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Aus dem Nebenerwerb einer Schankstube wurde ein Lokal, in dem 400 Gänsebraten serviert werden.

Wandel
Landgasthof Simke

Tina Veihelmann / 22.08.2019, 07:00 Uhr
Beeskow Gasthöfe sind Schauplatz von Wirtshausgeschichten, die von den Sitten einer jeweiligen Zeit erzählen. Manchmal ist es aber auch ganz still im Gasthaus. Und auch das erzählt eine Menge.

Dazu passt eine typische Werktagnachmittagszenerie in der Gaststätte Simke im Dorf Herzberg Mitte der 1950er-Jahre. An so einem Nachmittag konnte es passieren, dass im Schankraum nur ein kleines Mädchen saß, seine Schulaufgaben machte und wachte, ob vielleicht ein Gast hereinkäme und ein einsames Bier mit einem Schnaps bestellte. Über dem Tisch drehte sich wahrscheinlich ein Fliegenfänger, der Boden war Diele, der Tresen in Ölfarbe gestrichen, weiß. Das Mädchen hieß Margrit Simke. Im Jahr 1957 ist sie acht Jahre alt. Ihre Eltern, Siegfried und Anneliese, sind die Wirte. Und weil sie zugleich Landwirte auf dem Hof Simke sind, haben sie eine Menge anderes zu tun, als auf den einsamen Nachmittagsgast zu warten. Das Problem mit den potenziellen Gästen ist, dass auch sie Landwirte sind und nachmittags für Bier keine Zeit haben. Auch am Abend sind sie beschäftigt, denn sie müssen die Tiere versorgen. Vielleicht ist "Problem" das falsche Wort.

Denn niemand lebt von der Gaststätte. Ihr Zweck ist, dass die Handvoll Männer, die gesellig sein wollen, dies sein können – bei Simke steht die Tür dazu offen. Außerdem bietet sie Raum für sonntägliche Frühschoppen und einen Saal für Feiern.

Dies ruhige Bild beschreibt das Mädchen von damals, die heute Wirtin ist, als "typische Dorfgaststätte" in einem brandenburgischen Bauerndorf. Ihre Geschichte reicht weit zurück: 1562 ist Promaß Noagk als erster "Krüger" vermerkt. Seit 1770 führt laut Familienchronik die Familie Lichterfeld die Schankwirtschaft. 1811 übernehmen Gottfried und Alma Simke. 1881 fällt das Gasthaus wie fast ganz Herzberg einem Großfeuer zum Opfer. Im Zuge des Wiederaufbaus bekommt es eine schmucke Stuckfassade. In all diesen Jahren bleibt es eine "typische Dorfgaststätte", und die meiste Zeit ist es so still, dass kaum jemand eine Fliege beim Summen stört. Nur an manchen Abenden tagt der Herzberger Männerchor, der sich 1893 gründet. Männer im Frack nehmen ein Gruppenfoto auf, das heute in Simkes Gaststube hängt. Auch ein Posaunenchor, ein Landwehrverein, ein "Rauchkollegium" sind zu sehen. Die Anwärter des Rauchkollegiums, heißt es, mussten im Gasthaus Simke unter einem Sack sitzend Pfeife rauchen. Aber im Grunde wissen wir nicht viel über die Herren im Frack. Nicht, ob es bei ihren Vereinstreffen derb zugeht. Ob viel getrunken wird. Nicht, wie eine Bauernhochzeit im Saal verläuft. Nachdem Urgroßvater und Großvater von Frau Simke-Schulz in den Ersten und Zweiten Weltkrieg gezogen waren, das Hakenkreuz über Herzberg aufgezogen und wieder abgenommen, die Bodenreform durchgeführt war und die Bauern versuchen, ihr Soll zu erwirtschaften, übernehmen 1946 Siegfried und Anneliese Simke das Lokal.

