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Die Austellung von Horst Bartnig zeigt Bilder, Grafiken und Holzplastiken

Künstler Horst Bartnig
Die Lust an der Variation

Silvia Fichtner / 04.09.2018, 06:30 Uhr
Eisenhüttenstadt (freie Autorin) Hätte man diesem Mann den Plattenwohnungsbau in die Hände gegeben, wäre das Leben in diesen Wohnungen ein Vergnügen.

Keine Spur von Eintönigkeit! Keine Gefahr des Verlaufens, wie es weiland dem armen Dackel Oscar aus dem Kinderbuch von Gertrud Zucker passierte! Horst Bartnig braucht nur vier oder acht gleiche Elemente, und er baut zig Variationen daraus. Keine wie die andere. „70 Variationen mit vier gleichen Elementen“ heißt beispielsweise ein illustres Holzrelief, „70 Variationen mit 16 Quadraten in vier Farben (gelb, orange, grün und blau)“ ein ausgetüfteltes Spiel in Acryl auf Leinwand. Poetisches (Nach)Denken.

In der überlegt gegliederten Ausstellung im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt fühlt man sich wie in einem geheimnisvollen, begehbaren Baukasten, den Horst Bartnig mit Bildern, Grafiken und Holzplastiken aus den Jahren zwischen 1984 und 2016 bereitet hat. Zunächst ist einem das nicht ganz geheuer. Warum wirkt das so magisch auf uns? Kinder hätten wohl vorbehaltlos sofort  ihre Freude am Entdecken. Für die Erwachsenen ist hier und da ein Hocker aufgestellt, eine Einladung, sich geruhsam einzusehen in die vertikalen Streifen, in die Quadrate, Rechtecke, Linien.

Der vor Jahrzehnten in Berlin heimisch gewordene Künstler hat eine unstillbare Freude am Gesetz der Serie, am Spiel mit den Möglichkeiten, am Experimentieren. Horst Bartnig schafft „Konkrete Kunst“. Die hat nichts zu tun mit Abstrakter Kunst. Der niederländische Maler Theo van Doesburg rückt den Begriff „Konkrete Kunst“ 1924 in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Ziel der Konkreten Kunst sei es, „Gegenstände für den geistigen Gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der Mensch sich Gegenstände schafft für den materiellen Gebrauch“. Sie abstrahiere „nichts in der materiellen Wirklichkeit Vorhandenes“, sondern gehe „vom unmittelbaren Umgang mit den konkreten Bildmitteln Linie, Farbe, Fläche, Volumen und Raum“ aus. Der Schweizer Bildhauer Max Bill, dem Bartnig erstmals 1987 begegnete, meint: „Konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Maß und Gesetz.“

Auch Bartnig hilft uns bereitwillig auf die Sprünge. „Es gehört zu meiner Arbeit, Prinzipien, Systeme zu erkennen, zu deuten, zu verändern. Visuell erleben ist dafür ein Schlüsselwort.“ Jede einzelne seiner Kompositionen trage „den Keim zur Vereinigung und zur Veränderung“ in sich. Damit befasst sich der 1936 im schlesischen Militsch geborene Bartnig seit Mitte der 1960er-Jahre. Er studierte an der Fachschule für Angewandte Kunst in Magdeburg und wurde zunächst Bühnenmaler für das Deutsche Theater Berlin und das Berliner Ensemble.

Horst Bartnig liebt Zahlen, komplexe Systeme, mathematische Schemen, analysiert den Algorithmus, der in vielerlei Gestalt unseren Alltag schon lange unterwandert – vom Navigationssystem im Auto bis zum Rechtschreibprogramm im PC. Aus den Algorithmen  speist sich Bartnigs Inspiration, entsteht seine Kunst, beharrlich, nimmermüde. Dieser Mann soll 82 Jahre sein? Für die komplizierten Berechnungen tut er sich gern mit Physikern, Mathematikern, Programmierern zusammen, die schnell angesteckt sind von seiner Passion. Zyklen entstehen, Quadratbilder, Variationen, Unterbrechungen nennt er sie. Manch Kunstwissenschaftler hat sie penibel analysiert.

Doch wer sich seine Arbeiten ansehen möchte, muss nicht zwingend etwas von dem gelesen haben, was  über seine Werke alles gesagt wurde, obwohl einiges davon kurzweilig ist. Neugier und  Lust am Spielen mit diesen Bildern sind ein guter Zugang. Wer sich Zeit nimmt, gerät zwangsläufig in den Dialog, denn ob der Schöpfer das so will oder nicht – wir ahnen, spüren, empfinden mit unserem eigenen Leben. Wir kennen die schmerz- oder freudvoll aufregenden Unterbrechungen eines linear dahingleitenden Alltags. Wir wissen, dass unsere Blickwinkel sich ändern können wie die grafisch tanzenden Quadrate. Und aus friedvoller Ordnung kann urplötzlich lärmendes Chaos werden, unser Leben kennt viele Entsprechungen dafür.

Horst Bartnig bringt all das durch die wohl bedachte Anordnung seiner Formen, seiner Farben in uns in Bewegung – auch die Schadenfreude, in eines dieser Bilder zu steigen und wie ein Kind die von jemand anderen mühsam aufgebauten Dominosteine anzustoßen. Klick, klack. Ha! Ein neues Bild entsteht. Horst Bartnigs Ideenreservoir versiegt nie.

Horst Bartnig: Bilder/Grafik/Plastik; bis 16.9., Di–Fr 10–17 Uhr, Sa/So 13–17 Uhr, Städtisches Museum Eisenhüttenstadt, Löwenstr. 4, Eisenhüttenstadt

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