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Biografie
Das Buch ihres Lebens

Konservierte Erinnerungen: Theresia Bobertag aus Briescht hat ihr eigenes Leben mit allen Höhen und Tiefen in einer Biografie festgehalten. Die 93-Jährige zeigt eine Seite mit einem Foto von sich als 18-Jährige.
Konservierte Erinnerungen: Theresia Bobertag aus Briescht hat ihr eigenes Leben mit allen Höhen und Tiefen in einer Biografie festgehalten. Die 93-Jährige zeigt eine Seite mit einem Foto von sich als 18-Jährige. © Foto: MOZ/Thomas Sabin
Thomas Sabin / 23.01.2018, 10:00 Uhr - Aktualisiert 17.08.2018, 14:32
Briescht (MOZ) Ein Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Viele haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Die MOZ stellt in einer Serie Gesichter aus Oder-Spree vor. Heute: Theresia Bobertag aus Briescht.

„Mein Leben“ steht in der linken oberen Ecke der ersten Seite. Es ist der einfache Titel des Buches, das Theresia Bobertag aus Briescht verfasst hat. All ihre Erinnerungen hat sie zu Papier gebracht, um niemals zu vergessen. In ihrem Haus in Briescht gewährt sie einen tiefen Einblick in ihre Vergangenheit.

„In meinem Buch steht alles über mich“, sagt sie mit ernstem Blick und schiebt ihr Werk über den Tisch. „Sie werden viele unglaubliche Sachen lesen“, versichert sie und schlägt die erste Seite auf. „Irgendwo und irgendwann hat alles seinen Anfang und sein Ende“, beginnt die eigens geschriebene Biografie der 93-Jährigen. Ganze 240 Seiten umfasst das Werk. Familienfotos und Zeitungsausschnitte zieren die Seiten. Die Zeit hinterließ Spuren auf jenen Andenken. Die Ränder sind verblasst, mancher Schnappschuss ist geknickt, auf anderen ist kaum noch etwas zu erkennen, das alte Zeitungspapier färbt sich rostig braun.

Ihr ereignisreiches Leben beginnt am 16. April 1924 im österreichischen Retzbach. In großer Armut versucht ihre Familie, über die Runden zu kommen, notiert sie im Buch mit feiner Handschrift. Sie berichtet vom Zweiten Weltkrieg, vom Verlust geliebter Menschen und den Erinnerungen an das Lazarett, in dem sie arbeitete. Sie erzählt von Angst und Schrecken, vom Wahnsinn Hitlers. Auch ihrer ersten großen Liebe widmet sie eine Seite – alles soll unvergessen bleiben.

„Ich arbeite wieder als Friseur“, schreibt sie im Buch über das Jahr 1944, „und der Krieg geht weiter. Es gab keine Tanzveranstaltungen, immer mehr Männer fielen dem Krieg zum Opfer. Meistens waren die Familien ausgerottet. Nur die armen Mütter blieben mit ihrem Schmerz zurück.“

Theresia Bobertag schreibt von ihrem Halbbruder, der als Gebirgsjäger mit 18 Jahren in Lappland fällt. Sie erinnert sich noch an einen Brief, der eines Tages zu ihnen nach Hause kam: „In treuer Pflichterfüllung fürs Vaterland gefallen“, stand dort geschrieben. Im Buch dazu traurige Zeilen: „Unser Großvater hat seinen Franzl so geliebt, er hat es nicht überwunden. Kurz darauf ist er ihm in den Himmel gefolgt.“ Als sie die Textstelle liest, flüstert sie in ihrem kleinen Wohnzimmer leise vor sich hin: „Er hat ihn so sehr geliebt ...“.

Trotz der schrecklichen Erfahrungen erlebt man sie heute lebensfroh und aufgeschlossen. Dass sie voller unterschiedlicher Gefühle steckt, kann sie nicht verbergen. Doch längst können diese sie nicht mehr übermannen. Außer wenn sie sich an lustige Momente erinnert und laut auflacht, dann ist sie nicht zu bremsen. Sie wirft den Kopf nach hinten und greift einem freundschaftlich an den Arm, um sich festzuhalten. Ihr Lachen steckt an. Von weniger schönen Momenten, jenen vom Krieg oder Armut, berichtet sie mahnend. „Es waren schreckliche Zeiten“, meint sie oft, während sie auf die geschriebenen Zeilen starrt.

„Ich habe dieses Buch für mich und meine Kinder geschrieben. Es soll mich an meine Wurzeln erinnern, mir die Möglichkeit geben, meine eigene Geschichte nachzulesen, sodass ich sie nie vergesse“, erklärt sie die Idee zum Buch. Sie lächelt sanft und sagt, „meine Kinder können, wenn sie das lesen, einen Eindruck davon bekommen, wie das früher mit Mutti alles so war.“

Die letzten Seiten sind noch weiß. Theresia Bobertag ist noch nicht fertig. „Vielleicht werde ich bald weiterschreiben. Zeit habe ich ja“, erklärt sie schmunzelnd und scheint, in Gedanken bereits die nächsten Zeilen zu verfassen.

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