Die LPG sorgt für Freizeit

Eine völlig neue Form der dörflichen Gaststättenkultur entsteht, als die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) eingeführt wird. 1958 wird Simke Konsumgaststätte. 1961 "kommt die LPG". Die LPG bringt den Feierabend. Es gibt feste Arbeitszeiten – und damit plötzlich auch Freizeit. Punkt 17 Uhr strömen die LPG-Bauern in den Schankraum. "Und die tranken alle bei uns ihr Bier", erzählt Frau Simke-Schulz. Über diese Tresen-abende wissen wir etwas mehr als über die Vereinsabende der Herren im Frack. Zum Beispiel erzählt Margrit Simke-Schulz, dass "manche schon nach dem dritten Bier nach Hause gingen". Und es gibt die Geschichte, dass Vater Siegfried einmal ein Pferd von der Straße in den Schankraum brachte. Während die Männer am Tresen finden, dass das Pferd durstig sei, meint Margrit, das Pferd müsse wieder nach draußen.

Siegfried und Anneliese Simke sind die ersten Inhaber, die hauptberuflich nicht mehr Bauern, sondern Wirte sind. Der Gasthof bleibt Privatbesitz, aber sie sind nun Angestellte der Konsumgenossenschaft. Das bedeutet ein völlig anderes Leben. "Heute herrscht das Bild vom Bauern vor, der seine Eigenständigkeit einbüßte und darüber sehr traurig war", versucht Frau Simke-Schulz die Zeit verständlich zu machen. "Aber meine Eltern hatten zuvor ein so schweres Leben, dass sie erleichtert waren, viele Zwänge und harte Arbeit los zu sein." Zum ersten Mal im Leben können sie in den Urlaub fahren. Die Losung "Kultur aufs Land" macht den Gastraum in regelmäßigen Abständen zum Kino. Und ab den späten 1960er-Jahren werden der Jugend, um sie von der Straße – oder besser gesagt vom Dorfanger – fernzuhalten, Tanzveranstaltungen geboten. Dazu spielt eine Kapelle Coverversionen von Beatmusik. Die Veranstaltungen laufen wie Bombe. "Um 17 Uhr ging es los", erzählt Frau Simke-Schulz. "Wenn die Jugendlichen mit dem Zug im einen Kilometer entfernten Lindenberg ankamen und von dort in Richtung Herzberg wanderten, war die Straße so voll, dass kein Auto mehr durchkam." Punkt 22 Uhr ist Schluss. Die Jugend wird wieder aus dem Saal herauskomplimentiert. Denn nicht nur Tanz, sondern auch Ordnung ist ein wichtiger Bestandteil der neuen Dorfgaststättenkultur. Als Simke immer mehr Betriebsfeiern ausrichtet, wird offenbar, dass die Küche, in der bislang selten mehr als ein paar Bockwürste warm gemacht wurden, zu klein geworden ist. Der Geflügelschlachthof, die Molkerei Beeskow feiern im Saal. Auch Margrit packt mit an. 1970 heiratet sie und nimmt den Namen Schulz an. Im Jahr 1983 übernimmt sie die Gaststätte.

Mit Margrit Schulz und ihrem Mann beginnt die Ära der Speisegaststätte Simke. Sie verwirklicht ihren Traum, eine professionelle Küche einzubauen. Nach und nach bringen sie die Gaststätte auf Vordermann. Ersetzen die Dielen durch neues Parkett und die alten Fenster durch moderne größere. Aber der Restaurantbetrieb ist mit den Widrigkeiten knapper Lebensmittelzuteilung konfrontiert. Die Wirtin muss mit "kleiner Karte" anfangen. Bauernfrühstück und selbstgemachte Sülze gibt es immer. Schnitzel dagegen selten. Das ändert sich erst, als die Gaststätte 1990 Zeugin des nächsten Systemumbruchs wird. Margrit Schulz wird Privatunternehmerin und löst das Inventar der Konsumgenossenschaft auf. Plötzlich kann sie Schnitzelfleisch ohne Limit bestellen. Es gibt zwei gute Monate, in denen die Gäste begeistert sehr viele Schnitzel essen: Mai und Juni 1990. Dann kommt die D-Mark. Zwar gibt es bei Simke nun alles. Aber die Gäste bleiben mit einem Schlag aus.

