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Letzter SED-OB
"Wir wollten die Karre am Laufen halten"

Bernhard Wündisch: 1990 war er für einige Monate letzter OB in Frankfurt vor den ersten freien Wahlen.
Bernhard Wündisch: 1990 war er für einige Monate letzter OB in Frankfurt vor den ersten freien Wahlen. © Foto: Thomas Gutke
Thomas Gutke / 09.11.2019, 06:30 Uhr - Aktualisiert 11.11.2019, 07:46
Frankfurt (Oder) (MOZ) In Frankfurt liegen am Nachmittag des 9. November 1989 Veränderungen in der Luft. Und das schon Stunden vor Schabowskis historischer Pressekonferenz in Berlin.

Die Stadtverordneten kommen zu einer außerordentlichen Tagung zusammen, Dutzende Trabis parken am Nachmittag vor dem Rathaus. Der Sitzungssaal ist überfüllt, die Atmosphäre "eine andere als bei bisherigen Tagungen, da lebhafter und konstruktiver", schreibt der "Neue Tag" am Tag darauf. Nach Jahren ohne viel Widerspruch reden die Stadtvertreter unverblümt Klartext, fordern mehr kommunale Eigenständigkeit, Mitspracherechte für Bürger, mehr Geld für die Stadt. Oberbürgermeister Fritz Krause beklagt einen "tiefen Riss, der durch unsere Gesellschaft geht" und skizziert "erste Ansätze zur Wende in der Kommunalpolitik".

Bernhard Wündisch spricht an an dem Tag ebenfalls zu den Abgeordneten und auch den Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Das vergilbte Manuskript bewahrt der damalige Stadtrat für Finanzen und spätere, letzte amtierende SED-Oberbürgermeister bis heute auf. Kurz bevor in Berlin die Mauer fällt, weiß Wündisch, was die Stunde geschlagen hat: "In diesen Tagen macht uns das Volk unseres Landes eindrucksvoll klar, dass wir es nicht immer entsprechend seinem Willen vertreten haben." Er und die anderen im Rat seien nicht blind, nicht taub, und auch nicht stumm gewesen. "Aber wir haben unsere Überzeugung zu leise artikuliert, und deshalb müssen auch wir heute wieder, um mit Stefan Heym zu reden, richtig sprechen lernen. Und es tut auch not, aus der gebeugten Haltung zum aufrechten Gang zu kommen." Denn schon jetzt, sagt er damals, werde es manchmal so dargestellt, "als hätten wir 40 Jahre nichts gekonnt!" – den Glauben an den Sozialismus hat der Stadtrat zu dem Zeitpunkt noch nicht verloren.

Bernhard Wündisch, geboren 1948, wird in Berlin-Lichtenberg groß. Sein Vater, ein Wehrmachtsoffizier, baut in der DDR die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD) mit auf, eine konservative Blockpartei. Nach dem Abitur studiert Wündisch Ökonomie mit dem Schwerpunkt Steuern. Er arbeitet beim Rat des Bezirkes, nimmt außerdem an einem Vorbereitungsdienst für einen Auslandseinsatz in Mali teil – der dann kurz vor dem Abflug platzt. Am 1. Januar 1983 wird Wündisch Stadtrat für Finanzen und Preise in Frankfurt. Zu Fritz Krause hat er einen guten Draht. "Mit ihm als OB konnte man wunderbar zusammenarbeiten. Für die Stadt hat er sich ein Bein ausgerissen. Wo es Lücken gab, hat er die genutzt."

Ausgehebelte Demokratie

Zwischen Plankennziffern und Parteiinteressen bleiben die Gestaltungsmöglichkeiten für den Finanzstadtrat eher klein. Es gibt einen großen Staatshaushalt, der Etat der Stadt ist Teil davon und wird von Bernhard Wündisch ausgehandelt. Lange vor der Wende hätten sie gewusst, "dass irgendetwas faul war im Staate Dänemark. Wir haben das ja tagtäglich gemerkt. Aber unsere Möglichkeiten waren begrenzt." Immer wieder werden auch die Stadtverordneten auf Betreiben übergeordneter Staats- und Parteiorgane ausgebremst, erzählt er. "Tatsache ist, dass die Kreis- und Bezirksleitungen der SED sich überall einmischten. Sie waren ein Staat im Staate. Die Demokratie war ausgehebelt. Es herrschte eben eine Diktatur; allerdings nicht die des Proletariats, sondern die des ZK der SED."

