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Flucht
Ein neues Leben in Beeskow

Angekommen: Mona Kahali arbeitet bei der Beeskower Tafel in der Kleiderkammer, kümmert sich nebenbei um den Verkauf der Blumen und integriert sich somit in die Gesellschaft.
Angekommen: Mona Kahali arbeitet bei der Beeskower Tafel in der Kleiderkammer, kümmert sich nebenbei um den Verkauf der Blumen und integriert sich somit in die Gesellschaft. © Foto: MOZ/Thomas Sabin
Thomas Sabin / 30.01.2018, 10:30 Uhr - Aktualisiert 20.08.2018, 15:07
(MOZ) Beeskow (MOZ) Ein Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Viele haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Die MOZ stellt in einer Serie Gesichter aus Oder-Spree vor. Heute: Mona Kahali aus Beeskow.

Alles beginnt mit friedlichen Demonstrationen. 2011 entwickelt sich aus Protesten ein schwerwiegender Konflikt zwischen verschiedenen Fronten. Seit über sechs Jahren herrscht Krieg in Syrien. Mona Kahali erlebte ihn am eigenen Leib und begann ein neues Leben. Sie flieht vor dem Krieg in Syrien und findet in Deutschland eine neue Heimat – Beeskow. Was hier unvorstellbar scheint, wurde in Syrien Alltag. Die Regierung von Diktator Assad bombardiert die eigene Bevölkerung. Zusätzlich greifen der „Islamische Staat“ (IS) und verschiedene Milizen Zivilisten an. Im Laufe des Krieges und der Bombardements verliert Mona Kahali ihr Haus.

„Von unserem Haus steht nur noch die Hälfte, der Rest stürzte ein.“ Mit der Zeit verliert sie auch ihren Job in der Großfabrik. „Es war nicht mehr möglich zu arbeiten“, berichtet sie. Aus Aleppo, wo sie geboren und aufgewachsen ist, wird sie vertrieben. Zusammen mit ihren zwei Töchtern und ihrem Mann macht sie sich auf den Weg nach Deutschland. Fragt man sie, wie die Flucht verlief, ringt sie um Fassung. Tränen steigen ihr in die Augen. Sie legt die Hand aufs Herz und sagt: „Tut mir leid, aber es fällt mir noch sehr schwer, über das alles zu sprechen.“

Der Krieg in Syrien kostete laut einer Studie der Nichtregierungsorganisation Syrisches Zentrum für politische Forschung (SCPR) bisher rund einer halben Million Menschen das Leben, 45 Prozent der Bevölkerung sind vertrieben worden. Die Zahlen wurden Anfang 2016 veröffentlicht.

Deutschlandweit gingen im Zeitraum Januar bis November 2017 insgesamt 184 797 Asylanträge ein, zeigen die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die größte Gruppe davon machen Syrer aus. In Brandenburg wurden im selben Zeitraum 5091 Anträge gestellt.

Auch im Landkreis Oder-Spree wurden Flüchtlinge untergebracht. Acht Gemeinschaftsunterkünfte mit einer Kapazität von 884 Plätzen stehen zur Verfügung. Zusätzlich gibt es 383 Wohnungen mit einer Gesamtkapazität von 1349 Plätzen. Die Auslastung der Räumlichkeiten liegt im Durchschnitt bei 84 Prozent. Belegt werden diese von Asylbewerbern, Geduldeten und zu fast 30 Prozent von anerkannten Flüchtlingen, so das Amt für Auslandsangelegenheiten und Integration des Landkreises Oder-Spree. „Vor zwei Jahren und zehn Monaten“, erklärt Mona Kahali, „kam ich hier in Deutschland an.“ Jetzt lebt sie in Beeskow, hat eine eigene Wohnung und einen Job bei der GefAS Beeskow in der Kleiderkammer. Ihre ältere Tochter arbeitet in Fürstenwalde. Ihre jüngere hat eine Ausbildung gemacht. Darauf ist sie sichtlich stolz. Ihre Augen funkeln. „Ich würde gerne für immer hier in Beeskow bleiben. Ich bin hier sehr glücklich und meine Töchter können auch wieder glücklich sein.“

Doch nicht alle aus ihrer Familie entkamen dem Krieg. Ihre Schwester ist noch immer in Syrien. Immer wieder telefoniert Mona Kahali mit ihr. Ihre Chefin Marita Schwarz, Geschäftsstellenleiterin der Beeskower Tafel, merkt sofort, wenn sie wieder angerufen hat. „Man sieht es ihr an. Sie ist dann am Boden zerstört.“ Auch ihren Mann hat sie nicht um sich. Er ist noch in Belgien und darf nicht ausreisen. Nur selten kann sie ihn besuchen. Sie leidet darunter.

Im September 2014 begannen die USA, Führende der Militärkoalition mit mehreren arabischen Staaten, IS-Ziele in Syrien und dem Irak anzugreifen. Ein Jahr später greift auch Russland in den Konflikt ein und fliegt Luftangriffe. Im August 2016 folgt die Türkei und beteiligt sich ebenfalls militärisch am Syrien-Krieg.

„Es gab kein Wasser mehr. Täglich holten wir wenige Liter, um damit zu waschen, Essen zu machen und etwas trinken zu können. Die Menschen in Syrien veränderten sich von Tag zu Tag mehr. Der psychische Stress wurde immer größer. Denke ich jetzt an mein Land, bin ich zutiefst traurig“, sagt Mona Kahali und kneift dabei immer wieder ihre Augen für längere Zeit zusammen. Die Erinnerungen sind ihr unangenehm. Ungern führt sie sich das erlebte erneut vor Augen.

Jetzt lernt sie Deutsch. „Sie wird immer besser“, sagen ihre Kollegen. Der Sprachkurs fiel ihr schwer, berichtet Mona Kahali. Auf der Arbeit lerne sie die 
Sprache viel besser. Bei der Tafel sind alle mit ihrer Arbeit zufrieden und schwärmen über ihre Ausstrahlung und Offenherzigkeit. „Und unsere Kunden mögen sie auch“, verrät Marita Schwarz.

Mona lächelt verlegen. 
Sie ist schüchtern, da es mit der Sprache immer mal wieder etwas holprig ist. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in Beeskow und hier ein
neues Leben beginnen konnte.“

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