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Wie DDR-Kunst im Kunstarchiv Beeskow gepflegt wird

Peggy Lohse / 24.04.2020, 04:00 Uhr
Beeskow (MOZ) Die Luftfeuchtigkeit muss stabil um 50 Prozent liegen, die Temperatur um die 20 Grad. Dafür sorgt im Winter eine Heizung, im Sommer die UV-Schutzfolie in den Fenstern. Im Kunstarchiv der Burg Beeskow, das im vergangenen Jahr bezogen wurde, werden tausende Kunstwerke aus DDR-Zeiten aufbewahrt. Zum Schutz der Werke sind Besuchergruppen auf 20 Personen begrenzt.

Großformatige Gemälde und Textilarbeiten hängen an übermenschensgroßen Ziehgittern. Grafiken und Fotografien sind in 30 lichtsicheren Planschränken in einem schattigen Raum verstaut, damit sie nicht verblassen. Plastiken flankieren die Gänge zwischen den Räumen. "Bronzebüsten sind robust", erklärt Mitarbeiterin Sabrina Kotzian die Unterschiede, "ganz anders verhält es sich bei Arbeiten auf Papier. Diese sind besonders vor Licht und Feuchtigkeit zu schützen, da Papier sehr sensibel reagiert." Das gelte besonders für die Fotografie, ein Medium, das auf einem chemischen Prozess basiert. "Ändert sich die Temperatur oder die Lichtintensität erheblich, hat das Auswirkungen auf die Bildoberfläche." Dabei dürfen auch nicht zu viele Blätter übereinander lagern, da durch den erzeugten Druck einzelne Blätter leiden könnten. Für Ausstellungsräume, so Kotzian, gelten dieselben Regeln wie für das Depot.

Spuren der Vergangenheit

Eine große Schadensquelle der Werke im Kunstarchiv liegt in der Vergangenheit: "Viele waren ursprünglich für öffentliche oder halböffentliche Räume geschaffen worden und haben zum Teil viele Jahre in solchen Umgebungen gehangen oder gestanden", erläutert Kotzian. Ein gutes Beispiel seien die Ausstattungen von Ferienheimen, aber auch von Häusern des Berliner Magistrats. Diese Kontexte hinterließen ihre Spuren, die bei einem Bestand von insgesamt 23 000 Objekten bis heute noch nicht alle aufgearbeitet werden konnten.

Ein Beispiel ist das Wandgemälde von Christian Heinze "Aus dem Leben Ernst Thälmanns" (1982-83) im Eingangsraum des Depots. Es besteht aus mehreren Tafeln und hing ursprünglich in der Kantine des FDGB-Ferienheims "Ernst Thälmann" in Rheinsberg. In Beeskow war es früher in Einzelteile zerlegt eingelagert, weil im alten Handelsspeicher an der Frankfurter Straße in Beeskow, wo 25 Jahre lang die Werke des Archivs lagerten, schlicht kein Platz war, um die einzelnen Platten aufzustellen. "Mit dem Umzug im Winter 2018/19 in den neuen Depotstandort, ergab sich nun die Möglichkeit, das gesamte Bild wieder zusammengesetzt aufzuhängen", so Kotzian. Damit wurde aber auch sichtbar, dass das Bild durch Spritzer und Flecken, vermutlich von Lebensmitteln und Getränken, erheblich gezeichnet war. Und darum alles Stück für Stück von jenen Kantinen-Rückständen befreit werden musste.

Ein besonders heikles Thema ist auch der Transport von Kunst. "Ob ein Werk ausgeliehen und entsprechend für transportfähig befunden wird, ist eine Entscheidung von Fall zu Fall", so Kotzian. Wenn es möglich ist, muss eine Spedition, die sich auf Kunst- und Kulturgüter spezialisiert, sehr detailliert protokollieren, wann das Werk übergeben wird, wann der Wagen abfährt, wann es an seinem Bestimmungsort ankommt. "Diese Arbeiten werden begleitet durch ein Zustandsprotokoll, das den Zustand vor dem Transport dokumentiert, welcher wiederum bei Ankunft kontrolliert wird und, so Unterschiede festgestellt werden, diese dann dort notiert werden", erklärt die Archiv-Expertin. Die Teams müssen viel Zeit und Achtsamkeit mitbringen.

"Wir verlangen für den Transport beispielsweise von Gemälden, dass mit einem Vlies und Luftpolsterfolie eingeschlagen und die Ecken mit Kantenschutz zusätzlich gesichert werden", sagt Kotzian. "Das innenliegende, feine und leichte Vlies ist dafür da, die Oberfläche der Gemälde vor den gröberen Schutzmaterialien zu sichern. Die Luftpolsterfolie und der Kantenschutz dämpfen jeglichen Druck, der von außen kommt, ab."

Künstlerküchen und -rezepte

Damit der Zahn der Zeit jene jungen Kunstwerke aus DDR-Zeiten nicht zernagt, ist der Künstler und Restaurator Rostyslav Voronko da. Seit 2006 arbeitet er hier als Restaurator. 1999 kam der gebürtige Ukrainer erstmals als Gastkünstler auf die Burg Beeskow. Und blieb. Unter anderem arbeitete er in den Dorfkirchen Krügersdorf, Hohenwalde, Görsdorf, Tauche und am Pfarrhaus in Beeskow. Seit 2014 betreibt er auch ein Atelier in der Kreisstadt. Im Kunstarchiv restauriert er vor allem Gemälde. "Ich bin selbst Künstler und sehe sofort die Geschichte des Bildes, wie es entstanden ist und gemalt wurde", erzählt der 47-Jährige. "Jeder Künstler hat seine eigene Küche und Rezepte, man muss die Spezifika kennen, um Werke richtig restaurieren zu können."

Voronko trägt weiße, ungebleichte Baumwollhandschuhe. Das ist Pflicht, wenn man Arbeiten im Depot berührt. Damit keine Fingerabdrücke hinterlassen werden. Für Voronko haben sie aber noch eine zweite Aufgabe: "Ich arbeite hier viel mit Chemikalien und bekomme davon trockene Hände. Wenn ich sie eincreme, darf die Creme nicht an die Gemälde kommen."

Typisch für die DDR-Kunst sei, so Voronko, dass die Autoren statt auf Leinwand, die damals schwer zu bekommen war, oft auf günstigen MDF-Platten malten. Die Grundierung machten sie selbst, jeder nach seiner individuellen Methode. "Aber auf den Platten gibt es keine gute Bindung und die Farbe platzt schnell ab." Das erschwert die Restauration. "Bei einer Leinwand kann man die Farbbindung auch von hinten wieder verstärken", durch die kleinen Waben des Gewebes hindurch, wie der Restaurator an einem Beispiel zeigt. Bei festen Holzfaserplatten geht das nicht.

Jüngst hat er das Gemälde "Die große Teekanne" (1985) von Thomas Ziegler für die Ausstellung "Kunst der Erinnerung" restauriert. Die Bildoberfläche war auf der Höhe der Stirn der weiblichen Figur aufgebrochen. Dieses Loch wurde in einem mehrstufigen Verfahren wieder geschlossen.

Was für das bloße Auge unsichtbar ist, zeigt dann Voronkos UV-Licht-Lampe: Alte Farbe leuchtet hell auf, die neuen Korrekturen bleiben dunkel. Bei Tageslicht unsichtbar, liegt der Unterschied kurz unter der Oberfläche.

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