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Tierschutz
Rehkitz-Rettung mit Drohne in Ziltendorf

Janet Neiser / 22.05.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 22.05.2020, 11:52
Ziltendorf (MOZ) Erstmals hat eine Jagdpächterin in der Ziltendorfer Niederung einen Drohnen-Piloten zur Rehkitz-Rettung geholt.

"Ich möchte mal sehen, wen wir da gerettet haben", ruft Frank Neumann, als er aus dem Feld herausstapft. Der Drohnen-Pilot ist an diesem Morgen extra aus dem Havelland in die Ziltendorfer Niederung gekommen. Mitten in der Nacht sind er und seine Frau aufgestanden, haben den Multicopter mit Wärmebildkamera eingeladen, um gegen 4 Uhr mit der Mission Rehkitz-Rettung zu beginnen. Drei Stunden später sind bereits vier Tiere vor dem sicheren Tod durch Mähdrescher gerettet worden.

Neumanns Frau schiebt die Abdeckung vom Korb beiseite: Vier große dunkle Augen schauen nach oben. Zwei gerade mal etwa zwei Tage alte Kitze liegen ganz still zwischen dem Gras. Die Ohren sind gespitzt. Sie ducken sich, so wie sie es auch im Luzernenfeld gemacht haben. Doch der vermeintliche Schutz zwischen dem hohen Grün vor Jägern aus der Luft und aus dem Wald – diese über Jahrtausende bewährte Überlebensstrategie – wäre ihnen fast zum tödlichen Verhängnis geworden.

Gegen Großflächenmähwerke, die mit etwa 15 Kilometern pro Stunde  übers Feld ziehen, haben sie und andere Wildtiere keine Chance. Vor allem im Mai und Juni, wenn die Rehkitze geboren werden, passieren bundesweit jährlich tausende Unfälle. Auch in Brandenburg, auch in der Ziltendorfer Niederungen sind Rehkitze bereits durch Mähdrescher verstümmelt und getötet worden.

Ein Kitz sprang ins Rapsfeld

"Ich möchte diese Zahl minimieren", betont Michelle Rzadkowski. Sie gehört zu den Jagdpächtern in der Ziltendorfer Niederung. "Wir wollen zeigen, dass es die Chance gibt, Kitze zu retten." Dafür sei eine Zusammenarbeit mit den Landwirten unerlässlich. Um ihr Ziel zu erreichen, haben die 33-Jährige und ihr Lebensgefährte, Jagdpächter Sven Reschke, in diesem Jahr erstmals Frank Neumann  in Dallgow-Döberitz angerufen. Der ist auf der Internetseite www.kitzrettung-hilfe.de für das Land Brandenburg gelistet. "Bei uns in der Gegend gibt es ja leider keine solche Drohnen-Kitzrettung", sagt sie.

Obwohl die Entfernung nicht ganz ohne ist, sagte der Multicopter-Pilot zu. "Wir hatten wirklich Glück, dass die Mahd hier so zeitig ist und Frank noch keine Termine drin hatte", zeigt sich Michelle Rzadkowski erleichtert. Sie organisierte einige Helfer, besorgte Kisten und Körbe sowie Handschuhe – denn die Tiere dürfen nicht nach Mensch riechen, sonst nimmt die Ricke sie später nicht mehr an –, sprach immer wieder mit der Ziltendorfer Bauerngesellschaft und dann konnte die Mission beginnen.

Neben den zwei winzigen Geschwister-Kitzen im Korb gibt es noch ein etwas älteres  in einem großen Karton. Das ist etwas unruhiger – aus diesem Grund bleibt der Deckel zu. "Und ein Kitz ist uns entwischt. Aber das ist ins Rapsfeld geflüchtet. Da ist es erst einmal sicher", erklärt die Jagdpächterin, die mit ihren Helfern schon am Vortag ein Bambi retten konnte. "Genau aus dem Grund machen wir das hier", sagt sie mit Blick auf die zarten Tierchen.

Technik, die Leben rettet

Viel Zeit zum Ausruhen bleibt an diesem Morgen nicht. Die Zeit rennt, denn mit der stärker werdenden Sonne bekommt die Wärmebildkamera ihre Probleme. Deshalb drückt die junge Frau, die in Briesen zu Hause ist, aufs Tempo. "Kommt rüber!", ruft sie die Helfer auf ein anderes Feld. Die eilen herbei, postieren sich am Feldrand und warten auf weitere Kommandos.

Michelle Rzadkowski und Frank Neumann programmieren indes den Hexacopter für die nächste Suche. Da zahlt sich die Ortskenntnis der Jagdpächterin aus. Wenige Minuten später hebt die teure Technik, die Leben retten kann und auch von der Polizei bei der Verbrecher- und Vermisstensuche immer wieder eingesetzt wird, gen Himmel ab. Zunächst passiert nichts. Doch dann: "Was ist das für ein Punkt da?", will Neumann wissen und zeigt auf die Digitalanzeige. Michelle Rzadkowski ruft mit dem Handy sofort einen der Kitz-Retter an und lotst ihn vorsichtig durch die kniehohe Luzerne. Entwarnung! Nichts!

Ein paar Minuten darauf wiederholt sich das Spielchen. Diesmal hat die Wärmebildkamera tatsächlich eine Liegefläche aufgespürt, allerdings eine verlassene. Während der Hexacopter weiter die Fläche durchsucht, erzählt die Försterin und Jägerin noch etwas zu den Beweggründen der Aktion: "Zum Jägersein gehört ja nicht nur schießen, sondern auch die Hege. Und wenn wir die Tiere schützen können, dann sollten wir das tun." Zumal der Wolf die Population auch minimiert.

Ricke und Kitz finden sich wieder

Ihre Acker-Nachbarn habe sie davon schnell überzeugen können und auch mit der Bauerngesellschaft habe es in diesem Jahr gute Gespräche gegeben. So gut, dass sie es an diesem Tag schafft, dass bestimmte Bereiche noch nicht sofort gemäht werden, denn dort soll die Rettungsaktion erst am nächsten Morgen weitergehen. Dabei werden erneut zwei Kitze gefunden. Macht an drei Tagen sieben gerettete Leben. 

"Ich hoffe, dass immer mehr Pächter und Landwirte zusammenarbeiten und diese Möglichkeit der Rehkitz-Rettung nutzen. Man kann das gemeinsam organisieren. 48 Stunden Vorlauf vor der Mahd zu haben, das wäre gut." Auch für die Landwirte sei das etwas Positives. Sollten nämlich Wildtierreste im Tierfutter sein, könnten daran beispielsweise auch Kühe ernsthaft erkranken, weiß Michelle Rzadkowski.

An diesem Tag sind die Akkus für den Hexacopter alle, die Sonne steht auch zu hoch. Schluss mit der Suche. "Aber auf die Kitze müssen wir noch aufpassen", betont die Jägerin. "Die können wir erst rauslassen, wenn die Fläche gemäht wurde, ansonsten verschwinden sie sofort wieder im dichten Grün und suchen Schutz." Einige Stunden später ist die Zeit gekommen.

"Die Ricke findet ihre Jungen wieder", versichert sie. Die rufen nach der Mutter. "Die Ricke gestern hat mich gar nicht aus den Augen gelassen, als ich mit dem Kitz im Karton ankam", berichtet Michelle Rzadkowski. Keine zwei Stunden später habe das Muttertier das Kitz dann geholt. Familienvereinigung nach der tödlichen Gefahr. "Das ist einfach ein ganz tolles Gefühl", betont die etwas müde Lebensretterin.

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