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Neues Forum in Frankfurt
Revolution nach Feierabend

Thomas Gutke / 09.11.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 09.11.2019, 09:15
Frankfurt (Oder) (MOZ) Für Renate Schubert beginnt die Revolution mit einer Fahrt im Wartburg. Es ist der 14. September 1989. Gemeinsam mit drei weiteren Frankfurtern ist sie auf dem Weg zu Rolf Henrich. Der Jurist und Dissident aus Schlaubehammer hat wenige Tage zuvor bei Katja Havemann in Grünheide den Gründungsaufruf für das Neue Forum mitunterzeichnet. Auch in Renate Schubert brodelt es.

Seit 1978 lebt die Krankenschwester in der Bezirksstadt, hat vier Kinder, und arbeitet im Wichernheim – eine Insel der politisch Andersdenkenden. Doch 1989 macht etwas mit ihr, sie will aktiv werden. Als Wahlhelferin notiert sie im Mai Wählerstimmen mit. Ebenso einige Kollegen. 97,95 Prozent Zustimmung für die Einheitsliste, so lautet das offizielle Ergebnis. "Da wussten wir: Die haben uns wieder belogen." Im Juni hört sie vom Massaker in Peking. Im Sommer folgt die Ausreisewelle, die auch ihre Familie betrifft, als ihr Schwager flüchtet. "Ich aber wollte hier bleiben und etwas verändern."

Die Unterschrift unter den Aufruf des Neuen Forums setzt sie deshalb "sehr bewusst. Mir war klar: Das kann jetzt nur noch in eine Richtung gehen". Rolf Henrich habe ihr dann auf die Schulter geklopft und gesagt: "So, nun gründet mal das Neue Forum in Frankfurt."

Es liegt etwas in der Luft. Das spürt auch Ulrich Schröder, Jahrgang 1941. "Der Aufruf vom Neuen Forum ging durch das Land wie eine Rakete. Jeder, der diese DDR verhindern wollte, fragte: Wie kommt man da ran?" Seinen Lehrerjob hat der Frankfurter vor Jahren hingeschmissen, verdient seitdem in einer Band mit Tanzmusik sein Geld. Schröder hat genug von der SED-Diktatur. Er hört sich um, klingelt Ende September bei Renate Schubert, und fragt, wo er unterschreiben kann.

Gedränge im Wohnzimmer

Am 4. Oktober gründet sich in ihrem Haus in der Wildenbruchstraße die Frankfurter Basisgruppe des Neue Forums. Sie rechnen mit 15 Leuten, es werden 48. Die republikweite Bürgerbewegung ist an der Oder angekommen. Zu den Unterzeichnern gehört auch Lothar Tanzyna. Er arbeitet in der Werbeabteilung des Kleist-Theaters. Der Grafiker, 1956 in Frankfurt geboren, erscheint ohne seine Frau – aus Angst vor einer möglichen Festnahme. Denn sicher sein konnte man sich nicht. "Deshalb haben wir gesagt: Es geht erst mal nur einer."

Das Gründungstreffen ist eine Keimzelle von vielen für die Wende ’89. Hunderte DDR-Bürger wie Renate Schubert, Lothar Tanzyna und Ulrich Schröder beginnen damals überall in der Republik gegen den von Rolf Henrich beschriebenen "vormundschaftlichen Staat" aufzubegehren, Reformen einzufordern und die Mauer zum Kippen zu bringen.

30 Jahre später sitzen sie auf der Couch von Renate Bauer, damals Renate Schubert, und erinnern sich an "ein Jahr, in dem ist so viel passiert, es hätte für zehn gereicht". Auch Renate Berthold ist mit dabei. Sie war die letzte Stadtverordnete für das Bürgerbündnis, das später aus dem Neuen Forum hervorging. Im Frühjahr 2019 hat es sich aufgelöst – es gab kaum noch Mitglieder.

An demokratische Teilhabe ist im Oktober 1989 noch nicht zu denken. Aber die Bewegung wächst. Über 1000 Menschen drängen sich am 18. Oktober bei der Vorstellung des Neuen Forums in der Georgenkirche. "Als ich die vielen Leute gesehen habe, dachte ich: Das kann was Gutes werden", blickt Ulrich Schröder zurück. Zumal der Funke dank der (West-)Fernsehbilder aus Leipzig längst auf andere Städte übergesprungen ist. "Zeit zum Angst-Haben hatten wir nicht. Die große Demonstration, die es überall gab in der Republik, wollten wir hier auch haben."

Das Neue Forum plant sie für den 1. November. In der Werkstatt im Kleist Theater werden Abend für Abend Transparente gemalt. In der Wildenbruchstraße legen Nachbarn – anonym – Papierstapel  vor der Haustür der Schuberts ab. In großen Betrieben wie dem Halbleiterwerk vervielfältigen und verteilen Mitarbeiter den Schreibmaschinen-Aufruf. Auch die Volkspolizei wird informiert. Ulrich Schröder geht damals mit zur Dienststelle. "Sie wollten uns davon abbringen, eine andere Route einreden. Doch wir setzten uns durch. Am Ende sagten sie: Wir stellen uns nicht in den Weg."

