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ArcelorMittal
Zwei Stunden lang steht fast alles

Kämpferisch:  Aufschrift auf dem Schutzhelm eines Gewerkschaftsmitglieds im Warmwalzwerk.
Kämpferisch:  Aufschrift auf dem Schutzhelm eines Gewerkschaftsmitglieds im Warmwalzwerk. © Foto: Gerrit Freitag
Janet Neiser / 12.02.2019, 07:00 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Heute stehen bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt zwei Stunden lang fast alle Anlagen still. Der Grund: ein Warnstreik, zu dem die IG Metall Ostbrandenburg in der vergangenen Woche aufgerufen hat. Vor allem in den sozialen Medien gehen die Meinungen dazu auseinander.

„Danke, dass ich die Kollegen heute von der Arbeit abhalten durfte“, sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach am Montag nach seinem Arbeitsgespräch mit der Geschäftsführung von ArcelorMittal. Etwa zwei Stunden hielt er sich auf dem Werksgelände auf, schaute sich unter anderem das Warmwalzwerk an und war begeistert von den Kräften, die dort wirken. Heute, noch bevor die Sonne aufgeht, werden die Walzen etwa zwei Stunden lang komplett still stehen, genau wie die meisten anderen Anlagen bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt (AMEH).

Von 5 bis 7 Uhr hat die IG Metall zu einem Warnstreik aufgerufen. „Bis auf die abgestimmte Notbesetzung werden alle, die da wären, an dem Warnstreik teilnehmen“, zeigt sich Holger Wachsmann, der Betriebsratsvorsitzende von AMEH, im Vorfeld optimistisch. Eine Notbesetzung sei allerdings notwendig, weil man die Anlagen überwachen müsse und nicht allein lassen könne. Der Hochofen aber, der bleibt an. Ihn komplett herunterzufahren, wäre ein viel zu großer Aufwand, der Auswirkungen auf die Produktion hätte, die nicht nur zwei Stunden, sondern mehrere Tage andauern würden.

Ganz ohne Auswirkungen bleiben auch die zwei Stunden Warnstreik nicht. „Ein Produktionsausfall ist da. Aber bei einem solchen Warnstreik kann man das noch kompensieren“, erklärt Ralf-Peter Bösler von der Geschäftsführung von ArcelorMittal. Kritischer werde das dann schon bei einem längeren Streik. Zwei Stunden Stillstand im Warmwalzwerk bedeuten beispielsweise, dass etwa 24 Coils nicht produziert werden können, sagt Andreas Pollack, Leiter des Warmwalzwerkes. Das müsse dann in der Folge aufgeholt werden.

Einen Warnstreik am Haupttor gibt es heute aber nicht nur bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt, sondern auch im ArcelorMittal Forschungs- und Qualitätszentrum, bei der Vulkan Energiewirtschaft Oderbrücke GmbH, bei ArcelorMittal Recycling sowie bei Imperial Con Pro, teilt die IG Metall Ostbrandenburg mit. Diese fordert für die rund 8000 Beschäftigten in der ostdeutschen Stahlindustrie: 6 Prozent mehr Geld und Gehalt, 1800.Euro Urlaubsvergütung, die in freie Zeit umgewandelt werden kann, eine überproportionale Erhöhung der Ausbildungsvergütungen, 600 Euro Urlaubsgeld für die Auszubildenden, Verhandlungsverpflichtung der tariflichen Absicherung der dual Studierenden sowie eine Verlängerung der Tarifverträge zur Altersteilzeit, Beschäftigungssicherung und Werkverträge. Die erste Tarifverhandlung in der ostdeutschen Stahlindustrie sei am 28..Januar in Berlin ohne ein Angebot der Arbeitgeber beendet worden, heißt es in einer Erklärung der IG-Metall, die darin die „Gelbe Karte für die Stahl-Arbeitgeber“ vergibt.

In den sozialen Medien sind die Forderungen der Gewerkschaft und die Warnstreikankündigung nicht nur wohlwollend aufgenommen worden: So schreibt beispielsweise einer: „Da wird mir schlecht. 1800.Euro zusätzlich Urlaubsgeld ... Das lassen die sich von Mittal nicht mehr lange gefallen, dann ist das Werk zu und alle heulen rum. Mehr Lohn ok, aber solche Forderungen sind ein absoluter Witz.“ Ein anderer, der selbst im Werk arbeitet, meint: „Es gibt immer Neider, egal, wo einer sein Geld verdient.“  Für Holger Wachsmann ist klar: „Das, was wir nicht über Lohnerhöhung abschöpfen, geht nach Luxemburg und ist verloren für die Region.“ Der Betriebsratsvorsitzende sagt, dass durch die Forderungen die Möglichkeit bestünde, mehr Geld in Eisenhüttenstadt zu lassen, wenn die Beschäftigten bei mehr Gehalt oder Lohn auch mehr vor Ort konsumieren.

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Werner Matzat 12.02.2019 - 13:20:25

Nur zwei Stunden Warnstreik? - 56 Prozent der Deutschen sorgen sich um die Zukunft!

Die Beschäftigungszahlen seien noch nie so hoch gewesen wie jetzt; sagt Merkel. Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie jetzt; sagt Merkel. Blödsinn, sagen die Experten und belegen ihre Aussagen mit Studien. Neben der Kinderarmut drohe nun den Rentnern Altersarmut. Dank Merkel und ihrer Politik läuft das "Märchen vom Deutschland geht es doch gut" unaufhaltsam weiter. Oder etwa doch nicht? Ein Einblick in die Realität finden sie, werte Streikende und Leser, in einem Beitrag, vom 02.01.2019, unter der Überschrift - Das sind die größten Ängste der Deutschen - hier: Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article186406666/Altersarmut-56-Prozent-der-Deutschen-sorgen-sich-um-die-Zukunft.html --- Dieser Warnstreik ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, zwei Stunden werden da nicht ausreichen. Aber wie möchte die IG Metall Ostbrandenburg ihre Forderungen real umsetzen? Italien ist in der Rezession, Deutschland nicht viel besser: Die beiden ungleichen Länder bremsen die Wirtschaft in der Eurozone – anders als die "Gelbwesten". Der Stahl-Gigant glänzt nicht mehr. Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Nach meiner Einschätzung wird am Ende der Einfluss von Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach und der IG Metal Ostbrandenburg nicht so groß sein, so das die Forderung nach sechs Prozent mehr Geld, eine zusätzliche Urlaubsvergütung von 1800 Euro bzw. die zusätzliche Urlaubsvergütung von 600 Euro, wie immer, doch noch scheitert. Leider aber werden die geweckten Erwartungen, so beim Warnstreik von 2017, wo die Gewerkschaft 4,5 Prozent mehr Entgelt für zwölf Monate, die Weiterführung der Tarifverträge zur Altersteilzeit und über den Einsatz von Werkverträgen sowie einen Zukunftsdialog Jugend und Stahl forderte, für die Kollegen von ArcelorMittal, sicherlich wieder nicht erfüllt. Dafür sprechen die bisherigen Tarif - Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre. Wirklich überraschend wäre das Ergebnis nicht. Oder anders ausgedrückt: "Der Berg kreißt und gebärt eine Maus".

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