1989 hat Bernhard Wündisch häufiger mit "Republikflüchtigen" zu tun, deren Vermögen er erfassen und sichern soll – darunter auch das von Verwaltungskollegen. Die Aktivitäten des Neuen Forums und die erste große Demonstration in Frankfurt am 1. November erlebt er aus der Rathaus-Perspektive. Der Druck der Bevölkerung auch auf die lokale Obrigkeit nimmt zu. Seiner Ansicht nach zeigt die Stadtspitze damals durchaus Dialogbereitschaft. "Wir wollten gerne mit einer Delegation des Neuen Forums reden. Es kam aber keiner. Dabei hat auch mich vieles geärgert."

Am 5. November ergreift Bernhard Wündisch – weder mit Fritz Krause noch dem Rat abgestimmt – die Initiative und schreibt an den "Generalsekretär Genossen Egon Krenz". Auf den 13 Seiten, von denen er noch eine Durchschrift besitzt, benennt er eine Vielzahl von Missständen. Sie betreffen vor allem seine Fachgebiete – Finanzen, Personalplanung, Liegenschaften. Wündisch, selbst seit 1968 Mitglied der SED, beklagt, dass die "Autorität der Volksvertretungen und ihrer Entscheidungen" jahrelang missachtet worden seien. Das Schreiben schließt mit einem Bekenntnis zum Kommunismus. Eine Antwort bekommt er nicht. Auf Krenz hatten sie ihre Hoffnungen gesetzt, sagt Wündisch. "Aber letzten Endes war er auch bloß ein Apparatschik."

Nach dem Mauerfall sitzt er ab Mitte Dezember mit am Runden Tisch, "eine spannende Zeit, auch wenn wir uns manchmal wie Angeklagte vorgekommen sind". Dabei habe die Stadtspitze "die Karre am Laufen halten wollen. Das Leben in Frankfurt musste ja weitergehen". Mitte Februar 1990 erkrankt OB Fritz Krause – das Herz. Weil seine direkten Stellvertreter kneifen, übernimmt Bernhard Wündisch die Amtsgeschäfte. Es ist eine Aufgabe auf Zeit. In den Wochen vor den ersten freien Wahlen rennen ihm viele Lobbyvertreter und Investoren aus dem Westen die Türen ein. Der Ausverkauf der volkseigenen Betriebe setzt ein, die ersten Entlassungen zeichnen sich ab, obwohl "es Kombinate gab, die sehr gut gewirtschaftet haben", wie er sagt. Die Gesprächsatmosphäre an den Runden Tischen empfindet Wündisch als weitgehend konstruktiv. Vielen hätte zwar das Fachwissen gefehlt, "aber die meisten waren guten Willens. Natürlich gab es auch einige, die ihre Schäfchen schnell ins Trockene bringen wollten."

Bis 2014 Leiter des Finanzamtes

Nach den Wahlen am 6. Mai wird Wolfgang Denda neuer OB. Bernhard Wündisch zieht für die SED-Nachfolgepartei PDS in das Stadtparlament ein. 1992 tritt er aus der Partei aus – weil sie die Bodenhaftung verloren und ihre eigenen Ideale verraten habe, wie er sagt. Ein Jahr später gibt er sein Mandat ab. Denn inzwischen ist der Ökonom Leiter des Finanzamtes Brandenburg an der Havel geworden. Später geht er nach Cottbus, anschließend ist er 15 Jahre lang, bis zur Pensionierung 2014, Chef des Finanzamtes Eberswalde. Dort lebt er heute noch.

Die Stadtverordnetenversammlung am 9. November 1989 endet, heißt es im "Neuen Tag", um 18.30 Uhr. Wie viele andere verfolgt Bernhard Wündisch dann am Abend vor dem Fernseher, wie die DDR zusammenbricht. Erst kurz vor Weihnachten fährt auch er das erste Mal wieder nach West-Berlin. "Ich bin nicht gleich losgerannt. Aber anschauen wollte ich mir den Rummel natürlich trotzdem."

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