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Leichtathletik
Trainings-Frust statt Wettkampf-Lust

Hagen Bernard / 23.03.2020, 05:30 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Die Coronavirus-Epidemie lässt den Wettkampf-Kalender der Läufer wie auch den vieler anderer Sportler völlig aus den Fugen geraten. Nachdem die meisten Organisatoren zuletzt vor allem ihre im März und April geplanten Veranstaltungen wie den Rauener Fontane-Lauf, den Metallurgen-Lauf in Eisenhüttenstadt und den Störitzsee-Lauf in Grünheide abgesagt haben, sind von der Flut der Ausfälle nun auch die Veranstaltungen im Mai betroffen.

Prominente Beispiele waren am Freitag der 48. GutsMuths-Rennsteiglauf, der am 16. Mai hätte stattfinden sollen, und der  19. Neuzeller Run & Bike-Wettbewerb eine Woche später. Neben der auch im Mai voraussichtlich noch hohen Infektionsgefahr spielen gerade für die großen Veranstalter ihre Aufwendungen im Vorfeld eine Rolle, die sie nun auf ein Minimum reduzieren. Im Rahmen der juristischen Regelung "Höhere Gewalt" müssten sie die Startgelder zurückzahlen. Während die Thüringer 50 Prozent erstatten, will Rainer Woellert, Vorsitzender des Neuzeller Vereins Run & Bike, alles zurückgeben. "Auch in zehn Wochen dürfte es noch so ähnlich aussehen wie jetzt. Unser Kurs verläuft teilweise auf polnischem Gebiet, aber ein Grenzübertritt ist nicht möglich. Wir übertragen die Startlisten auf das nächste Jahr. Aber wer sein Geld zurück möchte, kann sich melden." Für ihn kommt nur eine komplette Rückerstattung in Frage. "Wenn ich Geld kassiere und nicht die Leistung erbringe, gibt es nur diesen Weg. Was ist das sonst für ein Anspruchsdenken? Sport sollte fair sein."

Wie die Rennsteiglauf-Organisatoren verzichten die Neuzeller darauf, ihre Veranstaltung im Herbst nachzuholen. Auch, um beim in der zweiten Jahreshälfte vollgepfropften Terminkalender nicht den anderen Wettbewerben die Athleten wegzunehmen.

Etwas flexibler können da die Veranstalter kleinerer Läufe wie der MSV Tripoint Frankfurt beim ursprünglich für den 3. Mai vorgesehenen 39. Oderpokallauf agieren. "Im Prinzip kann ich mit einer Absage bis zwei Wochen vor dem Start warten, hier ist alles eingespielt", hatte Organisationsleiter Jürgen Holzäpfel noch am Donnerstag erklärt. Doch einen Tag später die Absage. "Das hat der Vorstand so entschieden. Ich hätte noch etwas gewartet, doch an vorderster Stelle steht die Gesundheit der Athleten." Kurzfristiger entscheiden will er über den Lindenblütenlauf am 27. Juni, da in Groß Lindow weniger Absprachen nötig sind als beim Oderpokallauf.

Oder-Spree-Cup abgespeckt

Aus der Oder-Spree-Cup-Serie sind damit bereits vier der zehn Läufe abgesagt. Holzäpfel, gleichzeitig Cup-Koordinator, hält aber an der Wertung fest. "Bei einer abgespeckten Variante gehen dann beispielsweise anstatt sechs Läufe nur noch vier in die Gesamtwertung." Von den Veranstaltern haben nur die Eisenhüttenstädter die Absicht geäußert, ihren Wettbewerb im Herbst nachzuholen.

Das trifft auch auf die Veranstalter weiterer kleinerer Wettbewerbe in der Region zu. Nachdem beispielsweise die ersten beiden Läufe der Cross-Serie von Märkisch-Oderland in Neuenhagen und Seelow planmäßig über die Bühne gegangen sind, sollen die zuletzt abgesagten Rennen in Schöneiche und Strausberg im Herbst nachgeholt werden.

Allerdings dürften das die Veranstalter traditioneller Herbstcrossläufe ungern registrieren, wenn die Nachholer ihnen ihre Starter abspenstig machen. Ohnehin ist nicht abzusehen, wann wieder reguläre Veranstaltungen möglich sind. "Es kann durchaus sein, dass es in diesem Jahr gar keine Läufe mehr gibt", befürchtet Felix Ledwig. Der 29-Jährige aus Eisenhüttenstadt stammende Marathon-Spezialist war im vergangenen Jahr drittbester Deutscher beim New Ýork-Marathon. Im Herbst will er in Berlin seine Bestzeit von 2:27:59 Stunden verbessern. Doch mit der Moti-vation ist es derzeit nicht gut bestellt. "Ein bisschen hat es mir den Stecker gezogen: Nach den ganzen Absagen mache ich Saisonpause. Ich komme vielleicht auf 100 Kilometer die Woche, aber das sind mehr oder weniger nur Dauerläufe. Entweder allein oder vereinzelt mit jemandem aus meiner Wohngemeinschaft. Das gewohnte Bahntraining in der Gruppe fällt ja weg, die Plätze sind gesperrt."

Etwas enthusiastischer ist da noch der 61-jährige Oder-Spree-Cup-Seriensieger Andreas Müller aus Eisenhüttenstadt. Zwar ist gerade der Oberelbe-Marathon abgesagt worden, auf den er sich für Ende April vorbereitet hatte, doch für ihn geht der Sport fast wie gewohnt weiter. "Als Einzelkämpfer trainiere ich ja sowieso meistens allein, bin weiter motiviert. Ich verzichte jetzt zwar auf die 32 bis 35 Kilometer für den Marathon, stattdessen laufe ich jetzt Cross. Heute waren es harte 25 Kilometer", erklärte er am Sonnabend. "Außerdem haben wir jetzt schönes Lauf-Wetter, und ich will nicht wieder bei Null anfangen, wenn Wettkämpfe möglich sind."

Was ist "Höhere Gewalt"?

Wann "HöhereGewalt" vorliegt,ist nicht gesetzlich festgeschrieben. Sie wird vertraglich geregelt, um das Risiko einerSchadensersatzpflicht zu minimieren. Nach Rechtsprechung deutscher Gerichte trifft sie bei Ereignissen zu, die nicht von den Vertragspartnern ausgehen.Diese gelten als un-vorhersehbar undungewöhnlich und können mit wirtschaftlich erträglichen Mitteln auch bei der zu erwartenden Sorgfalt nicht verhütet oder unschädlich gemacht werden. Das sind Streiks,Naturkatastrophen, terroristische An-griffe – oder auch Epidemien.Mit dem Begriff "Höhere Gewalt" sollen Risiken von der Haftung ausgeschlossen werden, die bei einer rechtlichenBewertung allein dem Drittereignis zugerechnet werden können. "Höhere Gewalt" führt juristisch zur Unmöglichkeit der vertraglich festgelegten Leistung. Dabei gehen also beide Vertrags-partner auseinander, als ob sie keinen Vertrag geschlossen hätten.Jeder trägt seineKosten. Es kann allerdings davon abgewichen werden. Eine offizielle Veranstaltungs-Untersagung bekräftigt die "Höhere Gewalt".⇥hb

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