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Corona-Krise
Kunden in Eisenhüttenstadt sagen Danke in Pandemie-Zeiten

Vielfaches Dankeschön in der Kaufhalle: Mit 18 Flaschen Sekt hat sich am Mittwoch ein Kunde bei den 18 Mitarbeitern eines Supermarktes in der Region Eisenhüttenstadt bedankt. Kurz danach brachte ein anderer Kunde eine Packung "Merci" vorbei.
Vielfaches Dankeschön in der Kaufhalle: Mit 18 Flaschen Sekt hat sich am Mittwoch ein Kunde bei den 18 Mitarbeitern eines Supermarktes in der Region Eisenhüttenstadt bedankt. Kurz danach brachte ein anderer Kunde eine Packung "Merci" vorbei. © Foto: Frank Groneberg
Frank Groneberg / 26.03.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 26.03.2020, 10:29
Eisenhüttenstadt (MOZ) Das haben die Mitarbeiter der Kaufhalle hier in der Region Eisenhüttenstadt auch noch nicht erlebt: Ein Stammkunde kauft am Mittwochvormittag 18 große Flaschen Rotkäppchen-Sekt – um sie dann an die Verkäuferinnen und Verkäufer, Kassiererinnen und Kassierer und all die anderen Beschäftigten weiterzugeben. Eine Flasche für jeden Mitarbeiter.

"Als Dank dafür, dass wir in dieser sehr angespannten Situation durchhalten", erzählt der Marktleiter, der noch immer baff ist. Und während er das erzählt, kommt eine Kassiererin mit einer großen Packung "Merci" zu ihm. "Die hat gerade jemand für uns abgegeben", sagt sie erfreut.

Ja, sie freuen sich in diesen Tagen ganz besonders über ein Lächeln, ein "Dankeschön!", eine Anerkennung – all jene Frauen und Männer, die täglich dafür sorgen, dass im Lebensmittelhandel trotz Hamsterkäufen und verzögerten Lieferungen jeder Kunde täglich das zu kaufen bekommt, was er zum Leben braucht. Und es muss ja auch nicht gleich eine große Flasche Sekt für jeden sein. Oder ein Blumenstrauß, ein paar Süßigkeiten, ein Päckchen Kaffee, wie sie in diesen Tagen hin und wieder mal von Kunden lächelnd überreicht werden. "Wir freuen uns auf jeden Fall sehr darüber", versichert der Marktleiter.

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Seine Mitarbeiter und er haben seit dem Beginn der Coronavirus-Krise so sehr alle Hände voll zu tun, dass sie noch ein paar mehr Hände gebrauchen könnten. "Alle Kollegen machen Überstunden", sagt er. Der Warenumsatz sei um etwa die Hälfte gestiegen, "wir müssen deutlich öfter die Ware in die Regale räumen als sonst." Das mit den Händen, die zusätzlich gebraucht werden, dürfe durchaus wörtlich verstanden werden: "Wir stellen momentan Aushilfen ein und suchen auch noch weitere – zum Einräumen der Regale und für die Kassen."

Natürlich sind sogenannte Hamsterkäufer ein Thema. "Wir möchten Sie freundlich darauf hinweisen, dass die Abgabe von Waren nur in haushaltsüblichen Mengen erfolgt", ist auf einem Schild am Eingang zu lesen. "Viele Kunden haben Verständnis dafür", lobt der Marktleiter. Doch gerade beim Thema Toilettenpapier – seit Wochenbeginn darf jeder Kunde nur eine Packung kaufen – gebe es einige wenige uneinsichtige Menschen. "Da müssen wir dann auch mal die überzähligen Packungen einziehen." Der Nachschub funktioniere momentan eher schleppend. Am Mittwoch zum Beispiel hat der Supermarkt gerade mal eine Palette Toilettenpapier mit 164 Packungen bekommen – die waren am Nachmittag schon wieder restlos verkauft.

Schuld an der aktuellen Knappheit sind vor allem die Hamsterkäufer. Es muss mehr nachbestellt werden als üblich – "aber es dauert nun mal eine gewisse Zeit, bis die Waren von den Herstellern über die Zentrallager bis in die Märkte kommt", weiß der Marktleiter. Dazu kämen die Auswirkungen der Lkw-Staus und das Wegbleiben polnischer Arbeitskräfte im Logistikbereich.

Backhefe ist durch die Hamsterkäufe schnell ausverkauft

Engpässe gibt es nach wie vor auch bei Nudeln, Reis und Fertiggerichten. Was nicht nur am Hamstern liegt. "Ein Grund dafür ist auch, dass jetzt viele Kinder zu Hause sind und für sie gekocht werden muss", sagt der Marktleiter. Backhefe und Brotbackmischungen seien ebenfalls schnell ausverkauft. Und Kartons mit H-Milch dürften in manchen Haushalten jetzt in mehreren Lagen übereinander gestapelt sein.