Margrit Schulz ist klar, dass der Gasthof Simke ein weiteres Mal einen grundsätzlichen Wandel ländlichen Lebens erlebt. Er ist mindestens so erschütternd wie der letzte. Gab es vormals den dörflichen Feierabend, sind jetzt viele arbeitslos und können sich das Trinken im Gasthaus nicht leisten. Wer dagegen Arbeit findet, pendelt oft viele Kilometer zum Job, kehrt spät heim und ist abends zu müde, um ins Gasthaus zu gehen. Auch vertragen sich Alkohol und der lebenswichtige Führerschein nicht. Doch nicht nur das hat sich verändert: "Nach allem, was ich als Wirtin beobachte, haben viele Leute die Nachwendejahre nicht verkraftet. Sie haben keinen Mut mehr, halten das Geld zusammen und verkriechen sich."

Heute kommen Chöre aus Berlin

In ersten Nachwendejahren musste sie fast aufgeben, erzählt Frau Simke-Schulz. "Aber das wollte ich auf gar keinen Fall. Dann tat ich etwas, von dem ich nicht wusste, ob es aufgehen oder mir die letzten Reserven rauben würde." Sie investierte. Sie kratzte alle Familienersparnisse zusammen, und statt den Betrieb herunterzufahren, baute sie aus. "1992 fingen wir an, den Stall auszubauen und richteten Fremdenzimmer ein. Dabei gaben wir immer nur so viel Geld aus, wie möglich war."

Und das war die rettende Idee. "Denn in den frühen 1990ern hatte in der Region noch kaum jemand Fremdenzimmer." Außerdem nahm sie die Tradition der Vereinsgaststätte wieder auf. Vor allem Chöre tagen heute im Gasthaus Simke. Frau Simke-Schulz machte Werbung und gewann Chöre aus Berlin und ganz Brandenburg, die heute Chorwochenenden bei ihr buchen. Ein weiteres Standbein sind Feiern.

Zum Gansessen in der Weihnachtszeit bestellen an zwei Feiertagen schon mal 400 Menschen Gans mit Rot- oder Grünkohl – ein Gericht, das bei Simke einen sehr guten Ruf genießt.

Margrit Schulz, die sich vor Kurzem in Simke-Schulz umbenannt hat, ist ehrgeizig und fleißig. Sie ist stolz auf die lange Tradition und will das Lokal gern über weitere Generationen weiterführen. Am meisten liegt ihr der Restaurantbetrieb am Herzen. "Wir machen Hausmannskost von guter Qualität und bieten saisonal Spargel, Wild, Fisch, Gans und Schlachteplatten an. Die Blut- und Leberwürste machen wir selbst."

Auf einer Tafel steht in Kreide angeschrieben, was es außerhalb der Karte gibt. Nicht nur das macht das Gasthaus Simke besonders. In unserer Gegend, in der es Gasthöfe, die ehrliches Essen machen, schwer haben, ist Simke eine unersetzliche Institution.

Das Regionalmuseumauf der Burg Beeskow

Unter dem Titel "Stadt Land Fluss" blickt das Regionalmuseum der Burg Beeskow aus ungewohnt neuer Perspektive auf unsere Kulturlandschaft. Dazu haben sich Prof. Steffen Schuhmann von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung, Journalistin Tina Veihelmann, Historikerin Kristina Geisler, Wolfgang de Bruyn als Herausgeber des Kreiskalenders, Fotograf Andreas Batke und Burgdirektor und Kulturamtsleiter Arnold Bischinger auf Spurensuche im Landkreis begeben. Ergebnisse dieser Suche sind die Ausstellung auf der Burg und das dazugehörige Kursbuch, der Kreiskalender, der am 6. Dezember vorgestellt wird. "Stadt Land Fluss" ist nach "Wegen Inventur geöffnet" der nächste Schritt zu einer neuen Dauerausstellung des Regionalmuseums. Die Märkische Oderzeitung stellt einige der entdeckten Spuren vor. Noch mehr davon kann man dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr auf der Burg, Unterm Dach, entdecken. Die Tageskarte für alle Ausstellungen kostet acht Euro.⇥red

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