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Charlotte und Erich Garske – Idylle und Widerstandam Springsee.

Serie
Der Gedenkstein

Wolfgang de Bruyn / 12.07.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 12.07.2019, 08:59
Beeskow (freier Autor) Verpflegung mitnehmen, da wenig Möglichkeit zum Einkehren." Dieser Satz war dem Vorbereitungskomitee der Sektion Alterssport der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Narva Berlin wichtig, als dieses am 1. Juni 1975 dazu aufrief, an der Kleinen Quelle am Springsee mit einer Gedenkfeier und einer Kranzniederlegung die Kommunisten Charlotte und Erich Garske zu ehren, die am 30. Januar 1943 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet und am 9. November des Jahres zum Tode verurteilt worden waren.

Man traf sich am S-Bahnhof Ostkreuz, um gemeinsam nach Königs Wusterhausen und von dort mit einer Sonntagsrück­fahrkarte für 3,20 DDR-Mark bis zum Bahnhof Scharmützelsee zu fahren. An der Neuen Mühle in Märkisch, jetzt Wendisch Rietz, vorbei wanderte man am Glubig- und Springseefließ entlang und erreichte nach einer guten Stunde am östlichen Ufer des Springsees die kleinere der beiden Quellen, um die sich bereits in den 1920er Jahren die Zelte vieler vereinssportlich organisierter Berliner drängten. Das Bade- und Anglerparadies war unter dem Deckmantel des Berliner Arbeitersportvereins Fichte aber zugleich auch konspirativer Treffpunkt. Der dürftigen Arbeitslosenunterstützung wegen fuhren viele der Hilfeempfänger mit ihren Fahrrädern zweimal in der Woche nach Berlin: einmal zum Stempeln und einmal zum Geld holen. Kartoffeln und Gemüse bei den Bauern im Dorf waren billig. Nur wenige der Einheimischen ahnten etwas von den Kurierdiensten, wenn illegale Materialien wie die Zeitungen Der Friedenskämpfer, Die Freiheit oder das Ruhrecho verbreitet wurden, für die der Bauzeichner Erich Garske Titelseiten entwarf.

Im ausgebauten Dachgeschoss der alten Schule von Ahrensdorf berichtet Norbert Kroker, ehemaliger Direktor der Erich-und-Charlotte-Garske-Oberschule, von jener tollkühnen Aktion einiger Einwohner des nur wenige Kilometer entfernten Möllendorf, die im Sommer 1944, mitten im Krieg und ein halbes Jahr nach der Ermordung von Erich (13.12.1943) und Charlotte (16.12.1943) Garske, mit einem Motorrad mit Beiwagen jenen Feldstein an die KleineQuelle am Springsee transportierten. 1955 dann, auf Initiative des 2018 verstorbenen Grafikers Hans Räde, wurde der Schriftzug aufgebracht. Das rote Dreieck, Symbol für die Verfolgten des Naziregimes (VdN), kam später hinzu.

Dem Vergessen entrissen

"Rainer und Harald Opolka von der Zweibrüder Kunst & Kultur GmbH aus Storkow haben die Garskes dem Vergessen entrissen, als sie am Tag des offenen Denkmals im September 2013 am freigestellten und aufgefrischten Stein an Mut und Zivilcourage jener Kommunisten erinnerten."

Norbert Kroker muss an die meterhohen Trichterfarne denken, die den Blick auf den Findling eine gefühlte Ewigkeit lang verdeckten, an dem Zeltler wie auch Dauercamper auf dem Weg zum Strand oder zur Waldgaststätte ZurQuelle achtlos vorbeigingen. Er sagt es nicht, aber sein Blick verrät den Ärger darüber, dass ausgerechnet Millionäre aus dem Westen auch einen Teil seiner eigenen Geschichte wieder freilegen. Wo doch viele seiner damaligen Schülerinnen und Schüler in der Umgegend wohnen, die Namensgebung der Erich-und-Charlotte-Garske-Oberschule Görsdorf/B zum 25. Jahrestag der DDR am 3. Oktober 1974 miterleben durften beim großen Ehrenappell. Ja vielleicht sogar in der Arbeitsgemeinschaft Junge Historiker Leben und Kampf dieser Antifaschisten erforscht hatten. Der jährliche Garske-Gedenklauf führte am Findling vorbei – und als Jungpionier wurde man natürlich am Gedenkstein am Springsee in die Thälmann-Pioniere aufgenommen.

