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Kraftfahrer
Dramatische Situation im Transportwesen

Ständig auf Achse, selten zu Hause. Für junge Leute ist der Beruf des Fernfahrers wenig attraktiv.
Ständig auf Achse, selten zu Hause. Für junge Leute ist der Beruf des Fernfahrers wenig attraktiv. © Foto: Jens Büttner/dpa
Ina Matthes / 18.07.2019, 08:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Transport-Branche fehlen Kraftfahrer. Schwierige Arbeitsbedingungen machen den Beruf unattraktiv.

Manches Supermarkt-Regal musste  schon zeitweise leer bleiben: Lkw-Fahrer gibt es zu wenige in Deutschland. Der Logistikbranche fehlen nach Angaben des Bundesverbandes Spedition und Logistik in Deutschland mehr als 45 000 Fahrzeugführer.  In Ostbrandenburg drückt die Verkehrsbetriebe laut der letzten Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg (IHK) nichts so sehr wie der Fachkräftemangel.  "Die Situation ist schon dramatisch", sagt Robert Radzimanowski. Leiter Fachbereich Wirtschaftspolitik der IHK. Sie wird verschärft, weil viele Ältere in Ruhestand gehen: deutschlandweit 67 000 Fahrer pro Jahr.

Der Mangel ist auch eine Folge der Abschaffung der Wehrpflicht vor acht Jahren. Viele junge Männer haben bei der Bundeswehr den Lkw-Führerschein gemacht. Zum einen wurde so ein gewisses Interesse am Beruf geweckt, andererseits hat das die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Diesen Rückgang von Bewerbern durch die auslaufende Wehrpflicht, meint Radzimanowski, hätten die Unternehmen "auch ein bisschen verschlafen."

Und sich möglicherweise zu sehr darauf verlassen, dass sie Arbeitskräfte im EU-Ausland finden. Doch in Osteuropa, in Polen zum Beispiel, ist der Fahrer-Markt abgeschöpft, sagen Brancheninsider. Große Unternehmen flaggen ihre Flotten teils Richtung Osteuropa aus, um Mitarbeiter zu finden, aber auch, um von niedrigeren Kosten für Kraftstoffe zu profitieren.Vor allem aber hat das Image des Berufes gelitten. Die Arbeitsbedingungen sind nicht besser geworden. Obwohl die Fahrer per Gesetz Ruhezeiten einzuhalten haben, fehlt es zum Beispiel an Stellplätzen für Lkw.

"Die Situation wird seit einigen Jahren immer schwieriger", sagt Guido Zoschke, Betriebsstättenleiter der Remondis Brandenburg GmbH in Werneuchen. In der Entsorgungsbranche, in der Remondis unterwegs ist, wächst das Geschäft. Der Bedarf an Arbeitskräften steigt – aber ist kaum noch zu stillen. Remondis Brandenburg bildet seit 2011 selbst Berufskraftfahrer aus, drei bis fünf Azubis pro Jahr. "In den vergangenen Jahren hat das ganz gut funktioniert", sagt Guido Zoschke.  2018 gingen im Unternehmen noch zehn Bewerbungen ein, in diesem Jahr waren es ganze drei.  Zwei Lehrlinge konnte die Firma bis jetzt einstellen. "Wenn wir drei bekommen, würden wir uns freuen. Wir würden aber auch sechs nehmen," sagt Zoschke.

Die IHK in Frankfurt (Oder), die sich auch mit der Ausbildung von Berufskraftfahrern befasst, verzeichnete seit 2010 insgesamt 330 Jugendliche, die eine Ausbildung im Güter- und Personenverkehr aufnahmen. Die Zahlen der Neulinge pro Jahr sind relativ gleich geblieben. Die Abbrecherquoten hingegen ist hoch. 175 von den 330 Azubis haben die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Ein Grund für die Abbrecherquote: "Wir haben mehr jüngere Schulabgänger," erläutert Silke Hartwig, Leiterin des Fachbereichs Ausbildung. Manche Abgänger der zehnten Klassen sind erst 15 Jahre alt  – den Lkw-Führerschein dürfen sie erst mit 18 Jahren erwerben. Allerdings ist für Silke Hartwig auch bei der Werbung für diese Berufe "noch Luft nach oben".

