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Augenzentrum
Ärzte sagen: "Wir sind gekommen, um zu bleiben"

Haben gut zu tun: Optometrist Peter Haubold-Kretschmer und Augenärztin Anne Wildeck vom Augenzentrum in Eisenhüttenstadt haben in dieser Woche etliche Überstunden gemacht.
Haben gut zu tun: Optometrist Peter Haubold-Kretschmer und Augenärztin Anne Wildeck vom Augenzentrum in Eisenhüttenstadt haben in dieser Woche etliche Überstunden gemacht. © Foto: Janet Neiser
Janet Neiser / 09.11.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 09.11.2019, 10:21
Eisenhüttenstadt (MOZ) Am Montag dieser Woche hat das Augenzentrum in Eisenhüttenstadt den Betrieb aufgenommen. Die Warteschlange war riesig. Janet Neiser fragte den Optometristen Peter Haubold-Kretschmer und Augenärztin Anne Wildeck nach einer Wochenbilanz.

Herr Haubold-Kretschmer, Frau Dr. Wildeck, wie viele Arbeitsstunden hatte ihre aktuelle Woche?

Haubold-Kretschmer: Wenn wir den Freitag dazurechnen, wir haben es jetzt 14 Uhr, dann waren es bisher etwas über 70 Stunden – nur im Augenzentrum. Dann kommen noch meine Arbeitsstunden bei Berger-Optik hinzu.

Dr. Wildeck: Allein bei den medizinischen Stunden am Patienten sind es 50 Stunden, plus die bürokratische Nacharbeit, die am Wochenende weitergeht. Ich habe eine Sieben-Tage-Woche.

Die Menschen, die in den ersten Tage angestanden haben, wollten die einen Arzttermin oder nur eine Augenüberprüfung?

Haubold-Kretschmer: Aus der Erfahrung würde ich sagen: Die meisten würden gerne einen Arzt sehen wollen, aber die Untersuchung, die ansteht, ist eine Vorsorgesache. Das muss dann kein Arzt, das kann auch ein Optometrist machen. Wir haben ja das Augenzentrum, damit wir den Arzt-Patienten-Kontakt effektiver gestalten. Der Arzt muss diese zeitraubenden Untersuchungen nicht machen.

Dr. Wildeck: Wird beim Screening etwas gefunden, landen die Patienten bei mir und meiner Kollegin. Wir sind technisch vernetzt und bekommen den Befund. Aber die, die schauen wollen, ob die Brille noch gut ist oder ob die Augen okay sind, die müssen nicht sofort zum Arzt.

Dadurch bleibt Ihnen mehr Zeit?

Dr. Wildeck: Genau, mehr Zeit für die, die tatsächlich eine medizinische Behandlung benötigen. Wir hatten diese Woche beispielsweise einen Patienten, der hat am Montag in der Schlange gestanden, hat sich nicht getraut nach vorn zu kommen und zu sagen, dass er schlecht sehen kann, dass er Schmerzen hat. Am Dienstag dasselbe. Am Mittwoch kam er und wir mussten ihn stationär einweisen, weil er auf einem Auge erblindet war. Das passiert, wenn da 150 Leute stehen, von denen ganz viele nur registriert werden wollen, obwohl sie keinerlei Beschwerden haben.

War die erste Woche eine gute oder eine, die Sie nach dem Ansturm lieber vergessen wollen?

Dr. Wildeck: Für mich war es eine gute Woche. Unsere Mitarbeiter waren aber am Limit. Die mussten sich bei dieser negativen Grundstimmung einiges gefallen lassen.

Haubold-Kretschmer: Ich hatte Spaß, jeden Tag auf Arbeit zu gehen. Der Montag war speziell, aber ansonsten war es eine sehr gute Woche.

Sie sagten vorab, Sie wurden auch bedroht?

Ja, wir wurden bedroht, sowohl die Mitarbeiter, als auch ich persönlich.

Inwiefern?

