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In Eisenhüttenstadt lebten unter dem Schutz der Stasi in den 1980er-Jahren RAF-Terroristen

Das Geheimnis um Ehepaar Winter

Stefan Lötsch / 13.05.2016, 19:33 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR ist eine Vortragsreihe gestartet, in der Themen der DDR-Geschichte unter politisch-historischer, kulturgeschichtlicher und regionalgeschichtlicher Perspektive aufgegriffen werden. In der Auftaktveranstaltung ging es um RAF-Terroristen in Eisenhüttenstadt.

Dr. Manfred Garlipp, der lange Chirurg am Krankenhaus in Eisenhüttenstadt war, erinnert sich noch gut an Horst und Elke Winter. Horst Winter war als Internist Kollege im Krankenhaus, Elke arbeite als Krankenschwester in der Chirurgie. "Sie war eine hoch intelligente Frau", sagt der Eisenhüttenstädter Mediziner. Die Krankenschwester sprach mehrere Sprachen. Sie seien aber ausgesprochen introvertiert gewesen. Es wurde gemunkelt, dass das Ehepaar vorher im arabischen Raum war. "Aber keiner hat nachgefragt", erzählt Manfred Garlipp. Auch Ingeborg Sommerkorn, die in der DDR als Fürsorgerin gearbeitet hat, erinnert sich positiv an Elke Winter. "Sie war meine beste Praktikantin." Komisch fanden die Kollegen es aber schon, warum die beiden aus dem Westen in den Osten übergesiedelt sind. Als jemand Elke Winter nach ihren Gründen fragte, da antwortete sie, so erinnert sich Ingeborg Sommerkorn: "Ach wisst ihr, im Westen ist auch nicht alles gut." Mit ihrem Sohn lebte das Ehepaar seit 1981 in der Friedrich-Engels-Straße, 1986 zogen sie nach Frankfurt in die Große Müllroser Straße um. Horst Winter leitete in Frankfurt die Beratungsstelle für Suchtkranke.

Am 14. Juni 1990 wurde dann schlagartig öffentlich, was nur ein eingeweihter Kreis von Stasi-Mitarbeitern wusste. Elke und Horst Winter waren steckbrieflich gesuchte Terroristen, Ekkehard Freiherr von Seckendorff-Gudent und Monika Helbing, zwei von insgesamt acht RAF-Mitgliedern der zweiten Generation, die unter dem Schutz der Stasi in der DDR untergetaucht waren, dort ein normales, bürgerliches Leben führten, mit einer erfundenen Biografie.

Anlass dafür, an dieses wenig erforschte Kapitel der DDR-Staatssicherheit, in dem auch Eisenhüttenstadt mit einem Unterkapitel vorkommt, zu erinnern, ist eine neue Veranstaltungsreihe im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. In loser Folge sollen Themen der DDR-Geschichte unter politisch-historischer, kulturgeschichtlicher und regionalgeschichtlicher Perspektive von Experten aufgegriffen werden, sagte am Donnerstagabend Kurator Axel Drieschner. Den Auftakt machte Frank Wilhelm. Der Journalist des Nordkuriers hat im vergangenen Jahr die Geschichte der zwei RAF-Terroristen Silke Maier-Witt und Henning Beer, die in Neubrandenburg untergetaucht waren, erforscht und in einer Artikelserie im Nordkurier veröffentlicht. Daraus ist inzwischen das Buch "RAF im Osten - Terroristen unter dem Schutz der Stasi" ein Buch geworden, das Wilhelm vorstellte.

Über die Eisenhüttenstädter Zeit der Winters gebe es nur noch sehr wenige Stasi-Dokumente, sagte Wilhelm. Beide mussten sich eine völlig neue Biografie zulegen, standen unter ständiger Beobachtung der Stasi. Selbst bei der Hochzeit, 1981, waren zwei Stasi-Mitarbeiter Trauzeugen. Helbing gehörte auch eher zu den Helfeshelfern der RAF, so der Journalist. Sie wurde 1992 zu sieben Jahren Haft verurteilt, kam ein Jahr später aber schon wieder frei. Von Seckendorff-Gudent, der "Arzt der RAF", wie er genannt wurde, kam schon nach 40 Tagen Untersuchungshaft wieder frei. Wilhelm, der zu dem Arzt in Berlin noch Kontakt hat, erzählte, dass es von Seckendorff-Gudent noch heute schwer belastet, dass er in den RAF-Terror geriet.

Übrigens spielt die Region im Kapitel RAF und Stasi noch eine weitere Rolle. Bei Briesen gab es ein geheimes Objekt, wo die RAF-Terroristen auf ihr neues Leben in der DDR vorbereitet wurden.

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