Meist ist der Beruf für jene Bewerber, die zu Remondis kommen, nicht die erste Wahl. Das Unternehmen zahlt Lehrgeld nach Tarif. Doch das Geld, stellt Zoschke in den Bewerbungsgesprächen fest, spielt für die jungen Leute keine so große Rolle. Sie interessieren sich für die Arbeitsbedingungen. Wer für das Entsorgungsunternehmen fährt, ist abends zu Hause – anders als ein Fernfahrer. Der verdient dafür aber meist mehr.

Das Prinzip vieler Firmen, das eigene Rohstoff- und Teilelager auf die Straße zu verlagern, stößt mittlerweile an seine Grenzen.  "Betriebe fangen inzwischen wieder an, Lagerhaltung zu betreiben," beobachtet Robert Radzimanowski. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, die Logistikbranche und der Handel haben gemeinsam Regeln aufgestellt, um den Alltag der Fahrer zu erleichtern und den Beruf attraktiver zu machen: die goldenen Rampenregeln. Damit soll der Frust an der Laderampe gemindert werden. Es geht um scheinbar banale Fragen wie: Kann der Fahrer eine Toilette benutzen? Wer ist für das Entladen zuständig? Auch Konflikte um Paletten sollen entschärft werden. Es kommt vor, dass Fahrer ihre Waren auf neuen Paletten anliefern, vom Händler aber alte, kaputte zurückbekommen.

Das Entsorgungsunternehmen Remondis Brandenburg will seine Werbung um Azubis verstärken. Die Firma qualifiziert außerdem auch Ältere, die als Helfer gearbeitet haben, zum Fahrer. "Wir sind offen für Leute, die motiviert und aufgeschlossen sind, " sagt  Guido Zoschke. Etwa 10 000 Euro kostet die Weiterbildung, für die der Mitarbeiter zwei bis drei Monate in der Firma fehlt. Wie lange der so Qualifizierte dem Betrieb dann aber  erhalten bleibt, ist ungewiss. Für das Unternehmen sei es deshalb wichtig, dass die Arbeitsagentur solche Qualifizierungen weiter unterstützt, meint Zoschke.

Trotz des Mangels gibt es arbeitslose Berufskraftfahrer. Die Agentur für Arbeit Frankfurt (Oder) verzeichnet (Stand Mai) in Frankfurt, Märkisch-Oderland und Oder-Spree  126 arbeitslose Berufskraftfahrer im Güterverkehr/Lkw. Dem gegenüber stehen 104 frei gemeldete Stellen. Nicht alle gemeldeten Arbeitslosen könnten zu den üblichen Bedingungen arbeiten, erläutert die Agentur. Gründe können gesundheitliche Einschränkungen sein.

Was verdienen Berufskraftfahrer?

Steigende Gehälter: Die CompensationPartner GmbH hat das Lohnniveau von Berufskraftfahrern auf der Basis von mehr als 2000 Datensätzen berechnet. Demnach verdienen Berufskraftfahrer in Deutschland im Schnitt 29 810 Euro im Jahr (Stand 2018). Die Gehälter unterscheiden sich nach Betriebsgrößen. Mitarbeiter in Firmen bis zu 100 Beschäftigten verdienten 29 216 Euro, bei Firmen über 1000 Mitarbeitern lag der Schnitt  bei 38 503 Euro. Der Trend zeigt nach oben: 2010 betrugen die Löhne durchschnittlich 26 449 Euro im Jahr, 2018 schon 30 322 Euro. CompensationPartner ist eine Tochter der PMSG PersonalMarkt Services. Sie betreibt nach eigenen Angaben die größte deutsche Vergütungsdatenbank. ⇥ima

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kay-uwe granz 18.07.2019 - 21:36:13

Nach unten ist noch Luft.

Es fehlen keine Kraftfaher, nur eben Leute, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen ausbeuten lassen wollen. Die Unternehmen brauchen eine hohe Arbeitslosigkeit zum Lohndrücken, das hat jahrelang gut geklappt.

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