Doch am Tag X ist lange nicht klar, ob sich die Menschen tatsächlich trauen, auf die Straße zu gehen. "15 Minuten bevor es losgehen sollte, standen wir vor dem Hotel Stadt Frankfurt mit unseren gemalten Transparenten und dachten: Mist, das Ding geht in die Hose. Kaum jemand war da – doch dann kamen plötzlich aus allen Ecken die Leute. Es war einfach unglaublich", erinnert sich Lothar Tanzyna. 30 000 bis 50 000 Demonstranten – es hat niemand gezählt – ziehen friedlich durch die Stadt. "Mit Sicherheit war das ein Wendepunkt. Das hat Kraft gegeben für die ganzen nächsten Abende." Schließlich seien sie, so Tanzyna, als Werktätige Nach-Feierabend-Revolutionäre gewesen.

Doch ein Zurück gibt es nicht mehr. Vor allem nicht nach dem 9. November. Renate Schubert erlebt die historische Nacht bei einem Besuch von Westverwandten in Wuppertal, Lothar Tanzyna und Ulrich Schröder daheim vor dem Fernseher. Das Land steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Das Neue Forum stellt die Machtfrage, will die SED-Diktatur beerdigen. Es geht alles rasend schnell. Weshalb aus dem aufrechten Gang, wie Renate Bauer heute sagt, bald "ein Hinterherhecheln" wird.

Weitere Demonstrationen in Frankfurt folgen, unter anderem am 29. November. 25000 Menschen ziehen zur Bezirksverwaltung des MfS. Sechs Tage später besetzen aufgebrachte Frankfurter die Gebäude, weil Berichte von der Aktenvernichtung die Runde machen. Renate Schubert bekommt eine erste Ahnung vom Ausmaß der jahrelangen Bespitzelung. Und ist erschüttert. "Da habe ich zum ersten Mal unsere Machtlosigkeit wahrgenommen. Was macht man bloß mit so vielen Informationen? – Man erstickt irgendwann daran."

Der Nenner war: Wir bleiben hier

Das MfS steht am Pranger. Doch die gegen das Schild und Schwert der Partei gerichtete Wut habe auch vieles überdeckt, findet Lothar Tanzyna. "Die Stasi ist ja installiert, ermächtigt und mit Geld ausgestattet worden. Der wirkliche Kern war eine ganz perfide, schnöde Diktatur einer machtgierigen Clique." Diese sei bis heute nicht genügend zur Rechenschaft gezogen worden, "obwohl sie Lebensläufe und Biografien zerstört und unser Land heruntergewirtschaftet hat".

Dem Neuen Forum sei es nicht zuallererst um die Stasi, sondern um einen demokratischen Veränderungsprozess gegangen. "Den hat sich jeder anders vorgestellt. Der einzige Nenner bei den Demos war: Wir bleiben hier. Ihr müsst Euch unsere Meinungen anhören." Und die lagen von Anfang an zum Teil weit auseinander, erinnert sich auch Ulrich Schröder. "Als ich noch die DDR demokratisieren wollte, saßen schon Leute neben mir, die sagten: Wir sollten das Land besenrein an die BRD übergeben. Damit konnte ich mich damals überhaupt noch nicht identifizieren."

Mitte Dezember beginnt die Arbeit an den Runden Tischen, das Instrument, um Demokratie zu üben. Das Frankfurter Neue Forum organisiert sich in vielen Arbeitsgruppen, mischt sich ein, hinterfragt, stellt Forderungen. Auch in der Stadtverordnetenversammlung, in die Mitglieder kooptiert werden. Daneben gründen sich weitere politische Vereinigungen und Parteien, die Meinungsvielfalt an den Runden Tischen wird immer größer.

Bei den Wahlen im Mai holt das Neue Forum 9,5 Prozent. Ulrich Schröder wird Kulturamtsleiter, später Dezernent. "1990 ins Rathaus einzuziehen, war einfach irre. Auf einmal wehte ein anderer Wind", sagt Renate Bauer. Doch das Ehrenamt zehrt auch an den Kräften, sie zieht sich nach einigen Jahren zurück und konzentriert sich auf ihre Arbeit beim Integrationsfachdienst. Lothar Tanzyna ergeht es ähnlich. 1990 gründet er mit Gleichgesinnten eine Werbeagentur. Kommunalpolitik nach Feierabend, das ist für ihn nicht zu leisten. Dennoch bleibe viel zu tun, er sagt: "Demokratie ist anstrengend – aber unbedingt notwendig."

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