partnern eine Online-Gemeinschaft für digitale Nomaden. „Wir organisieren Konferenzen in Deutschland und im Ausland, wo Erfahrungen ausgetauscht werden.“ Derzeit habe die Community etwa 400 Mitglieder. Darunter sowohl Singles als auch Rentner, die noch einmal etwas anderes machen möchten. Aber auch Eltern mit kleinen Kindern oder Leute, deren Kinder aus dem Haus sind, würden sich oft für eine berufliche Veränderung entscheiden, so Sebastian Kühn.

Er selbst fühlt sich sehr wohl in seinem Leben. „Die Selbstständigkeit und Flexibilität möchte ich nicht mehr missen“, betont er. „Ich arbeite viel und gerne, aber nach meinen Regeln.“ Bei all dem ist der 35-Jährige, dessen Opa der  Storkower  Lokalhistoriker Dr. Jürgen Pfeiler war,  immer noch auf der Suche, beschäftigt sich mit vielen Themen. So hat er im Januar ein einjähriges Projekt gestartet, an dem er auf seiner Seite wirelesslife.de unter der Rubrik „Lifestyle X“ auch andere teilhaben lässt. „Jeden Monat mache ich da ein Experiment“, erklärt Sebastian Kühn. So hat er versucht, ganz anonym zu leben, ernährte sich nur von Obst und Gemüse und vollbrachte im März jeden Tag eine gute Tat.  Dann versuchte er, unter professioneller Anleitung, seine Muskeln aufzubauen oder als Selbstversorger zurecht zu kommen. Sebastian Kühn wählt für seine Vorhaben immer den passenden Ort aus. So hielt er sich im Juni in Frankreich im größten FFK-Camp Europas auf, um mal vier Wochen als Nudist zu verbringen. Außerdem will er in diesem Jahr noch pilgern, als Pfennigfuchser leben, Müll sammeln, mit wenig Schlaf auskommen, die verschiedenen Religionen kennenlernen und erfahren, was vier Wochen Einsamkeit bewirken. „Mir geht es auch darum, Gewohnheiten zu hinterfragen“, erklärt Kühn. „Und schon jetzt kann ich sagen, dass ich bisher von allen Experimenten etwas beibehalten habe, das mir wichtig ist.“

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