Norbert Kroker zeigt mir die Entwürfe seines Kunsterzieher-Kollegen Gerd Sauer für die Garske-Gedenkmedaille, die 1977 erstmals verliehen wurde. Von der Graphik von Hans Räde Charlotte und Erich Garske zum 1980er Treffen aller Garske-Namensträger – von der Jugendherberge Beckerwitz auf Rügen über die GST-Grundorganisation der Betriebsberufsschule der Energieversorgung in der Stahlstadt Brandenburg bis zur 16. Polytechnischen Oberschule (POS) aus Berlin – ist nicht mal mehr ein Foto vorhanden. Lediglich ein Übergabeprotokoll vermerkt den Wert des Kunstwerks (1.150,00 Mark, zzgl. 55,00 Mark für den Rahmen) und die Verpflichtung, dieses zu inventarisieren.

Als sich am 26. November 1976 Mitglieder der SED-Kreisleitung Beeskow am Gedenkstein trafen, um dem Institut für Denkmalpflege der DDR Vorschläge zur Aufwertung des politischen Denkmals zu machen, war Norbert Kroker nicht dabei. Doch er hätte sicherlich den Vorschlag unterstützt, dem Stein einen ehrenvolleren Platz zukommen zu lassen: auf dem Gelände seiner Schule in Görsdorf. Stattdessen wurde er beauftragt, die Forschungsarbeiten über die antifaschistischen Widerstandskämpfer zum Abschluss zu bringen und mit Unterstützung der Geschichtskommission des Kreises ein entsprechendes Traktat vorzubereiten.

Gesellschaftlicher Konzentrationspunkt

Empfohlen wurde vielmehr, den Findling durch einen Zementsockel anzuheben, um diesen in eine günstigere Blickachse zum See zu bringen, die Quelle durch eine Natursteineinfassung zu verschönern und als Steingarten zu gestalten, da diese, was auch immer man darunter verstand, einen gesellschaftlichen Konzentrationspunkt bilde. Wichtigstes und in die Tat umgesetztes Ergebnis war jedoch, jene Zeltplätze zu beseitigen, die sich zu dicht am Gedenkstein befanden.

Den 10. Jahrestag der Namensgebung 1984 hätte Norbert Kroker sicherlich noch gern in seiner alten Schule in Görsdorf gefeiert, Gerhard Fischer, den Sohn der Garskes dort begrüßt und den Traditionsraum zum Gedenken an die Widerstandskämpfer im Gutshaus eingerichtet, doch der Neubau in Tauche war fertig. Die Schule zog um.

Die jährlichen Ehrungen am Gedenkstein hat Norbert Kroker akribisch mit ORWO Color dokumentiert. Nicht aufgenommen hat er die Entfernung des Namenszuges an der Schule in Tauche 1991, jenes Jahr, in dem die Oberschule zur Grundschule wurde. Schwieriger als gedacht war es, für die Friedrich-Engels-, Clara-Zetkin-, Tamara-Bunke- oder Lilo-Herrmann-Oberschulen nach der Wende für das vermeintlich neue Leben auch neue Namen zu finden. Bis 2006 namenlos, kam den Tauchern die Schulschließung in Trebatsch zu Hilfe und der Name des Australienforschers Ludwig Leichhardt wurde frei.

Dem Abenteurer Leichhardt hätte der Platz an der Springseequelle bestimmt gefallen, sagt Norbert Kroker noch und drückt mir die aus dem Traditionsraum geretteten Unterlagen in die Hand.

Das Regionalmuseum auf der Burg Beeskow

Unter dem Titel "Stadt Land Fluss" blickt das Regionalmuseum der Burg Beeskow aus ungewohnt neuer Perspektive auf unsere Kulturlandschaft. Dazu haben sich Prof. Steffen Schuhmann von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung, Journalistin Tina Veihelmann, Historikerin Kristina Geisler, Wolfgang de Bruyn als Herausgeber des Kreiskalenders, Fotograf Andreas Batke und Burgdirektor und Kulturamtsleiter Arnold Bischinger auf Spurensuche im Landkreis begeben. Ergebnisse dieser Suche sind die Ausstellung auf der Burg und das dazugehörige Kursbuch, der Kreiskalender, der am 6. Dezember vorgestellt wird. "Stadt Land Fluss" ist nach "Wegen Inventur geöffnet" der nächste Schritt zu einer neuen Dauerausstellung des Regionalmuseums. Die Märkische Oderzeitung stellt einige der entdeckten Spuren vor. Noch mehr davon kann man dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr auf der Burg, Unterm Dach, entdecken. Die Tageskarte für alle Ausstellungen kostet acht Euro.

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