Einer sagte: "Man müsste Sie erschlagen. Ich will mich doch nur registrieren lassen." Ein anderer O-Ton war: "Erschießen! So werden Terroristen geboren."

Es gab am Montag den Vorwurf: Sie seien schlecht vorbereitet gewesen, hätten mehr Personal benötigt. Was sagen Sie dazu?

Haubold-Kretschmer: Wir waren bis zu einem gewissen Grad sehr gut vorbereitet. Mit dieser Eskalation am Montag konnte niemand rechnen. Und was das Personal angeht: Wie viel hätten wir denn haben sollen? Und wer soll es bezahlen?

Dr. Wildeck: Wir haben ein Patientenbudget und ein Zeitbudget, das sind rechtliche Vorgaben. Wir behandeln natürlich jeden, der ein Notfall ist. Aber so etwas am Montag, das habe ich noch nie erlebt. Ich kann es zu einem gewissen Grad verstehen, dass Menschen so verzweifelt sind und wir wollen ja auch helfen.

Baden Sie die Fehler der Gesundheitspolitik aus?

Dr. Wildeck: Nicht wir. Die Patienten. Allein in Eisenhüttenstadt hatten wir in dieser Woche durchschnittlich 40 bis 50 pro Tag.

Wie sieht es mit Terminen aus?

Patienten, die aus dem Raum Eisenhüttenstadt kommen und aktuell im Augenzentrum in Beeskow in Behandlung sind, brauchen künftig nicht mehr so weit zu fahren. Die werden wir künftig in Eisenhüttenstadt betreuen. Im besten Falle, telefonieren meine Mitarbeiter alle der Reihe nach ab. Eine Nachfrage reicht eine Woche vor dem eigentlichen Termin. Wer aktuell einen Augenarzt in Eisenhüttenstadt oder Frankfurt hat, den nehmen wir nicht auf, der ist ja versorgt. So bleibt der Platz für Unversorgte.

Informationen zum Augenzentrum

Das Augenzentrum befindet sich im ehemaligen Handwerkerhof in der Fritz-Heckert-Straße in Eisenhüttenstadt. Als Augenärzte sind Dr. med. Anne Wildeck und Dr. med. Uta Sterzinsky an vier Tagen in der Woche vor Ort. Zudem ist der Geschäftsführer des Augenzentrums, Peter Haubold-Kretschmer, als Optometrist vor Ort. Vorerst allein, künftig soll es zwei weitere Kollegen geben, die derzeit in Elternzeit sind. Die Telefonnummer lautet: 03364 773280.

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Lars Voller 09.11.2019 - 11:21:55

Herzlichen Glückwunsch

Ui ui ui. Wenn die Betreiber des Augenzentrums mitlesen: Sie sollten dringend in Erwägung ziehen, mal eine PR-Schulung zu buchen. Ich war schon nach dem letzten MOZ-Artikel verwundert. Dort sagte eine Mitarbeiterin (O-Ton): Die Leute müssen halt auch selbst nachdenken, statt sich stundenlang anzustellen. Das kann man natürlich denken (sagt auch schon einiges über Sie aus), aber in der Presse sagen sollte man sowas vielleicht eher nicht. So verwundert es jedenfalls kaum, dass die Menschen sich erzürnen. Jetzt im Interview gibt man den Leuten sogar noch die Schuld, dass schwere Krankheitsfälle wegen des Andrangs nicht behandelt werden konnte. Da würde ich mir noch – jedenfalls für Pressezwecke – mal an die eigene Nase fassen. Vielleicht könnte man beim nächsten Mal einen Mitarbeiter rausschicken, der nachfragt, ob sich alle nur registrieren wollen oder auch Notfälle dabei sind. So sähe Kundenservice aus, wenn man nicht nur Dienst nach Vorschrift macht. Da kann ich uns alle in Eisenhüttenstadt zu diesem neuen Augenzentrum nur beglückwünschen…

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