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Wie beschwerlich Einkaufen sein kann, zeigt eine Fahrt mit Sieglinde Klug. Nach ihrem Schlaganfall kann sie nur noch mit Hilfsmitteln laufen.

Mobilität
Alte Straßenbahnen mit hohen Barrieren

Sieglinde Klug (links) ist nach einem Schlaganfall schwerstbeeinträchtigt. Insbesondere der Ein- und Ausstieg in die älteren Hochflurbahnen fällt ihr schwer, wie hier am Anger.
Sieglinde Klug (links) ist nach einem Schlaganfall schwerstbeeinträchtigt. Insbesondere der Ein- und Ausstieg in die älteren Hochflurbahnen fällt ihr schwer, wie hier am Anger. © Foto: Jan-Henrik Hnida
MOZ / 12.12.2019, 12:14 Uhr - Aktualisiert 12.12.2019, 19:33
Frankfurt (Oder) (Jan-Henrik Hnida) Für mehr barrierefreies Fahren sollen 13 neue Niederflurbahnen  ab dem Sommer 2021 sorgen (siehe Infokasten). Aktuell hat die SVF 18 Hochflurbahnen aus dem Jahr 1987 sowie acht Niederflurbahnen, Baujahr 1994, im Bestand – nur letztere sind barrierefrei. Dass mehr Niederflurbahnen unbedingt nötig sind,  zeigt das Beispiel von Sieglinde Klug.

Mit Rucksack und Gehstock macht sich die 80-Jährige zum Supermarkt auf. Klug hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall, seitdem kann sie nur noch schlecht zu Fuß laufen. "Ich bin zu hundert Prozent behindert", sagt die Seniorin. Zum Einkaufen geht sie von ihrer Wohnung in der Walter-Korsing-Straße zur Straßenbahnhaltestelle am "Stadion". In ihrer Wohngegend gebe es ja keine Einkaufsmöglichkeiten, sagt Klug. Für gesunde Füße ist es  kein Problem bis ins Zentrum, aber für Menschen mit Beeinträchtigung ist der Weg durch Anger und Gertraudenpark weit.

Seit einem halben Jahr wohnt die 80-Jährige in der Oderstadt. "Mein Sohn ist Schuld, dass ich aus Fürstenwalde hierher gezogen bin", sagt Klug lächelnd. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wollte er, dass er im Notfall in ihrer Nähe sein kann. Abgesehen von den Beschwerlichkeiten bei den Einkaufsfahrten gefalle ihr Frankfurt. "Ich habe eine schöne Wohnung, es gibt viel Grün und der Anger ist sehr gepflegt", findet Sieglinde Klug. Auch das kulturelle Angebot nutze sie regelmäßig.

Eigentlich braucht Klug ihren Rollator, um sich  einigermaßen unbeschwert fortbewegen zu können. Doch wegen des hohen Eintritts in manche Straßenbahn nimmt sie ihren Stock. Quietschend und knarrend kündigt sich am Stadion die Linie 1 an. "Hier fährt nur einmal die Stunde eine Niederflurbahn", hat Klug bemerkt. Dann ruckelt die Bahn an und öffnet ihre Türen. Drei große Stufen muss die Schwerstbeeinträchtigte nun überwinden; an ihrem Gehstock hievt sich Klug hoch, bevor die Türen nach dem Klingelsignal wieder zuschnappen. Kaum ist Sieglinde Klug als Letzte eingestiegen, fährt die Bahn ruckartig an. Schnell muss sie sich hinsetzen.

"Viele Fahrer sind zu flott unterwegs", findet Klug. Gerade wenn die Linie 1 wieder zurück vom Zentrum fährt und rechts in die Lindenstraße abbiegt, muss sich die Seniorin gut festzuhalten, um nicht in der Kurve auf dem Boden zu landen.

Und: Wegen des verdunkelten Sichtschutzes könne der Fahrer nicht nach hinten, ins Waggon-Innere blicken, erklärte ihr ein SVF-Mitarbeiter auf Nachfrage. Anders sei es im Bus. "In Fürstenwalde sind die Fahrer sehr vorsichtig gefahren, konnten im Rückspiegel alles überblicken", beobachtete die Seniorin.

Rücksichtsvolles Verhalten erfährt Klug beinahe täglich von den anderen Fahrgästen. "Die jungen Leute sind sehr nett, viele bieten mir gleich ihren Sitzplatz an", sagt sie. Am Anger, beginnt der schwierige Ausstieg: Wieder auf ihren Stock gestützt, kann Klug die Stufen beinahe nur runter "hopsen". "Ich kann nur abschätzen, wie tief es runter geht", sagt die 80-Jährige angestrengt. Wegen dieser Barrieren lässt sie ihren Rollator zu Hause stehen.

Die neue barrierefreie Haltestelle in der Magistrale nutze sie nicht, weil Klug bis dahin gar nicht fährt. Sie kaufe meistens nichts aus der Karl-Marx-Straße. Das Zentrum steuere sie dagegen mehrmals wöchentlich an. "Dort gab es allerdings ein anderes Problem für mich", erläutert Klug. An der Heilbronner Straße stehen drei Haltesäulen für Straßenbahnen, für jeweils zwei Linien. Da Klug stets mit der 1 fährt, stellte sie sich dort hin. "Doch die Straßenbahn fuhr weiter – bis zur Nummer 4", sagt die 80-Jährige. Es war zur Mittagszeit, viele Leute warteten im Zentrum. "Ehe ich dorthin laufen konnte, war die Bahn weg", erinnert sie sich. Für den Vorfall habe sich die Stadtverkehrsgesellschaft (SVF) aber bereits mündlich entschuldigt. Müttern mit Kinderwägen erginge es oft genauso, hat die Seniorin gesehen. "Die Gefährte müssen ja auch erstmal die Stufen hochgetragen werden."

Moderne Haltestellen

Ohne größere Schwierigkeiten kann Klug an den ebenerdigen Haltestellen im Zentrum und am HEP-Einkaufszentrum  ein- und aussteigen – wenn sie eine Niederflurbahn erwischt. Im kommenden Jahr will die SVF auch die Haltestellen am Stadion und am Anger modernisieren. "Am besten so schnell wie möglich", meint Klug. Damit sie nicht mehr die Stufen hoch klettern und wieder runter hopsen muss. Und damit das Einkaufen und ins Theater fahren generell leichter wird.

Anschaffung neuer Straßenbahnen

Die Herstellung und Auslieferung 13 neuer Niederflurbahnen an die Frankfurter Stadtverkehrsgesellschaft (SVF) verzögert sich. Hintergrund ist der Einspruch eines unterlegenen Straßenbahn-Herstellers. "Es gibt zur Zeit noch keine neuen Informationen. Eine offizielle Info darüber ist uns daher erst im nächsten Jahr möglich", erklärt Ken Wegener, Assistent der SVF-Geschäftsführung. Grund dafür seien Fristen der Vergabekammer.

Die Anschaffungskosten der Niederflurbahnen belaufen sich auf etwa 32 Millionen Euro, die größtenteils kreditfinanziert werden.

Rund 10 Millionen Fahrgäste befördert die SVF jährlich.

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