Besonderer Wert wird derzeit auf den Gesundheitsschutz gelegt. Alle Einkaufswagen werden regelmäßig desinfiziert, die Trennstäbe fürs Kassenband wurden entfernt. Die Zahl der Kunden im Markt wird über die Zahl der Einkaufswagen reguliert – jeder, der den Markt betritt, muss einen Wagen mit sich führen.

"Wir arbeiten zurzeit an der Belastungsgrenze", sagt der Marktleiter, "aber alle Mitarbeiter geben ihr Bestes." Von den Kunden wünscht er sich, dass sie Abstand halten, Verständnis haben, wenn mal etwas nicht erhältlich ist, möglichst mit Karte zahlen. "Und über ein freundliches Wort freuen wir uns auch immer."

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Werner Matzat 26.03.2020 - 12:55:37

Kundendank an Verkäufer/innen nur in Zeiten der Corona-Krise? - das wahre Leben der Verkäufer/innen vom 01. Januar bis 31. Dezember eines Jahres!

Werte Kunden und Kundinnen sowie alle anderen "unheimlichen Kommentarverfolger", wer es noch nicht wissen sollte für den kommt hier mein kleiner Einführungskurs in die Wirklichkeit der prekären Arbeitswelt von Verkäufer/innen. Das wahre Leben von Verkäufer/innen im Einzelhandel, ob Edeka, Penny, Kaufland oder sonst noch wo, ist, vom 01. Januar bis zum 31. Dezember eines Jahres, geprägt von Unterbezahlung, Krankheit, Schikane und Angst um ihren Arbeitsplatz. Sie werden permanent unter Druck gesetzt, wenn sie krank sind. Es wird einfach nicht auf die Gesundheit der Mitarbeiter geachtet. Erkältungen gehen rum, alle stecken sich selbst an. Der Druck, auch krank zur Arbeit zu erscheinen, kann auch für die Kunden gefährlich werden. Das macht einen kaputt. Überstunden bekommen Sie oft auch nicht bezahlt. Ihr Verdienst liegt bis zu 30 Prozent unter dem Tariflohn. Sie dürfen Ruhezeiten regelmäßig nicht einhalten - nicht zufällig, sondern geplant. Samstags frei ist der absolute Luxus - Das wird vorausgesetzt! Und für ihre Kinder, die bei den alleinerziehenden Vätern leben, können sie nicht einmal deren Unterhalt leisten. Da arm durch Arbeit!(persönlich erlebt) Es scheint somit strukturell etwas schief zu laufen im deutschen Einzelhandel. Doch Deutschlands Handelsverband prognostiziert von Jahr zu Jahr neue Umsatzrekorde. In den vergangenen 20 Jahren haben große Ketten im Einzelhandel kleinere Unternehmen verdrängt. Der Kampf um Marktanteile wird häufig über Löhne und Öffnungszeiten geführt. Darunter leiden die Mitarbeiter. So bleiben zum Beispiel die Löhne der Beschäftigten seit Jahren niedrig. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion vom Mai 2017. Bei Interesse zur Einsicht in diese Quelle: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/124/1812484.pdf --- Mehr als die Hälfte der drei Millionen Beschäftigten sind Minijobber oder Teilzeitbeschäftigte. Der Großteil arbeitet zu Niedriglöhnen. Im Jahr 2015 bekamen in Westdeutschland 62 Prozent der Mitarbeiter im Einzelhandel keinen Tariflohn, in Ostdeutschland 74 Prozent. Mit anderen Worten: den tariflich vereinbarten Lohn erhalten ist nicht die Regel - es ist die Ausnahme. Werte Kunden, Kundinnen sowie alle anderen "unheimlichen Kommentarverfolger", während die Welt zunehmend von der Corona-Pandemie betroffen ist, nicht nur in der Region Eisenhüttenstadt, haben sie beim DANKE sagen schon jemals darüber nachgedacht? Das Coronavirus zeigt mir, wie privilegiert sie als Kunde/Innen sind. Und allein das ist IHR unermessliches Privileg: Das sie nichts mehr zusetzt, als auf etwas verzichten zu müssen, für das sie sowieso selbst nie etwas geleistet haben, von dem sie aber ein Leben lang profitieren werden - darüber sollten sie nachdenken! Am Ende steht meine ganz persönliche Frage, wo bleibt Ihr täglicher Dank, nach der Corona-Pandemie, wenn die sprichwörtliche "Normalität" eintritt und die Verkäuferinnen, vom 01. Januar bis zum 31. Dezember jeden Jahres, weiterhin in ihrer prekären Arbeitswelt, FÜR IHR KUNDENWOHL, überleben müssen? Berichtet die Presse womöglich darüber in einem gesonderten Artikel? Eigentlich ist diese Scheinheiligkeit einfach nur erdrückend.

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